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Egon Erwin Kisch, Prager VerbrechenWäre es nicht wahr, wäre es gut erfunden

Egon Erwin Kisch wurde als „Rasender Reporter“ bekannt. Einige Kriminalreportagen, für die er teilweise auf fragwürdige Weise Informationen besorgte, erscheinen jetzt wieder.

Der Ruf des als „rasender Reporter“ berühmt gewordenen Egon Erwin Kisch, 1885 in Prag geboren, gründete, als er ein junger Journalist war, zu einem nicht geringen Teil auf Kriminalreportagen. Dass er bei seiner Arbeit nicht zimperlich vorging, sich mitunter auf fragwürdige Weise Informationen verschaffte und dort, wo die Realität nicht interessant genug ausfiel, ihr mit fantasievollen Eingebungen die nötige Farbe verlieh, ist im Hinterkopf zu behalten, wenn man die Texte dieses Bandes liest.

Kisch hätte, zitiert die Herausgeberin Sabine Rückert den Literaturwissenschaftler Erhard Schütz, „den nach ihm benannten Preis nie und nimmer erhalten“, der heutzutage an verdiente Ver­tre­ter*in­nen seiner Zunft verliehen wird.

Aber ein Jahrhundert danach betrachtet, spielt es eigentlich keine so große Rolle, ob etwa die herzzerreißende Story über eine alte Waschfrau, die an dem Gedanken verzweifelt, dass ihr einziger Sohn vielleicht einen Raubmord begangen hat, und die vor dem dreist hereingeschneiten Reporter einfach so mit ihrer tragischen Lebensgeschichte herausplatzt, auch nur einen Funken Wahrheit enthält. Täte sie es nicht, so wäre sie doch sehr gut erfunden; und da sehr gut geschrieben, ist sie heute eben ein Stück Literatur.

Das Buch

Egon Erwin Kisch: „Prager Verbrechen“. Die Andere Bibliothek, Berlin 2026. 336 Seiten, 28 Euro

Doch definitiv gibt es auch Texte, in denen sich der Verfasser spürbar um größtmögliche Faktentreue und Präzision bemüht, allen voran in der langen Reportage über den Fall des Obersten Redl, der, ein hoher Offizier des k. u. k. Geheimdienstes, Informationen an die Russen verkauft hatte und sich, kaum dass er aufgeflogen war, umbrachte.

Kisch enthüllte einen sensationellen Fall

Damit es nicht zu einem für das Korps peinlichen Prozess käme, hatten seine einstigen Kollegen Redl eine Schusswaffe zugespielt, mit der er sich pflichtschuldig erschoss. Dass der sensationelle Fall nicht unter den Teppich gekehrt wurde, war Kischs gründlich recherchierter Enthüllungsgeschichte zu verdanken.

Einerseits war dem Reporter durchaus daran gelegen, die Sensationsgier des Lesepublikums zu befriedigen, andererseits interessierte ihn das Verbrechen an sich stets weniger als die Umstände, unter denen es geschah und die es nach sich zog. Beim Besuch des Prager Polizeimuseums stellt er fest, dort fehle „all das, was ihn [den Menschen] lockt, lieber ein Verbrecher zu sein als ein von jedem Genuss unschuldig Ausgestoßener“.

Ein anderes Mal klettert Kisch verbotenerweise über die Mauer zum unzugänglichen Gefängnisfriedhof, wo die in Haft Verstorbenen schmucklos nummeriert verscharrt werden, und bekennt sich dazu „sichtlich bewegt“. Dann wiederum besucht er einen der fünf Henker, die es im österreichischen Kaiserreich gab, und lässt sich eine genaue Beschreibung von dessen Tätigkeit und Arbeitsethos geben. Ein paar Jahrzehnte später berichtet er über die öffentliche Hinrichtung von Karl Hermann Frank, einst NS-Staatsminister im Protektorat Böhmen und Mähren und unter anderem verantwortlich für die Massenmorde in Lidice und Ležáky.

„Prager Verbrechen“

Es ist eine riesige Bandbreite an Themen, die Kisch verarbeitet und die Sabine Rückert aus seinen gesammelten Werken herausgeklaubt und in diesem Band unter der großen inhaltlichen Klammer „Prager Verbrechen“ zusammengefasst hat. Das Verbrechen, sieht man hier, ist ein weites Feld, und für Kisch, der erst im Laufe seines Lebens zum kommunistischen Frontkämpfer (und später zum Stalinisten) wurde, war es wohl von Anfang an das Feld, auf dem gesellschaftliche Schieflagen am deutlichsten sichtbar werden.

Fast etwas paradox gehört diese Textsammlung über die dunklen Seiten des Menschseins zu den schönsten Büchern dieses Jahres. Das Buch enthält Illustrationen von Jörg Hülsmann, und seine Einbandgestaltung adelt es quasi zum Designobjekt.

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