EU-Entscheidung zu Ladegeräten: Gibt es bald weniger Kabelmüll?

Die EU hat sich diese Woche auf einen einheitlichen Ladeanschluss für zahlreiche Elektronikgeräte geeinigt. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Drei Ladekabel, die - in grünes Licht getaucht - auf einem Untergrund liegen

USB-C, Lightning oder Micro-USB – welches darf es sein? Foto: picture alliance/dpa/Mohssen Assanimoghaddam

1 Wann kann ich meine Elek­tronikgeräte mit dem gleichen Kabel laden?

Die Vorschrift für neue einheitliche Ladeanschlüsse für Elektronikgeräte kommt in zwei Schritten und gilt jeweils für Geräte, die dann neu verkauft werden. Der erste Schritt kommt Mitte 2024. Er umfasst ein ganzes Bündel an Geräteklassen: Tablets, Kopfhörer, Headsets, tragbare Spielkonsolen und Lautsprecher, digitale Kameras, E-Reader, Tastaturen, Computermäuse, portable Navigationsgeräte und elektronisches Spielzeug. Sie alle müssen spätestens dann mit einem USB-C-Anschluss ausgestattet sein – immer unter dem Vorbehalt, dass das jeweilige Gerät groß genug dafür ist. Gerade für sehr kleine Geräte wird es also weiterhin Extrakabel geben. Für Laptops gilt eine längere Übergangsfrist: Hier soll ab Anfang 2026 ­USB-C zum Standard werden. Andere Anschlüsse sind mit der neuen Regelung übrigens nicht verboten, sie können zusätzlich vorhanden sein.

2 Gibt es dann kein Ladekabel mehr dazu beim Kauf eines Geräts?

Beim Kauf vom Smartphone, E-Reader oder anderer Technik, die unter die neue Vorgabe fällt, sollen Kun­d:in­nen wählen können, ob sie ein neues Ladekabel haben wollen oder nicht. Optimalerweise bestellen sie das Kabel nur dann dazu, wenn bei ihnen noch keines zu Hause in der Schublade liegt. Ein guter Teil der Haushalte dürfte aber jetzt schon über mindestens ein Ladegerät mit USB-C-Anschluss verfügen – schließlich ist der Standard bei vielen Geräten schon seit ein paar Jahren gängig. Die Europäischen Grünen hatten in den Verhandlungen durchsetzen wollen, dass Hersteller Kabel und Gerät nicht zusammen anbieten dürfen, konnten sich mit dieser Forderung aber nicht durchsetzen. Allerdings soll nach vier Jahren eine Bilanz gezogen werden – gegebenenfalls könnte ein getrennter Verkauf von Kabel und Gerät dann zur Pflicht gemacht werden.

3 Warum kommt die Vorgabe erst jetzt?

Das fragen sich Bran­chen­ken­ne­r:in­nen auch. Schließlich ist das Kabelwirrwarr-Problem ein ziemlich altes. So versuchte die EU-Kommission schon 2009, ein einheitliches Ladegerät in der Branche zu verankern. Damals setzte man allerdings nur auf eine freiwillige Selbstverpflichtung. Durch den politischen Druck und technische Entwicklungen reduzierte sich mit den Jahren immerhin die Zahl der Anschlusstypen von rund 30 auf 3. Die meisten Hersteller setzen bei Smartphones nun entweder auf den Mikro-USB-Anschluss, der langsam zum Auslaufmodell wird, oder eben USB-C. Nur Apple schert mit seinem Lightning-Anschluss aus – als Begründung diente anfangs, dass dieser flachere Geräte ermögliche. „Wir haben ein bisschen zu sehr auf die Selbstregulierung vertraut“, räumte EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton bei der Vorstellung der Pläne im vergangenen Jahr ein.

4 Wer gewinnt bei der neuen Regelung?

„Für uns als Verbraucherinnen und Verbraucher bietet ein einheitliches Ladegerät tatsächlich große Vorteile. Auch unserer Umwelt wird diese Neuerung zugutekommen“, sagte Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager nach der Einigung am Dienstag. Die Umwelt profitiert, weil weniger Ressourcen verbraucht werden und weniger Elektroschrott entsteht. Die EU-Kommission beziffert die Menge von entsorgten und ungenutzten Ladegeräten auf EU-weit 11.000 Tonnen jährlich. Ein Drittel der Ladegeräte, die bei Nut­ze­r:in­nen liegen, werde gar nicht verwendet. Die Kommission rechnet damit, dass mit dem einheitlichen Anschluss das Aufkommen von Elektroschrott um fast 1.000 Tonnen jährlich reduziert werden kann. Ver­brau­che­r:in­nen profitieren, weil sie weniger oder keine unterschiedlichen Kabel mehr benötigen. Das soll auch Geld sparen: „Die erzielte Einigung wird für Verbraucherinnen und Verbraucher jährlich Einsparungen in Höhe von rund 250 Millionen Euro bringen“, sagte EU-Kommissar Breton. Ob das so kommt, ist aber fraglich. Denn dafür müssten die Hersteller die Preise ihrer Geräte senken, wenn sie sie in Zukunft ohne Ladegeräte verkaufen. Einzeln verkauft werden nur die wenigsten Kabel, laut Kommission liegt dieser Anteil bei 2,4 Millionen Euro.

5 Wer verliert?

Im Prinzip vor allem: Apple. Der Konzern hatte sich lange gegen einen einheitlichen Anschluss gewehrt. Die Begründung: Das sei ein Innovationshemmnis. „Der Vorschlag steht in keinem Verhältnis zu dem wahrgenommenen Problem“, hatte Apple in seiner Stellungnahme im Anhörungsverfahren vergangenes Jahr erklärt. Es könnte allerdings auch etwas anderes dahinterstecken: Geld. Denn Apple erzielt Einnahmen aus Lizenzprogrammen. So müssen Dritthersteller von Lightning-Zubehör ihre Produkte lizenzieren lassen.

6 Was heißt die Einigung für Länder außerhalb Europas?

Das wird noch spannend. Da die meisten Hersteller zumindest bei Smartphones eh schon auf ­USB-C setzen, wird es hier keine großen Unterschiede geben. Die Frage ist: Was macht Apple? USB-C in Europa und Extra-Geräte mit Lightning-Anschluss für den Rest der Welt? Oder eine Variante aus Lightning plus USB-C? Das wäre schließlich auch erlaubt. Bei Laptops hatte Apple teilweise bereits auch auf ­USB-C gesetzt – bei der jüngst vorgestellten Generation gibt es allerdings wieder einen hauseigenen magnetischen Anschluss. Der hat tatsächlich einen Vorteil gegenüber USB-C, er springt nämlich bei versehentlichem Stolpern und Ziehen einfach ab. Auf Nachfrage der taz äußerte sich das Unternehmen nicht zu seinen Plänen.

7 Was sagt die Branche?

Nichts Gutes. Apple, das in der Vergangenheit gegen einen einheitlichen Ladestandard lobbyiert hatte, verweist auf Anfrage nur auf seine Stellungnahme aus dem Anhörungsverfahren. Der IT-Verband Bitkom sieht in dem Standard ein Innovationshemmnis und prophezeit: Der Elektroschrott werde sich nicht verringern. „Auf die Umweltbilanz von Smartphones und anderen Geräten wirken sich eine ganze Reihe von Faktoren aus, deren Bedeutung weit über die der Kabel hinausgeht: Nutzungsdauer und der Energieverbrauch sind die wichtigsten“, sagte Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder. Dazu komme, dass Geräte zunehmend kabellos geladen würden. Eine gesetzliche Pflicht für wirklich langjährige Software-Updates, die die Lebensdauer von Geräten deutlich verlängern könnte, lehnt die Branche allerdings auch ab und findet, die Hersteller sollten selbst entscheiden, wie lange sie ihre Geräte mit Aktualisierungen versorgen.

8 Gibt es Pläne für einen EU-weiten Standard für kabel­loses Laden?

Beim kabelgebundenen Laden kam die Einigung mehr als zehn Jahre verspätet. Beim kabellosen Laden, das jetzt schon einzelne Geräte können und für das auch bereits Ladeschalen und Möbel mit eingebauten Ladepunkten auf dem Markt sind, soll das schneller gehen. Mit dem Qi-Standard gibt es zwar einen, dem sich mehrere Hundert Unternehmen, darunter Hersteller wie Samsung, Sony, Huawei und Apple, angeschlossen haben. Dennoch existieren weitere Standards, und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Hersteller auch hier wieder Insellösungen basteln. Das Europäische Parlament wollte daher am liebsten gleich einen Standard für das kabellose Laden mit auf den Weg bringen. Doch in der Schlussrunde konnten sich die Ver­hand­le­r:in­nen von EU-Parlament und Mitgliedsstaaten nicht darauf einigen. Der Plan ist nun, dass die Europäische Kommission die „Entwicklung der Technologien und der Marktdynamik“ beobachten will und sich dann später um eine Harmonisierung kümmert. Wenn die Kommission dabei den richtigen Zeitpunkt erwischt, könnte das aber auch ein Vorteil sein: Sie könnte sich dann für den Standard entscheiden, der ökologisch am besten abschneidet.

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