Durch Polizeischüsse getöteter Afghane

Demonstrant*innen wollen Aufklärung

In Stade wurde des von einem Polizisten erschossenen Geflüchteten Aman Alizada gedacht. Die Demonstrant*innen fordern Aufklärung.

Demonstranten halten Schilder und Transparente hoch

Demonstrant*innen in Stade erinnern mit Fotos an Aman Alizada Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | „Aman war ein friedlicher und hilfsbereiter Mensch“, stand auf einem Transparent. Auf einem anderen: „Aman war genauso wie wir“. Unter Fotos stand geschrieben: „Wir vermissen Dich.“

Am Samstag haben etwa 200 Menschen in Stade demonstriert, um an den vor zwei Monaten getöteten Geflüchteten Aman Alizada zu erinnern und die Aufklärung seines Todes zu fordern. Der 19-jährige Afghane war von einem Polizisten erschossen worden (taz berichtete). Der Flüchtlingsrat Niedersachsen und weitere Gruppen hatten zu der Demonstration aufgerufen.

Was genau am 17. August in der Unterkunft für Geflüchtete in Stade-Bützfleth passierte, wird noch ermittelt. Die Cuxhavener Polizei hat den Fall übernommen, damit Polizist*innen nicht gegen einen direkten Kollegen ermitteln.

Laut Staatsanwaltschaft Stade sei die Polizei zu der Unterkunft gerufen worden, weil eine Person Angst vor ihrem Mitbewohner gehabt habe. Der Mitbewohner war Aman Ali­zada. Weil er der Polizei bereits bekannt gewesen sei, sei sie mit zwei Streifenwagen angerückt. Ali­zada habe zunächst nicht auf Ansprache reagiert, beim Betreten der Wohnung soll er mit einer Hantelstange auf die Polizist*innen losgegangen sein. Der Einsatz von Pfefferspray sei wirkungslos gewesen, sodass einer der Beamten „zur Unterbindung des Angriffs auf den Angreifer schoss“.

Die einzigen Zeug*innen sind Polizist*innen

Dörthe Hinz vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat sagte in ihrem Redebeitrag am Samstag, Alizada sei nach ihren Erkenntnissen durch mehrere Schüsse in den Oberkörper getötet worden. Und die einzigen Zeug*innen seien die vier Polizist*innen, die mit ihm allein in der Wohnung waren.

Es sei „alarmierend“, dass die Polizei nicht in der Lage sei, eine solche Konfliktsituation anders zu regeln, so Hinz. Alizada habe sich in einer psychischen Krisensituation befunden. Er sei zuvor mehrere Wochen in stationärer psychiatrischer Behandlung gewesen. „Er brauchte eigentlich dringend Hilfe“, so Hinz. Der Polizei sollen Alizadas psychische Probleme durch einen vorherigen Einsatz bekannt gewesen sein. Hätten die Beamt*innen deshalb nicht anders auf ihn reagieren müssen?

Sechs bis 13 Menschen starben zwischen 2009 und 2017 pro Jahr durch Schüsse von Polizist*innen.

Eine psychische Erkrankung hatte etwa die Hälfte von ihnen. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, weil der Gesundheitszustand nicht bei allen Opfern aufgeklärt werden konnte.

Es gehe nicht um eine Vorverurteilung des Polizisten, sagte Barbara Erhardt-Gessenharter von der Bürgerinitiative Menschenwürde. „Genauso wenig wollen wir eine Vorwegfreisprechung.“ Dass der Polizist, der die tödlichen Schüsse abgab, mittlerweile wieder im Dienst sei, sei aber kein gutes Omen für eine ergebnisoffene Untersuchung.

Sowohl Hinz als auch Erhardt-Gessenharter kritisierten, dass Alizada in einigen Zeitungsartikeln als gewaltbereiter junger Mann dargestellt worden sei. Vorbestraft war Alizada laut Staatsanwaltschaft nicht. Er sei einmal auffällig geworden, weil er mit einem Messer bewaffnet durch Stade gelaufen sei und gegen einen LKW getreten habe.

Alizada flüchtete als 15-Jähriger alleine nach Deutschland. Er gehörte der Minderheit der Hazara an, suchte in Deutschland Schutz vor Verfolgung. Die ersten zwei Jahre in Stade lebte er mit etwa 70 anderen Minderjährigen in einer Turnhalle. Das Leben dort verlange den Jugendlichen eine Menge ab, sagte eine ehemalige Betreuerin am Samstag.

Sein Asylantrag wurde abgelehnt

Alizada sei dennoch ehrgeizig gewesen, habe bis nachts Hausaufgaben gemacht. Er schaffte den Hauptschulabschluss und begann eine Tischlerlehre. Die musste er wegen seiner Erkrankung jedoch abbrechen. Die Betreuerin und auch Freunde von Alizada bezeichneten ihn als höflichen, hilfsbereiten, jungen Mann. „Aman funktionierte in unserem System und darauf kam es an“, sagte die Betreuerin.

Sein Asylantrag wurde kurz vor seinem 18. Geburtstag trotzdem abgelehnt, erzählte Hinz. Die fortwährende Angst, nicht in Deutschland bleiben zu können, setze besonders junge Geflüchtete enorm unter Druck und mache krank.

Dörthe Hinz, Flüchtlingsrat

„„Er brauchte eigentlich dringend Hilfe“

Und als Aman Alizada nicht mehr funktionierte und es ihm nicht gut ging? Hinz sagte, ihre Gespräche vor Ort offenbaren weitere Defizite in der psychosozialen Versorgung junger Geflüchteter. So habe Ali­zada nach seiner Entlassung aus der stationären Behandlung keine Nachversorgung erhalten und sei auf sich allein gestellt gewesen. Kurz nach seinem 18. Geburtstag fiel er offenbar auch aus der Jugendhilfe.

Sowohl Dörthe Hinz als auch Barbara Erhardt-Gessenharter kündigten an, den Problemen weiter nachzugehen. Auf Antrag der Grünen soll die niedersächsische Landesregierung den Innenausschuss demnächst über die Regelungen zu Polizeieinsätzen im Zusammenhang mit psychisch Erkrankten sowie Vorgaben zu Schulungen in dem Bereich unterrichten.

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