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Dürftige Strafverfolgung bei Hate Speech Digitale Gewalt ist reale Gewalt

Marie Frank

Kommentar von

Marie Frank

Nur die wenigsten Fälle von Hate Speech landen vor den Gerichten. Die Berliner Polizei ist bei der Ermittlung auch nicht mit Eifer aufgefallen.

H ate Speech, also Hetze, Hass und Diskriminierung im Internet, wird zunehmend zum gesellschaftlichen Problem. Bleibt sie unwidersprochen und ohne strafrechtliche Konsequenzen, hat das fatale Folgen. Betroffene werden eingeschüchtert und rechtsextreme, menschenfeindliche Propaganda wird normalisiert. Und führt im schlimmsten Fall zu noch mehr Gewalt – auch außerhalb des Internets.

Dennoch landen in Berlin nur die wenigsten Fälle von Hate Speech überhaupt vor Gericht. Trotz der eigens geschaffenen Zentralstelle Hasskriminalität bei der Staatsanwaltschaft wird ein Großteil der Verfahren eingestellt. Tä­te­r*in­nen können sich so in Sicherheit wiegen und die Opfer werden im Stich gelassen. Die Polizei verweist bei dem Thema gerne auf mangelnde Kapazitäten und nutzt die Gelegenheit, um mehr Personal zu fordern.

Doch mehr Polizei wird das Problem nicht lösen. Vielmehr sollten die vorhandenen Kapazitäten sinnvoll genutzt werden. Statt an vermeintlich kriminalitätsbelasteten Orten wie dem Görli und dem Kotti die Polizeipräsenz zu erhöhen, könnten die Be­am­t*in­nen für die Verfolgung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Netz eingesetzt werden – was allemal sinnvoller wäre, als mittels Racial Profiling ab und zu ein paar Gramm Hasch zu konfiszieren.

Dafür ist es nötig, dass die Beamt*in­nen entsprechend geschult werden. Denn wenn es um digitale Strafverfolgung geht, ist die Berliner Polizei bislang nicht unbedingt mit Expertise oder Eifer aufgefallen. Beim Neukölln-Komplex hat es geschlagene anderthalb Jahre gedauert, bis auf dem Computer des hauptverdächtigen Neonazis eine Feindesliste gefunden wurde. Und die war nicht einmal verschlüsselt, sondern lag im virtuellen Papierkorb.

Es braucht ein größeres gesellschaftliches Bewusstsein darüber, dass Hate Speech kein Bagatelldelikt ist, sondern eine Gefahr für die Demokratie. Die Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Homo- oder Transphobie liegt immer im öffentlichen Interesse, egal ob online oder offline.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Marie Frank

Marie Frank Redakteurin

Redakteurin bei der taz mit Schwerpunkt soziale Bewegungen, Migration, Klassenkampf und soziale Gerechtigkeit. Hat politische Theorie studiert, ist aber mehr an der Praxis interessiert.
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