Drohnenvorfälle in Rumänien: Neptun ist ein verlockendes Ziel
Rumänien ist es gelungen, eine Marinedrohne nahe einem Offshore-Gasprojekt zu zerstören. Die Vorfälle häufen sich und stellen Bukarest auf die Probe.
Foto: Vadim Ghirda/ap/dpa
In diesem Sommer beschloss Magda Măgureanu, zu Hause in Bukarest zu bleiben, anstatt wie üblich ihren Kurzurlaub an der rumänischen Schwarzmeerküste zu verbringen. Die Entscheidung der 58-Jährigen hat vor allem finanzielle Gründe. Sie war kürzlich in Kurzarbeit geschickt worden, da ihr Arbeitgeber wegen der Wirtschaftskrise in Rumänien – das Land mit dem höchsten Haushaltsdefizit in der EU – Kosten einsparen musste.
Geld war nicht der einzige Grund. Măgureanu sagt, sie sei auch zunehmend besorgt über den Krieg in der benachbarten Ukraine, nachdem sie Berichte in den Medien, vor allem aber in den sozialen Medien gelesen habe. „Ich spüre, dass der Krieg immer näher rückt, und frage mich daher immer wieder, wie sicher wir eigentlich sind“, sagt sie. Ihre Sorge teilen viele Rumänen.
Seit des vollumfänglichen Einmarschs Russlands in die Ukraine im Februar 2022 war Rumänien immer wieder vom Krieg betroffen. Doch die Zahl der Vorfälle hat in den letzten Wochen stark zugenommen. Rumänien, das eine fast 650 Kilometer lange Grenze zur Ukraine hat, verzeichnete allein in diesem Jahr bislang 27 Drohnenübergriffe. Seit dem Beginn der Invasion Russlands wurden laut Verteidigungsministerium insgesamt rund 60 Drohnen oder Drohnenfragmente auf rumänischem Territorium identifiziert.
Bukarest reagierte zunächst zurückhaltend auf die Übergriffe. Bis Mai 2025 beschränkte sich Rumänien weitgehend darauf, Kampfflugzeuge zu entsenden, Drohnenwracks zu bergen, Schutzräume in Grenznähe zu errichten und Moskau dafür zu verurteilen, dass es zuließ, dass der Krieg auf rumänisches Territorium übergriff.
Bereits vier Drohnen abgeschossen
Das änderte sich im vergangenen Jahr, als im Mai ein Gesetz in Kraft trat, das dem Militär die klare Befugnis erteilt, unbemannte Fluggeräte anzugreifen, die illegal in den rumänischen Luftraum eindringen. Allein im letzten Monat haben Kampfflugzeuge vier Drohnen abgeschossen, daran waren auch in Rumänien stationierte Flugzeuge anderer Nato-Staaten beteiligt.
Der jüngste Vorfall ereignete sich am 20. August. Eine rumänische F-16 zerstörte mit ihrer Bordkanone eine Marinedrohne in der ausschließlichen Wirtschaftszone (EEZ) Rumäniens im Schwarzen Meer, und zwar in der Nähe des Offshore-Gasprojekts „Neptun Deep“, etwa 150 Kilometer östlich der rumänischen Küste. Anlagen in der EEZ werden nicht explizit von Artikel 5 des Nato-Vertrags über die kollektive Verteidigung erfasst, möglicherweise ist „Neptun Deep“ wegen dieser Unsicherheit ein verlockendes Ziel.
Präsident Nicusor Dan beschuldigte Russland und verurteilte Moskau dafür, „kritische Infrastruktur“ und Menschen, die „auf der Plattform arbeiten“, zu gefährden. „Ich verurteile die Zunahme dieser unverantwortlichen Vorfälle seitens der Russischen Föderation aufs Schärfste“, erklärte Dan auf X. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verurteilte den Vorfall: „Eine eskalierende Drohkampagne findet statt, die unsere Bürger verunsichert und darauf abzielt, unsere Union zu spalten. Das ist hybride Kriegsführung.“
Es ist nicht das erste Mal, dass Drohnen in der Nähe von „Neptun Deep“ gesichtet wurden. Bereits am 11. August zerstörten Taucher der rumänischen Armee zwei russische Drohnen vom Typ „Gerbera“ in der Nähe der Projektanlage.
Druck auf Rumäniens Streitkräfte erhöht
Das Offshore-Gasprojekt unter der Leitung der österreichischen OMV Petrom und des rumänischen staatlichen Gasunternehmens Romgaz soll im nächsten Jahr die Produktion aufnehmen. Es soll jährlich rund 8 Milliarden Kubikmeter Gas fördern und könnte Rumänien zum größten Erdgasproduzenten der EU machen, sobald die volle Förderkapazität erreicht ist.
Experten zufolge hat die Verschärfung der russischen Angriffe in der Region Odessa nahe der rumänischen Grenze in der aktuellen Phase des Krieges zu der steigenden Zahl von Vorfällen mit Drohnen beigetragen. Doch laut dem pensionierten Marineoffizier und Militäranalysten Valentin Mateiu könnte es um mehr gehen als nur um Drohnen, die unbeabsichtigt über die Grenze gelenkt wurden. „Es gab Situationen, die sich nicht als rein zufällige Vorfälle erklären lassen. Wir können daher die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Russland einen hybriden Krieg führt, der darauf abzielt, die Reaktionsfähigkeit Rumäniens, eines Nato-Mitgliedstaats, auf die Probe zu stellen“, sagt Mateiu.
Die wiederholten Vorfälle haben den Druck auf die Luft- und Seeverteidigung Rumäniens erhöht und in der Öffentlichkeit Fragen aufgeworfen, wie gut das Land gegen die vielfältigen hybriden Bedrohungen aus Russland geschützt ist.
Mateiu bleibt vorsichtig, ist aber optimistisch. Rumänien habe mit der Unterstützung seiner Nato-Verbündeten bislang unter Beweis gestellt, über ein funktionierendes Verteidigungs- und Schnellreaktionssystem zu verfügen, das in der Lage ist, bedrohliche Drohnen unschädlich zu machen. „Die Fakten sprechen für sich“, sagt er. „Die Tatsache, dass Rumänien den Bedrohungen, denen es ausgesetzt ist, wirksam begegnet, kann nur dazu beitragen, ähnliche Aktionen in Zukunft zu verhindern.“
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