Drehbuchautor über Jörg Fausers Roman

„Ich hätte ihn damals nicht gemocht“

Jörg Fausers Roman „Rohstoff“ kommt ins Kino. Das Buch sei eine Abrechnung mit den Repräsentanten der Staatskultur, sagt Stefan Weigl.

Ein Schwarzweiß-Foto des Autors Jörg Fauser mit einer Zigarette im Mund

Ein „enttäuschter Liebender, der gerne Teil des Establishment gewesen wäre“: Jörg Fauser auf der Buchmesse 1985 Foto: imago/teutopress

taz: Herr Weigl, Sie haben das Drehbuch für den neuen Film des Regisseurs Pepe Danquart geschrieben, nach Jörg Fausers Roman „Rohstoff“. Drehbeginn ist im Frühjahr 2018. Wie sind Sie auf das Projekt gekommen?

Stefan Weigl: Ich habe vor 20, 25 Jahren relativ viel von Fauser gelesen. Altersgemäß kam ich von Bukowski und habe bei Fauser Gleichartiges gefunden. Als Pepe Danquart mich dann vor knapp zwei Jahren gefragt hat, ob ich „Rohstoff“ machen wolle, hatte ich gerade den Deutschen Filmpreis und den Preis der deutschen Filmkritik für das Drehbuch „Zeit der Kannibalen“ gewonnen. Da kam eine Flut von Anfragen. Das meiste war totaler Dreck – ich hatte aber das Gefühl, dass ich jetzt mal mit etwas Neuem anfangen müsste. Das war ein ganz praktischer Grund. Und nachdem ich bisher immer eigene Stoffe bearbeitet hatte, dachte ich, eine Romanadaption wäre vielleicht leichter.

Wurde Ihre Hoffnung erfüllt?

Überhaupt nicht. Ich habe „Rohstoff“ noch mal gelesen und es hat mich auf einer ganz anderen Ebene berührt als früher. Fauser beschreibt, wie sich Subkulturleute als Geschäftemacher darstellen. Diese Dialektik der Subkultur kannte ich nur von den Amis, heute als „kalifornische Ideologie“ bezeichnet. Wo Politik und Kultur schon ein Teil von Marketing sind, ohne dass man das zu dieser Zeit schon auseinanderdividieren kann, in der Hausbesetzerszene, in den alternativen Nachtclubs. Das hat mir unheimlich gut gefallen.

Sie setzen also weniger auf die romantische, zeitlose Geschichte, wie einer vom Junkie zum Schriftsteller wird?

Schriftstellerbiografien, wo einer erst arm ist und dann erfolgreich, die gibt es ja nun schon. Ich bin selbst ein Beispiel dafür. Das ist nichts, was mich interessiert. Was „Rohstoff“ eigentlich für ein Buch ist, wurde mir erst klar, als ich mir Fausers Auftritt in Klagenfurt beim Bachmannpreis 1984 angeschaut habe. Wie er dort niedergemacht wurde. „Rohstoff“ ist eine Abrechnung mit den Staatskulturrepräsentanten dieser Zeit. Fauser ist eben auch ein enttäuschter Liebender, der gerne Teil des Establishment gewesen wäre. Aber man hat ihm die Tür vor der Nase zugeknallt. Diese Szene aus Klagenfurt soll den Film auch eröffnen.

geboren 1962, ist Hörspiel- und Drehbuchautor aus München. Für das Drehbuch zu „Zeit der Kannibalen“ erhielt er 2015 den Deutschen Filmpreis.

Die bekannteste Fauser-Verfilmung ist wohl der „Schneemann“ von 1984 mit Marius Müller-Westernhagen in der Hauptrolle. Dieser Krimi, mit dem Fauser seinen Durchbruch hatte, hätte Sie nicht gereizt?

Null. Aus späterer Sicht hat mir schon eingeleuchtet, warum Fauser sich diesem Genre zugewandt hat. Und ich kenne und schätze auch seine Vorbilder. Aber das mache ich selbst, auf einem niedrigeren Niveau, als Drehbuchautor für die SOKO-Reihe, davon lebe ich.

Wie spiegelt sich Ihr Blick im Drehbuch wider? Was haben Sie weggelassen, was betont?

Am Anfang habe ich versucht, alles reinzubringen. Das ist wohl ein Teil des ganz normalen Prozesses. Und natürlich ist der Aufstieg von Harry Gelb, Fausers Alter Ego, schon die Folie, auf der das Ganze passiert. Dann aber konzentriere ich mich sehr auf die Frankfurter Zeit in der „Szene“. Wichtig war mir, die Dialektik von Fauser zu betonen, seinen Hang zum Proletkult, dem Kitsch, der Verklärung der „einfachen Leute“, bei dem er aber eben nie stehenbleibt. Man muss auch Figuren rausschmeißen – oder betonen: Man hört ja zum Beispiel öfter, Fauser sei Jungsliteratur. Eine Figur wie die Französin Bernadette, Harry Gelbs trotzkistische Freundin in Frankfurt, ist aber schon im Buch unheimlich stark. Sie steht dafür, das Fauser eben mehr ist als das.

Wer wird sie spielen?

Das steht noch nicht fest. Aber Harry Gelb wird von Lars Eidinger gespielt werden.

Wen soll der Film erreichen?

Eigentlich mache mir da keinen Kopf drüber. Aber ich bin natürlich schon konfrontiert mit solchen Fragen. Die Gemeinde der Fauser-Aficionados ist groß, aber nicht riesig. Ich hoffe, dass der Film für Jüngere interessant ist. Dass sie kapieren, was die eigene Zeit mit dieser Zeit zu tun hat. Das ist auch wichtig für die Leute, die das Geld für den Film springen lassen sollen. Und das sind dann eben so Sachen wie „Vorstufe der kapitalistischen Modernisierung“. Und dann beschreibt Fauser eine Welt im Westen, die es nicht mehr gibt – es haben ja nicht nur die Ostdeutschen ihr Land verloren. Jemand aus dem Westen in meinem Alter lebt heute auch in einem anderen Land. Darüber gibt es noch nicht viel.

Fauser kam vor genau 30 Jahren ums Leben. Haben Sie ihn eigentlich kennengelernt?

Wahrscheinlich habe ich ihn im Schumann’s in München mal gesehen, aber nicht wahrgenommen. Ich hätte damals Fauser mit seiner Sympathie für die SPD und für die Grünen wahrscheinlich auch nicht gemocht. Heute sehe ich das anders, auch wenn ich SPD und Grüne immer noch scheiße finde. Aber dieses Desperadotum Fausers, dieses extrem Polarisierende oder seine These, die ich teile, dass uns die Amis erst zivilisiert haben – das alles ist vielleicht auch die Voraussetzung dafür, dass er heute wiederentdeckt werden kann. Das Werk ist halt größer als der Autor. Die Fauser-Geschichte ist noch nicht zu Ende.

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