Zweiter Roman von Sven Heuchert: „Wo Waffen sind, werden sie benutzt“

Der neue Roman von Sven Heuchert, „Alte Erde“, erzählt vom schwer erträglichen Leben in der Provinz. Auf Jagd mit dem Schriftsteller

Erlegte Wildschweine liegen auf dem Boden aufgereiht, im Hintergrund stehen die Jäger der Treibjagd

Der Jägerbegriff „Rote Arbeit“ beschreibt das Ausnehmen und Ausblutenlassen des Wilds Foto: Reiner Bernhardt/imago

Sven Heuchert, 43, kräftig, bärtig und tätowiert, wirkt getroffen. Hatte sein erster Roman, „Dunkels Gesetz“, vor drei Jahren für helle Aufregung in der etablierten Krimikritik gesorgt, so kommt aus dieser Richtung für seinen Zweitling „Alte Erde“ nun ebenjenes „Schweigen im Walde“, das er dem neuen Buch als Motto vorangestellt hat.

Aber vielleicht, sinniert man als Beifahrer in Heucherts waldesgrünem Geländewagen, unterwegs in sein Jagdrevier im Westerwald, ist das wie mit den Bäumen, die ringsum auf den Höhen bräunlich verfärbt absterben. Man kann diese Opfer der Erderhitzung und des Borkenkäfers beweinen, man kann sich aber auch auf den Jungwald konzentrieren, der schon neugierig aus den bereits abgeholzten Altflächen hervorschießt.

Ganz andere, frische Leute, die „Dunkels Gesetz“ gar nicht wahrgenommen haben, entdecken gerade in „Alte Erde“ einen Schriftsteller, der, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wahrscheinlich auch einfach eine Schule für Dialogführung im Roman aufmachen könnte.

Denn „Alte Erde“ ist erneut eine Geschichte, die dann die höchsten Höhen erklimmt und in die brackigsten Löcher abtaucht, wenn Heuchert seine Figuren miteinander reden lässt. Und es ist wieder ein böses Märchen, das der Siegburger erzählt – eines, in dem gar nicht ausgemacht ist, wer nun eigentlich die Hauptrolle spielt.

Sven Heuchert, „Alte Erde“, Roman, 224 Seiten, Ullstein, Hardcover 22 Euro

Die alten Triebmittel

Zwei Brüder, Karl und Thies, treffen sich nach langen Jahren und individuell versoffenen Sinnsuchen wieder, ein Ehepaar wird sprachlos über dem vermissten Sohn, ein alter Jäger mag nicht mehr und wird nun gejagt, und am Schluss nimmt der Winner alles, es muss nur noch erst überall das Blut abgewischt werden. Heiß und trocken ist es zu Beginn im vom realen rheinischen Höhenzug Ville umschlossenen Tal, dann kommt der Regen, setzt die modernden Gerüche und die abgeklemmten Begierden frei – aber die Triebmittel der Menschen sind die alten: Geld und Sex.

Heuchert teilt sich sein Revier mit drei Kollegen, die in der Jägersprache wahrscheinlich anders heißen. So wie das Buch lange „Rote Arbeit“ heißen sollte, der Fachbegriff für das „Aufbrechen“, also das Ausnehmen des totgeschossenen Tiers. Mit einem der Mitjäger sind wir verabredet, um einen mobilen Ansitz vom Hänger zu heben und ihn zwischen zwei Maisfelder zu stellen.

Heuchert, der nichts dagegen hat, erst mal den rheinischen Redneck raushängen zu lassen, stellt sich sympathisch ungeschickt an beim Aufnesteln des Spanngurts. Er ist eben ein Dichter. Beruflich arbeitet er Teilzeit als Hörgeräteakustiker, die Ausbildung sollte das Sprungbrett zu einem musikalisch-lauten Leben mit Gitarrenverstärkern sein. Daraus wurde dann nichts, aber gerade hat er eine neue Band gefunden und erzählt begeistert davon. Die wesentliche Wahl im Leben, habe ihn sein Vater einst aufgeklärt, sei ohnehin die: Willst du vor der Arbeit duschen – oder danach.

„Alte Erde“ ist zweifellos ein Buch über die Jagd, „auf alles, was sich bewegt“, wie es in „Dunkels Gesetz“ hieß. Und wer sich drauf einlässt, wird über der Lektüre weder zwangsläufig zum abschussgierigen Triggerfan noch zum Jagdgegner. Journalisten und dann noch aus Berlin, sagt Heuchert, da kommt man derzeit bei Jägern nicht weit. „Jagdkritiker“ heißt das Stichwort.

Verwesungsgestank

Der Autor selbst lässt einen im Buch mit Meinungen weitgehend in Ruhe, er erzählt einfach, dass der alte Jäger, weil eben alt, einen Marder in der Falle vergessen hat – dementsprechend grauenhaft riecht dann auch der vermüllte Schuppen, in dem die sich befindet. Macht ihr mal da das draus, was ihr wollt, ihr Leserinnen und Leser, scheint Heuchert zu sagen; aber den Alten, den Schuppen und den Verwesungsgestank, den gibt es; und ich stelle den euch so intensiv beschrieben hin, dass ihr den nie mehr vergessen könnt; dass der ab sofort zu eurem Gehirn- und Geruchsinventar gehört.

Was in so einem westdeutschen Revier, zwischen Autobahnauffahrt, Industriegebiet, Getränke Hoffmann und Feuchtbiotop passiert, ist erst mal banal, eine softe Beschäftigung wie gärtnern oder Pilze sammeln: Man räumt auf, füttert das Wild mit Mais an („kirren“), pflanzt Bäumchen, die dann vertrocknen, und bastelt Reptilienreservate. Das alles, um sich in eine Dämmerung hineinzusetzen und mit einer Thermoskanne Kaffee manchmal einfach den Sonnenuntergang zu genießen oder eben einen Dachs zu schießen, weil der im Maisfeld sein Wesen treibt. Denn wenn das Hegen auch die Hauptsache ist, das Wesentliche ist es natürlich nicht.

„Jeder weiß, da, wo es Waffen gibt, werden sie auch benutzt“, sagt Karl. Das Wesentliche ist die Begegnung mit dem Tod, sich „ein Leben nehmen“, wie es in „Alte Erde“ heißt. Thies, einer der beiden Brüder, ist ein Meisterschütze, kann aber auf nichts schießen, was ihn anguckt. Das ist ein Nachteil in seiner Welt. In der realen Welt hier im Westerwald muss man immer aufpassen, dass die Kugel nicht durchs Wild durchschlägt und einen Menschen trifft, weil der Wald von Zivilisation umzingelt ist. Auch im Roman liegt alles schrecklich eng beieinander, alle wissen alles:

„Kennst das doch.“

„Was kenn’ ich?“

„Man hört dies, man hört das.“

„Aber bevor man was hört, Karlchen, muss doch erst mal einer’s Maul aufmachen. Oder hab ich da was falsch verstanden?“

„Haste nich’.“

Und so geht das weiter, bis klar wird, dass der alte Jäger Gustav Rio Thies’ großem Bruder Karl im Suff erzählt hat, dass er abhauen will und auch das Geld dafür hat. Das bekommt ihm nicht gut, wie allen auch die dauernde Raucherei und Sauferei nicht bekommt, die Leute leben hier so, als würden sie die Reinheit der Natur um sie herum nicht ertragen. Und dann sind eben auch noch die Maßstäbe verrutscht, das Land ist plötzlich was wert, es soll bebaut werden und alle spielen verrückt. Dabei ist „Geld wie ein Phantomschmerz. Wenn du’s nicht hast, tut’s dir weh, aber im Grunde spielt nur dein Kopf verrückt.“ Nicht nur der Kopf aber halt.

„'S geht nicht ums Geld, ’s geht um was anderes …“ Thies spuckte auf den Boden. „Du, du verlierst nicht einfach so.“

„Nein“, sagte Karl. „Ich verlier nicht einfach so.“

Thies lächelte knapp. „So viel ist sie mir nicht wert.“

Muss sie auch nicht. Monique, die Thies in einer Kneipe aufgegabelt hat beziehungsweise umgekehrt, kann ausgesprochen gut für sich selber sorgen; und als er ihr, sie mit einem Koffer voller geklautem Geld zwischen den Beinen, auf dem Weg von der Stadt seinen älteren Bruder beschreibt, weiß sie sofort Bescheid: „Noch’n Irrer.“

Das Schweigen im Walde

Zweite Bücher sind wie Pubertierende, sie stehen zwischen einem Debüt und einem Werk. Mit „Alte Erde“ hat Sven Heuchert ein wenig dem großen Pulper Charles Willeford nachgeeifert und sich dem Erfolg nicht ohne Gegenwehr ergeben. Er hat seinen Obsessionen und Vorbildern manchmal sehr viel Platz gegeben. Er hat die Charaktere so tief und plastisch gemacht, dass, wer einen Pageturner erwartet, erst mal enttäuscht wird. Das Schweigen im Walde, das auf so viel schriftstellerisches Selbstbewusstsein folgt, auf die souveräne Absage, Erwartung zu bedienen, kann schwer sein. Aber Heuchert ist keiner, der sich davon kirre machen ließe. Er ist auch Geschäftsmann, betreibt den Independent-Verlag Zinn Books, er kennt das dunkle Tal und die große Welt, die gnadenloser ist als jeder Eckkneipenschläger.

Und eine Beute gibt es ja immer. Als wir im Dunkeln den Wald verlassen, hoppelt uns ein Hase den Weg voraus. Und jedenfalls einer im Auto ist da sehr froh, dass es dabei heute geblieben ist, bei dieser Jagd.

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