Doping in der DDR: Zweifelhafter Unschuldsmythos

Ex-Trainer Henner Misersky wirft dem Dopingopfer-Hilfeverein vor, bei der Aufarbeitung des DDR-Dopings Geschichte zu klittern. Er wird verklagt.

Henner Misersky spricht auf einem Podium

Henner Misersky riskiert viel, um „Ungereimtheiten“ offenzulegen Foto: Karina Hessland/imago

STÜTZERBACH taz | Vorbei am Erbskopf und dem Finsteren Loch führt eine steile Serpentinenstraße hinunter nach Stützerbach. Unten im Tal wohnen Henrich „Henner“ Misersky und seine Frau in einem liebevoll renovierten Fachwerkhaus.

Kaum hat der Besucher die Klingel betätigt, öffnet der 79-Jährige auch schon die Tür und geleitet den Gast ins Wohnzimmer, in dem an der Wand bukolische Szenen eines Malers aus Utah hängen. Es sind Darstellungen einer heilen Welt, und Misersky tut wohl gut daran, ab und zu auf das so schön im Schnee spielende Kind zu schauen oder die auf einer grünen Wiese weidende Kuh, denn er muss sich dieser Tage mit einer Sache beschäftigen, die den Blutdruck schon mal in ungute Bereiche treiben kann.

Am Donnerstag wird eine Klage vor dem Landgericht Berlin gegen ihn verhandelt. Die Klägerin: Ines Geipel, ehemalige Leichtathletin des SC Motor Jena. Gegen Androhung eines Ordnungsgeldes in Höhe von 250.000 Euro oder ersatzweise einer Ordnungshaft von sechs Monaten wird ihm angedroht, bestimmte Dinge nicht mehr in der Öffentlichkeit zu behaupten.

Grob gesagt, verbittet sich Geipel bestimmte Aussagen über ihre Vergangenheit im DDR-Sport, die der Beklagte wiederum für wichtig und legitim hält, weil sie seiner Meinung nach der Wahrheit entsprechen. Gegen Zahlung von gut 800 Euro hätte sich Misersky fügen können, aber das wollte er nicht. „Ich lasse mich doch nicht mundtot machen“, sagt er kämpferisch.

Henner Misersky

„DDR-Sporler waren hochprivilegiert, und viele wollten es bleiben.“

Henner Misersky redet lang, fast zwei Stunden, über den Fall und was ihn sonst noch beschäftigt. Seine Frau Ilse unterstützt ihn manchmal, aber sie hat es schwer, seinen Redefluß zu unterbrechen, zu engagiert ist ihr Mann bei der Sache. Einmal hakt die frühere 800-Meter-Läuferin ein und sagt: „Wir haben Ines Geipel ja lange Zeit bewundert für das, was sie leistet und tut, wir hätten ja niemals gedacht, dass es soweit kommt.“ Vor zwei, drei Jahren noch waren Henner Misersky und Ines Geipel Verbündete.

Sie zogen an einem Strang. Sie als Vorsitzendes des Dopingopfer-Hilfevereins, kurz DOH, er als Gründungsmitglied dieses Vereins und hervorragender Kenner der DDR-Sportszene in all ihren Details. Geipel suchte immer wieder Rat bei Misersky, besuchte ihn im Thüringer Wald, nutzte auch seine Prominenz als Mitglied der Hall of Fame des deutschen Sports. Es ging beiden um die gute Sache: die staatliche Entschädigung von DDR-Dopingopfern, die in den 70er und 80er Jahren mit Anabolika vollgepumpt wurden und heute unter Organschäden oder einem kaputten Rücken leiden.

Doktrin des Zwangsdopings

Beide engagierten sich als Sachwalter eines Unrechts, das im wiedervereinigten Deutschland mit ein paar Tausend Euro zumindest ein kleines bisschen wiedergutgemacht wurde. Geipel, 59, Professorin für Versmaß an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin, Schriftstellerin und gern gebuchte Ossi-Deuterin, betrieb die Geschäfte des DOH im Stile einer Pressure Group mit aktivem Lobbying in den Medien und der harten Verteidigung ihrer Narrative.

Das ist im Grunde Business as usual, wenn es nicht um Artefakte des DDR-Sports ginge, die drohen, im Widerstreit der Interessen auf das Format von Handschmeichlern gesandstrahlt zu werden. Der DOH präsentierte regelmäßig beeindruckende Opferzahlen, und das ging nur, wenn die „Geipel-Doktrin“, wie Misersky sagt, eingehalten wurde. Das heißt: Im DDR-Sport habe es flächendeckend, und auch im Bereich der Erwachsenen, ein System des Zwangsdopings gegeben.

„Sie nahmen die blauen Bohnen bewusst“

Mündige Athleten hätten also entweder nicht gewusst, was es mit den „blauen Bohnen“, gemeint ist das Anabolikum Oral-Turinabol aus dem VEB Jenapharm Jena, auf sich hatte, oder sie waren so in das System verstrickt, dass ihnen die Einnahme aufgenötigt werden konnte. „Die Wirklichkeit ist viel, viel komplexer“, sagt Misersky, „DDR-Sportler waren hochprivilegiert, und viele wollten es bleiben, deswegen nahmen sie die blauen Bohnen bewusst, manchmal sogar in Selbstmedikation.“

Angefangen hat sein Unbehagen, als die ehemalige Sprinterin und Weitspringerin Heike Drechsler in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen wurde und in einem Interview behauptete, „ungewolltes Doping“ nicht ausschließen zu können. Sie habe Oral-Turinabol „nie wissentlich und willentlich“ genommen, ließ sie wissen.

Merkwürdigkeiten um Ines Geipel

Belegt ist, dass sie regelmäßig schluckte. Das Verbiegen der Wirklichkeit erregte Misersky damals, ihn, der als Skilanglauf-Trainer in Oberhof 1985 Mädchen in seiner Gruppe, darunter seine Tochter Antje, keine Dopingmittel geben wollte und deswegen von der DDR-Nomenklatura übel geschnitten wurde. Er sprach mit Geipel über den Fall Drechsler, aber die beschwichtigte. Die Frage stand im Raum: Darf man für die gute Sache die Geschichte klittern? Nein, fand Misersky und fing an, als er merkte, dass sich Geipels Abwehrreflex auswuchs zu einem „Kaltstellen“ und „Ausgrenzen“ seiner Person, in Geipels Biographie zu graben. Er wollte wissen, mit wem er es all die Jahre genau zu tun hatte. Hatte er sich womöglich in Ines Geipel getäuscht?

Misersky forschte nach und fand seiner Meinung nach Merkwürdiges. Die „Weltklasseathletin“, „Staffelweltrekordlerin“ – und bisweilen auch „Olympiasiegerin“ -, als die sie in den Medien erscheint, hat nur zu einem Staffel-Vereinsrekord des SC Motor Jena beigetragen, auf der ewigen Bestenliste über 100 Meter erscheint sie lediglich auf Position 442, weswegen er ihren Kaderstatus anzweifelt. Sie war Mitglied der SED, nahm nachweislich Oral-Turinabol ein, war mit einem Schwerathleten verheiratet, der auch dopte und bekam einen in der DDR sehr begehrten Germanistik-Studienplatz. In Stasi-Unterlagen ist nachzulesen, dass sie bei ihrem Trainer gezielt Dopingmittel nachfragte.

Fragwürdige Opfererzählung

Misersky berichtet noch über allerhand andere „Ungereimtheiten“, die für ihn ein untrügliches Zeichen sind, dass Ines Geipel die Realitäten im DDR-Leistungssport ziemlich verzerrt darstellt; dass sie also bewusst überdramatische und falsche Geschichten über ihre Vergangenheit im DDR-Sport erzähle und nicht zufällig mit dieser Methode im DOH reüssierte. „Ihre Opfererzählung halten auch andere Antidopingexperten wie Werner Franke für fragwürdig“, sagt Misersky. Für ihn ist klar: Sie habe genau gewusst, dass sie selbst gedopt hat und in ihrem Umfeld gedopt wurde.

„Die Wahrheit muss auf den Tisch“, fordert er. Dort steht jetzt aber erst einmal das Mittagessen: Gemüseauflauf und zum Nachtisch Obstsalat. Henner Miserskys Teller wird kalt. Er redet und redet. Er hat immer noch Aufklärungsbedarf.

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