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Doku „It's Never Over, Jeff Buckley“Er sah sich im Schatten seines Vaters

Im Dokumentarfilm „It's Never Over, Jeff Buckley“ zeichnet Regisseurin Amy Berg das Porträt eines nachdenklichen und tragischen Menschen. Nun läuft er in den Kinos.

Die Archivaufnahmen machen die Stärke von „It's Never Over, Jeff Buckley“ aus Foto: Piece of Magic Entertainment

Das Sin-é war Anfang der 1990er ein kulturelles Kleinod im New Yorker Stadtteil East Village. Kaum mehr als 30–40 Gäste hatten in dem irischen Café Platz. Eine Bühne gab es nicht. Ein paar weggeräumte Tische sorgten für genug Platz. Allen Ginsberg gab dort Lesungen, Sängerinnen wie Marianne Faithfull oder Sinéad O’Connor traten auf. Und ein damals völlig unbekannter Jeff Buckley arbeitete dort als Kellner und spielte immer montags mit seiner Gitarre vor Publikum.

Die krisseligen Live-Aufnahmen aus jener Zeit, die im Dokumentarfilm „It’s Never Over, Jeff Buckley“ zu sehen sind, zeugen davon, welch immenses Talent in dem damals 27-jährigen Musiker steckte, der nur ein Album veröffentlichen sollte und mit 30 Jahren auf tragische Weise ertrank. Kaum spielte er die ersten Akkorde und setzte mit seinem überwältigenden, melancholisch-mäandernden Gesang ein (die Bandbreite seiner Stimme betrug vier Oktaven), herrschte absolute Stille.

Das Sin-é (ausgesprochen Shin-Nay) war Buckleys Experimentierfeld. Ein Ort des zwanglosen Ausprobierens, an dem er erste eigene Werke ebenso spielte wie Fremdinterpretationen, darunter „Halleluljah“ von Leonard Cohen, einen der wohl bekanntesten Coversongs der Musikgeschichte.

Es ist bedauerlich, dass die Regisseurin Amy Berg jene frühen Live-Aufnahmen Buckleys mit zu viel erklärenden Talking Heads überfrachtet, anstatt sie einfach laufen und für sich sprechen zu lassen. Berg tritt in die Falle zu vieler Dokumentarfilme, die mit Interviews und Archivmaterial arbeiten. Der Raum für Innehalten und eigene Gedanken wird von einem nicht enden wollenden Strom an Interviewauszügen nahezu verunmöglicht.

Der Film

„It’s Never Over, Jeff Buckley“. Regie: Amy Berg. USA 2025, 106 Min.

Passt nicht ins Klischee eines Rockstars

Dabei ist ihre Herangehensweise überzeugend. Neben einigen Weg­ge­fähr­t:in­nen wie seinem Bandkollegen Michael Tighe oder dem deutschen Jazz-Pianisten Karl Berger lässt sie vor allem jene Frauen zu Wort kommen, die ihm am nächsten standen: Seine Ex-Partnerinnen Rebecca Moore und Joan Wasser und seine Mutter Mary Guibert.

Sie zeichnen das Bild eines nachdenklichen, zarten und auch tragischen Menschen, der nicht recht in das Klischee eines Rockstars passt. Eines Menschen auch, der seine eigene Geschlechterrolle angesichts allgegenwärtiger Misogynie hinterfragte. „Werden Frauen jemals die Narben überwinden, die ihnen von Männern zugefügt wurden?“, schreibt er einmal in sein Tagebuch.

Jeff Buckley kämpfte fortwährend damit, aus dem Schatten seines Vaters, des Folk-Musikers Tim Buckley, zu treten, den er nur einmal kennenlernte und der an einer Überdosis Heroin starb, als er neun Jahre alt war. Zu seinen musikalischen Vorbildern zählte Nina Simone ebenso wie Judy Garland, Nusrat Fateh Ali Khan oder Led Zeppelin.

Sein einziges Studioalbum „Grace“ wirkte mit seinem Stilreichtum aus Jazz, Soul, Alternativ-, Psychedelic- und Folk-Rock wie ein Gegengewicht zur Grunge-Welle der frühen 1990er. Es war kommerziell kein großer Erfolg, stieß aber auf immense Begeisterung unter prominenten Kollegen. David Bowie soll es als „das beste Album aller Zeiten“ bezeichnet haben. Robert Plant nannte ihn den „besten neuen Sänger der Welt“.

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Trailer „It's Never Over, Jeff Buckley“

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Mit den Erwartungen an das zweite Album kamen die Selbstzweifel. War sein Debüterfolg nur ein Zufall, ist er gar ein Hochstapler? Jeff Buckley, so legt es Joan Wasser nahe, erlitt einen psychotischen Zusammenbruch, als er sich für die Arbeit nach Memphis zurückzog, um der New Yorker Enge zu entfliehen. Der Film spricht sich jedoch gegen das weit verbreitete Gerücht aus, er habe Selbstmord begangen oder es wären Drogen im Spiel gewesen, als er, komplett bekleidet, im Wolf River schwimmen ging und von der Bugwelle eines Schiffes unter Wasser gezogen wurde.

Herzzerreißend jene Szene am Ende, als seine Mutter unter Tränen seine letzte und hier erstmals veröffentlichte Nachricht auf dem Anrufbeantworter anhört, die er kurz vor seinem Tod hinterlässt und in der er ihr seine tiefe Dankbarkeit ausdrückt: „Schön, dass du meine Mutter bist und mir all diese Dinge gegeben hast. Du weißt, ich liebe dich.“

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