Zukunft des Hamburger Bismarck-Denkmals: Zankapfel aus Granit

In dieser Woche beginnen die Workshops zur Kommentierung des umstrittenen 34-Meter-Standbilds. Und die sind selbstverständlich auch umstritten.

Das Bismarck-Denkmal oberhalb des Hamburger Hafens

Kann weg, sagen in Hamburg manche: Erst mal wird das Bismarck-Denkmal aber saniert Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

HAMBURG taz | Er fraß, sprichwörtlich, Sozialdemokraten, und installierte eine gesetzliche Krankenversicherung. Er äußerte Skeptisches zu deutschen Kolonien, richtete aber 1885 die berüchtigte „Berliner“ oder „Kongo-Konferenz“ aus. Dass der Mann nicht frei von Ambivalenzen ist, das sagen sogar die, die sich seinem Andenken verschrieben haben: Vertreter der Otto-von-Bismarck-Stiftung.

Die Stiftung mit Sitz vor den Toren Hamburgs versteht sich nicht als Heldenverehrungsanstalt, sondern als eine wissenschaftliche Institution. Da scheint es plausibel, wenn ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Ulf Morgenstern von Hamburgs Kulturbehörde eingeladen wird auf ein Podium zur „politischen Person“ Bismarck – neben Expert_innen aus Namibia und Kamerun, Hamburg und Köln.

Was da am kommenden Donnerstagabend stattfinden soll, ist der – coronabedingt verschobene – erste von vier geplanten Workshops zur Zukunft des Bismarck-Denkmals am Hamburger Hafen: Der 1906 fertiggestellte Granitkanzler, weltweit größter seiner Art,und seit 1960 denkmalgeschützt, wurde soeben saniert, für gut neun Millionen Euro aus Bundesmitteln.

Er soll aber auch eine Kommentierung erfahren, so hat es Hamburgs Kultursenator Carsten ­Brosda (SPD) immer wieder gesagt: „Ich hielte es für unerträglich, wenn wir Bismarck nur baulich und denkmalpflegerisch sanieren. Stattdessen müssen wir uns aus unserer jetzigen Perspektive mit diesem Zeugnis unserer Geschichte auseinandersetzen.“ Wie das aber genau aussehen könnte, das soll ja am Ende der Zusammenkünfte sowie einer künstlerischen Ausschreibung feststehen.

Diskussion „Was sollen wir nur mit Bismarck tun?“ mit

Kodjo Valentin Gläser, Initiative Schwarze Menschen in Deutschland;

Hannimari Jokinen, Künstlerin, Initiative Decolonize Bismarck;

Dirk Lau, Historiker, Initiative Intervention Bismarck-Denkmal;

Moderation: Rachel Charlott Mayr, Heinrich Böll Stiftung Hamburg

Montag, 14. Juni, 19 Uhr, online; Anmeldung: anmeldung@boell-hamburg.de

Symposium „Wer wird da eigentlich geehrt?“ mit

Naita Hishooni, Namibia Institute for Democracy;

Anna Karla, Universität Köln;

Ulf Morgenstern, Otto-von-Bismarck-Stiftung;

David Simo, Université de Yaoundé, Kamerun;

Kim Sebastian Todzu, Universität Hamburg;

Moderation: Lynda Chinenye Iroulo, German Institute for Global and Area Studies

Donnerstag, 17. Juni, 19 Uhr, online

Nun hat längst nicht jede_r in der Stadt nachvollziehen mögen, warum der Bund da Millionen steckt in so einen alten Helden vieler Deutscher, der doch reichlich aus der Zeit gefallen wirkt – zumal in seinem Sockel die Nationalsozialkisten nochmal eigene Spuren hinterlassen haben: Seit dem Umbau des Sockels zum Luftschutzbunker im Jahr 1939 prangen an den morschen Wänden NS-kitschige Malerei und Bismarck zugeschriebener Durchhaltesprech.

Manche Initiativen haben in der jüngsten Vergangenheit den Abriss des Standbilds gefordert. Wohlgemerkt: Auch solche Stimmen hatte die Behörde in der Vergangenheit zum Mitreden eingeladen; bei einer Runde im November fand sich etwa der Stiftungsvertreter Morgenstern einer deutlich größeren Zahl an Kritiker_innen gegenüber. (Dass der Moderator einzig ihn nach einem Eröffnungsstatement zu fragen vergaß: Braucht man nicht überzubewerten. Aber passiert ist es.)

Einige der Kritiker_innen davon murrten Ende der Woche nun in Richtung Behörde: Weil die allzu kurzfristig auf den Workshop hingewiesen habe – und „die zivilgesellschaftlichen Inis, die die öffentliche Diskussion angestoßen haben“, diesmal nicht mit aufs Podium bat. „Kritische Fragen und unbequeme Beiträge von Geg­ne­r*in­nen der #Sanierung auf dem Podium unerwünscht?“, fragte sich am Freitag etwa auf Twitter die Ini „Intervention Bismarck-Denkmal“.

Worauf sie an der Stelle tunlichst nicht hinwies: Am Montagabend veranstaltet auch die örtliche Heinrich-Böll-Stiftung eine Online-Diskussion zur Zukunft des steinernen Staatsmannes – und bei der sind Kritiker_innen unter sich.

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