Diskriminierung an Schulen: „Lehrkräfte müssen reflektieren“

Der zurückgetretene Antidiskriminierungsbeauftragte, Derviş Hızarcı, zieht eine ernüchternde Bilanz: An de Strukturen habe er wenig ändern können.

Foto: Wolfgang Borrs

taz: Herr Hızarcı, nach nur einem Jahr haben Sie Ihren Job als Antidiskriminierungsbeauftragter des Senats für Schulen wieder aufgegeben. Warum?

Derviş Hızarcı: Die Alfred Landecker Stiftung hat mir ein gutes Angebot gemacht, wo ich als Programmdirektor viel Gestaltungsraum und Wirkungsmöglichkeiten habe, insbesondere in den Themen Minderheitenschutz, Bekämpfung von Antisemitismus und Demokratieförderung. Und da ich beim Senat weniger als gehofft an den Strukturen ändern konnte und mehr mit Einzelfällen beschäftigt war, habe ich mich für den Wechsel entschieden.

geb. 1983, ist Sohn türkischer Einwanderer, die 1969 nach Berlin kamen. Er ist Lehrer für Geschichte und Politik. Von August 2019 bis August 2020 war er Beauftragter des Senats für Antidiskriminierung an Schulen. Bei der Alfred Landecker Stiftung ist er nun Programmdirektor für die Themen Minderheitenschutz, Demokratieförderung und Antisemitismusbekämpfung. Zudem ist er seit Jahren ehrenamtlicher Vorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus.

Wie meinen Sie das, Sie konnten wenig an „den Strukturen“ ändern?

Wenn es zu einem Diskriminierungsfall an einer Schule kommt, muss man viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit leisten. Bevor wir uns also eines Falles überhaupt annehmen können, gibt es lange Diskussionen darüber, was Diskriminierung ist. Wenn wir aber alle ein Bewusstsein dafür hätten, könnten wir schneller zur Lösung des Problems kommen. Dafür bedarf es diskriminierungskritischer Professionalisierungsmaßnahmen für Lehrkräfte und Schulleitungen sowie für jegliches Verwaltungspersonal der Bildungsverwaltung, inklusive der Führungskräfte.

Aber solche Schulungen für Schulleitungen und Führungskräfte sollte es doch geben?

Ja, das ist aber großenteils noch nicht geschehen.

Sie hatten also viel mit Einzelfällen zu tun, wo Lehrkräfte SchülerInnen diskriminieren und das nicht einsehen?

Ja, richtig. Sehr oft gibt es eine fast reflexhafte Abwehrreaktion.

Nach dem Motto: „Ich bin doch kein Rassist“ oder „Wir sind ‚Schule ohne Rassismus‘, das gibt es bei uns also nicht“?

So in der Art. Dabei geht es ja nicht darum, Einzelne oder eine ganze Schule mit einem Rassismusvorwurf an den Pranger zu stellen, sondern darum, ein Vielfaltsbewusstsein zu schaffen und den Umgang mit Diskriminierung als selbstverständliche und professionelle Haltung zu vermitteln. Dazu gehört aber auch, die eigene Haltung kritisch zu hinterfragen. Lehrkräfte müssen ihr Verhalten rassismuskritisch reflektieren können. Aber das findet oft nicht statt, wenn man Teil von einem Fall ist und in die Abwehrhaltung geht.

Ihre Vorgängerin Saraya Gomis hatte eine Statistik der ihr bekannten Fälle veröffentlicht, wonach ein Großteil der Diskriminierungen an Schulen von Erwachsenen ausgeht, LehrerInnen, ErzieherInnen, anderem Schulpersonal. War das auch Ihre Erfahrung?

Ja. Kinder diskriminieren eigentlich nicht, dazu fehlt ihnen schlicht die Macht. Sie können sich im Schulalltag beschimpfen, verletzen, das wäre zum Beispiel Mobbing, was auch ein großes Problem an Schulen ist. Doch hier kann und muss man pädagogisch arbeiten, man muss auch Schülerinnen und Schüler in die Verantwortung nehmen. Dafür sind Lehrkräfte da, dafür werden sie ausgebildet und bezahlt. Ein Großteil der Diskriminierungen, um die es hier geht, geht von Erwachsenen aus, die in machtvollen Positionen sind, etwa Lehrkräften. Der Lehrer benotet den Schüler, nicht andersherum, er kann den Schüler nach Hause schicken – nicht andersherum. Hinzu kommt: Die Kinder und Jugendlichen sind in einem Lernprozess, ein Lehrer hat einen anderen Grad an Professionalität, Lebenserfahrung und sozialem Rang. Wenn von ihm Diskriminierung ausgeht, hat das eine ganz andere Qualität.

Können Sie ein Beispiel sagen?

Ich will so etwas eigentlich nicht reproduzieren, aber um es deutlich zu machen, muss ich das wohl. Ein Lehrer in einer Grundschule sagt zu seinen Schülerinnen und Schülern: ‚Aus euch wird sowieso nichts. Und selbst, wenn ihr Ärzte werden würdet, würde ich mich von euch nie behandeln lassen.‘ Er glaubt das sagen zu dürfen, weil er die Religion und die Kultur dieser Kinder verachtet. Viel schlimmer ist jedoch, dass er noch vorher als Pädagoge auf ganzer Linie versagt.

Und was passiert, wenn Sie mit dem Lehrer reden?

Dann höre ich vielleicht: ‚Sie wollen, dass ich Verständnis zeige für eine rückständige Religion, die auch noch weltweit für den globalen Terrorismus verantwortlich ist?‘ Da muss man erst mal schlucken. Aber wir haben ja grundsätzlich ein großes Problem als Gesellschaft mit dem Umgang mit Religionen. Hier plädiere ich unbedingt für einen wertschätzenden Umgang mit Vielfalt, auch religiöser Vielfalt.

Haben Sie deshalb kurz vor Ihrem Weggang öffentlich gemacht, dass Sie in der Frage von Lehrerinnen mit Kopftuch sprich: des Neutralitätsgesetzes, nicht der Meinung der Bildungssenatorin sind?

Das hat nichts mit meinem Weggang zu tun, aber ich denke, dass das Neutralitätsgesetz nicht seinen Zweck erfüllt. Es schafft keine Neutralität, sondern führt zu einer Ungleichbehandlung und das ist Diskriminierung. Ich glaube nicht, dass religiöse Symbole gefährlich für den Schulfrieden sind. Und zu dem Lehrer in meinem Beispiel: In gewisser Weise kann ich ihn sogar verstehen. Er ist geprägt von einem einseitigen negativen Blick, der auch in der Gesellschaft stark verbreitet ist. Nichtsdestotrotz ist das Diskriminierung und hier sollte man dienstrechtlich vorgehen.

Wie viel Fälle hatten Sie insgesamt in dem einen Jahr auf dem Tisch?

Es gab insgesamt mehr als 300 Meldungen, davon waren 150 Fälle, in denen Diskriminierung vom Lehrpersonal ausging. Solche Zahlen haben aber nur begrenzte Aussagekraft: In vielen Fällen wird eine Diskriminierung ja gar nicht angezeigt, weil man sich nicht traut, weil man befürchtet, dadurch weitere Nachteile zu haben. Es muss eine Dunkelfeldforschung betrieben werden, um das ganze Ausmaß des Problems zu erfassen. Andererseits sagen die Zahlen auch nichts über die große Zahl von Lehrkräften aus, die sensibel bei dem Thema sind und Diversität fördern. Viele Lehrkräfte wandten sich auch an mich, um proaktiv an ihren Schulen etwas zum Thema Vielfalt und gegen Rassismus zu tun. Es gibt an Schulen durchaus ein großes Potenzial, das Thema anzupacken. Diese Lehrerinnen und Lehrer müssen wir stärken und unterstützen.

Hätten Sie für die anderen Fälle, die Uneinsichtigen, mehr Befugnisse gebraucht?

Ich glaube, an einem längeren Entwicklungsprozess führt kein Weg vorbei. Ein festes Reglement und Befugnisse für den oder die Beauftragte, was zu tun ist, wenn zum Beispiel Lehrkräfte nicht bereit sind, ihre diskriminierende Praxis zu ändern, ist zwar zwingend notwendig, aber wir müssen uns klar werden, dass das nicht die Ausgangslage, sondern das Ziel unserer Arbeit ist. Ansonsten haben wir das Grundgesetz als stärkste Handhabe, die die Menschenwürde schützt, ebenso wie das Recht auf freie Religionsausübung. Und das Schulgesetz …

Aber da steht nicht drin, was passiert, wen einem Kind diese Rechte verwehrt werden …

Genau, das muss weiter konkretisiert werden. Das Schulgesetz ist da eindeutig: Wir verpflichten uns, Kindern und Jugendlichen eine diskriminierungsfreie Bildung zu ermöglichen und sie vor Diskriminierung zu schützen.

Hätten Sie mehr Unterstützung von der Hausleitung, sprich: Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD), gebraucht?

Ich hätte mir gewünscht, dass man sich mehr auf dieses Thema einlässt. Als zum Beispiel die Coronakrise aufpoppte, hätte man sagen können: Herr Hızarcı, nehmen Sie doch bitte teil an unseren Krisengesprächen und denken Sie mit, was wir in puncto Antidiskriminierung beachten müssen.

Sie meinen wegen Kindern, die beim Homeschooling wegen fehlender Computer oder zu geringer Sprachkenntnisse der Eltern benachteiligt sind?

Ja, das hätte man als Haus von Beginn an stärker mitdenken müssen. Aber Corona war für alle eine große Herausforderung.

Liegt es vielleicht auch daran, dass die Schulverwaltung samt ihrer Spitze weiß-deutsch ist? Während Sie wie auch Ihre Vorgängerin Saraya Gomis als Nicht-Weiße die Dringlichkeit des Themas ganz anders spüren?

Das kann gut sein. Natürlich haben wir beide unser ganzes Leben lang andere Erfahrungen gemacht als weiße Deutsche und wissen daher, wie Familien unter Diskriminierung leiden und wie existenziell wichtig es ist, sie zu bekämpfen. Aber dieser Kampf ist nur zu gewinnen, wenn die Mehrheit der weißen Deutschen mitzieht. Ich will auch nicht dem sprichwörtlichen „weißen Mann“ die Schuld geben, damit ist nichts gewonnen. Ich möchte, dass er begreift, dass er eine sehr dominante Rolle spielt in diesem Spiel. Und dass er sagt, o. k., ich muss etwas verändern. Bis das passiert, muss noch viel passieren! Ich befürchte, wir von den nicht-weißen Communities müssen uns drauf einstellen, dass dieser Prozess noch dauern wird.

Wie sollte es mit ihrer Ex-Stelle weitergehen? Die Grünen fordern jetzt, dass der oder die Beauftragte behördenunabhängig wird und zum Beispiel beim künftigen Bürgerbeauftragten angesiedelt wird. Wäre das eine Idee?

Man müsste evaluieren, was die Stelle des oder der Antidiskriminierungsbeauftragten, die es nun vier Jahre gibt, bislang gebracht hat. Welche Wirkung hat diese Struktur bisher entfalten können, welcher Erweiterungen bedarf es noch? Den Vorschlag der Grünen habe ich schon vorher unterstützt und tue das jetzt mehr denn je: Diskriminierung findet man nicht nur in Schulen, sondern überall. Diese Stelle bei der Bildungsverwaltung ist wichtig und gut, es ist aber an der Zeit, größer zu denken. Warum nicht schon heute?

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