piwik no script img

Dieses ständige Summen

Rechtsextremismus sickert an vielen Orten Deutschlands in den Klassenalltag. An einer Brandenburger Grundschule wird ein Mädchen von Mitschülern monatelang rassistisch gemobbt. Ihre Eltern wehren sich, die Schule wiegelt ab

Illustration: Oliver Sperl

Von Franziska Schindler (Text) und Oliver Sperl (Illustration)

Das erste Summen habe sie kurz nach den Sommerferien gehört, erzählt Liz. Das Lied kannte sie. „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ – so lautet der Text zur Melodie. Ihr Mitschüler Anton habe sich zu ihr umgedreht und sie summend mit den Augen fixiert. Noch am selben Tag informieren Liz’ Eltern die Klassenlehrerin. Das war im Herbst 2024, Liz ist da acht Jahre alt. Wenige Monate zuvor ging durch die Medien, wie Partygäste auf Sylt Gigi D’Agostinos Song „L’amour toujours“ mit dem umgedichteten Text gröhlten.

Liz ist damals eines von wenigen Kindern mit Migrationsgeschichte in der dritten Klasse der Grundschule „Käthe Kollwitz“ in Bad Freienwalde, Brandenburg. In den Fenstern des gelben Schulgebäudes hängen von Kindern gebastelte Blumen und Schmetterlinge. Draußen zwitschern Vögel, im Schulgarten wachsen Obstbäume, Gemüsebeete sind angelegt. Drinnen sollte Liz ein Neuanfang gelingen. Erst kurz zuvor war sie an die Schule gewechselt. Liz trägt wegen einer Autoimmun­erkrankung eine Maske. Auf ihrer ersten Grundschule wurde sie deswegen derart gemobbt, dass Eltern und Schulamt einen Wechsel für die beste Option hielten.

Doch in der neuen Klasse war da schnell dieses Summen, gleich in mehreren Fächern. Die Klassenlehrerin redet mit Anton, ändert die Sitzordnung, spricht mit Kindern aus der Klasse, so geht es aus Unterlagen zum Fall hervor. Doch Liz hört das Summen weiter. Sie beginnt, eine Strichliste zu führen – für jedes Summen einen Strich, so erzählt sie es der taz. Eine Woche nach dem ersten Summen habe Liz bereits mehr als 20 Striche auf ihrer Liste, mailt ihre Mutter der Klassenlehrerin. Gegenüber der taz äußert die Lehrerin sich nicht zu den Situationen im Klassenzimmer.

Achtjährige Kinder dürfen nachplappern und summen, was sie anderswo aufgeschnappt haben. Sie dürfen Fehler machen und daraus lernen. Die Frage ist nur, wie die Erwachsenen um sie herum damit umgehen, was sie bei anderen Kindern auslösen; wie Lehrer*innen, Schulleiter*innen, Ämter und Eltern auf Menschenfeindlichkeit im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof reagieren. Darum geht es auch in der Käthe-Kollwitz-Schule. Dieser Text basiert auf Gesprächen mit Liz und ihren Eltern, auf Protokollen von Gesprächen der Familie mit Klassenlehrerin und Schulleitung, auf E-Mails und Unterlagen zum Fall. Weder Klassenlehrerin noch Schulleiterin, noch die zuständige Schulrätin wollten sich konkret zu dem Fall äußern. Auch die Familie von Anton stand nicht für ein Gespräch zur Verfügung. Liz hingegen hat sich ausdrücklich dafür entschieden, ihre Geschichte zu erzählen. Die Namen der Kinder wurden zu ihrem Schutz geändert.

Etwas hat sich verschoben an Deutschlands Schulen. Wer cool sein will, ist rechtsextrem, das gilt an vielen. 2024 warnten die Landesschülervertretungen der ostdeutschen Bundesländer: Der Rechtsextremismus an Schulen nehme zu. Angriffe auf CSDs sind für einige rechtsextreme Jugendliche zur Freizeitbeschäftigung geworden. Manche von ihnen organisieren sich in Gruppierungen wie Deutsche Jugend Voran oder Letzte Verteidigungswelle.

Auf der anderen Seite stehen Kinder und Jugendliche, die nicht in ein rechtsextremes Weltbild passen und mit Diskriminierung im Klassenzimmer und Hakenkreuzen auf Schulhöfen zurechtkommen müssen: queere Jugendliche und Kinder mit Mi­gra­tions­geschichte etwa, die zur Zielscheibe von mehr oder weniger subtiler Menschenfeindlichkeit werden. 2024 ist die Zahl rechts­ex­tre­mer Straftaten im Vergleich zum Vorjahr bundesweit um fast 50 Prozent auf knapp 43.000 angestiegen. 2025 ging sie nur leicht zurück. Der Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren liege auch an rechtsextremen Jugendgruppen, sagen Expert*innen. Aber es nehmen auch die Vorfälle unterhalb dieser Schwelle zu – etwa rassistisches Mobbing an Schulen, wie Beratungsstellen berichten.

„Offline und im digitalen Raum werden junge Leute gezielt mit rechtsextremen Inhalten angesprochen“, sagt Sabine Achour, Professorin für Politikdidaktik und Politische Bildung an der Freien Universität Berlin. Von Kol­le­g*in­nen höre sie, wie Schulen „regelrecht kippen“. Achour überrascht das nicht. „In einem antidemokratischen Umfeld ist es sehr schwierig, eine demokratische Schule zu bleiben.“ Der Politikwissenschaftlerin macht Sorge, dass die Generation Deutschland, die neu gegründete Jugendorganisation der AfD, wie schon die Junge Alternative gezielt angehende Geschichts- und Politiklehrkräfte anspreche. „Auch Lehrkräfte haben ein AfD-Parteibuch. Das ist nicht nur ein Problem in den ostdeutschen Bundesländern.“ Andererseits beobachtet Achour, wie ernst viele Leh­re­r*in­nen die Bedeutung der Schule für ein demokratisches Zusammenleben nehmen. „Lehrer*innen gehören im Zweifel zu den einzigen Personen, die auf Menschenfeindlichkeit reagieren, wenn das zu Hause, online, im Freundeskreis und auch im Sportverein möglicherweise nicht passiert.“

Das Summen geht weiter, und nach Liz’ Schilderungen nicht nur das. Anton stelle sich in ihre Nähe, grinse sie beim Summen an, berichtet Liz. Manchmal rempele er sie auch an und singe das Lied mit Text. Doch die Leh­rer*in­nen scheinen meistens nichts mitzubekommen von den rassistischen Vorfällen im Klassenzimmer. „Liz hat zunehmend Angst und fühlt sich in der Klasse nicht mehr sicher, da Lehrer die Situation, die Liz beschreibt, nicht bestätigen können, und Mitschüler/innen, die es beobachten, sie nicht verteidigen bzw. es nicht melden“, notiert ihre Klassenlehrerin im Protokoll eines Elterngesprächs, das der taz ­vorliegt.

Liz’ lange braune Haare sind zu einem Zopf geflochten. Während sie und ihre Eltern erzählen, gibt es Abendbrot. Wenn Liz und ihre Mutter miteinander sprechen, wechseln sie zwischen Deutsch und Spanisch hin und her. Die Wochenenden – so auch diesen Freitagabend – verbringt die Familie in ihrer Wohnung in Berlin. Unter der Woche wohnen sie in einem kleinen Dorf unweit von Bad Freienwalde. Während der Pan­demie und ­wegen Liz’ Autoimmunerkrankung verlegte die Familie ihren Wohnsitz aufs Land, die Eltern wechselten ins Homeoffice.

Liz kann auch noch Wochen nach den Vorfällen ihre eigene Geschichte genau so erzählen, wie sie aus den E-Mails von den Eltern an die Klassen­lehrerin hervorgeht. Beim Reden verstellt sie ihre Stimme für jede Person anders. Aber zu ihrer Geschichte gehört auch, dass sie monatelang nur mit Unterbrechungen zur Schule gehen konnte, weil sie wegen ihrer Erkrankung in einer Klinik sein musste. Es war wichtig, dass sie nicht hinfällt. Liz möchte deswegen unbedingt verhindern, von Bällen getroffen zu werden. Doch in der Schule ist das ein Problem. Hinterm Pausenhof liegt auf einem Hang ganz oben der Bolzplatz. „Egal wo du hingehst, überall waren Bälle, und wenn ich mal einen Platz ohne gefunden habe, wurde er von den Bällen erobert“, sagt Liz. Die Pause habe sie häufig im Schutz einer Steinmauer verbracht, um keinen Ball von Anton abzubekommen. „Ich wusste, dass er ziemlich sicher oben auf dem Bolzplatz ist, also hab ich mich in den unteren Teil des Pausenhofs verkrochen.“

Bei der letzten Bundestagswahl entschieden sich 21 Prozent der Wäh­le­r*in­nen zwischen 18 und 24 für die AfD. Laut der Shell-Jugendstudie, die junge Menschen zwischen 12 und 25 Jahren befragt, verstehen sich 2024 mehr männliche Jugendliche als rechts oder eher rechts als noch 2019. Und Bad Freienwalde ist die Stadt, in der teils Vermummte letzten Juni ein Fest für Vielfalt angriffen. Ein Jahr zuvor war der Ort auch schon in der Berichterstattung, weil die Brandenburger AfD zur Wahlkampfveranstaltung an einer Oberschule einladen durfte. Durchgesetzt hatte das der Bürgermeister, gegen den Willen der Schulleitung.

Zwei Wochen nachdem das Summen in der Schule mit den Schmetterlingen begonnen hat, hört Liz es von mehreren Kindern. Mittlerweile ist die Schulleitung in den Fall involviert. Sie spricht mit Anton, erfährt, dass jetzt auch andere Jungen summen. Zugleich habe die Schulleitung Liz in Antons Anwesenheit erklärt, dass die Jungs das Lied „ohne Absicht“ beziehungsweise „nicht bewusst“ gesungen hätten, so schildert es das Mädchen den Eltern. Jungs machten das eben so. Liz sei sehr „dünnhäutig“ und „sensibel“, soll die Schulleiterin gesagt haben. Auf Nachfrage der taz äußerte sich die Schulleiterin nicht zu dieser Situation, ebenso wenig wie zu den anderen im Klassenzimmer.

Joschka Fröschner kennt solche Vorfälle. Seit zehn Jahren begleitet er von rechter, rassistischer und antisemitischer Diskriminierung und Gewalt Betroffene für die Organisation Opferperspektive Brandenburg. So auch Liz und ihre Familie. Dass Schulen abwiegeln, wenn sie mit Rassismusvorfällen konfrontiert werden, begegnet ihm häufiger. „Leider geht es in Schulen häufig in erster Linie ums eigene Image“, sagt Fröschner. „Anstatt dass sie proaktiv mit den Fällen umgehen, ist die Devise eher, dass bloß nichts nach außen dringen darf“.

Schulen stünden aktuell vor großen Herausforderungen, erklärt das brandenburgische Bildungsministerium auf Anfrage der taz. Sie bewegten sich nicht im „luftleeren Raum“, es bildeten sich dort gesellschaftliche Entwicklungen ab. Wie Leh­re­r*in­nen vorgehen sollen, wenn sie Gewaltvorfälle und „ex­tremistische Äußerungen“ in der Schule beobachten, hat das Ministerium eigentlich klar geregelt.

Viel Ermessensspielraum haben die Lehrkräfte nicht, sie müssen den Vorfall der Schulleitung melden. Diese ist verpflichtet, sofort oder innerhalb von 24 Stunden – je nach Vorfall – das zuständige Schulamt zu informieren. Unter die Meldepflicht fallen das Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole oder körperliche Übergriffe. Aber eben auch rassistisches Mobbing wie im Fall von Liz. Wie Liz’ Eltern später erfahren, sei eine solche Meldung ans staatliche Schulamt ergangen. Aber mit welchem Inhalt, das erfahren sie nicht. Das Bildungsministerium schreibt auf taz-Anfrage, dass weitergehende Auskünfte nicht gegeben werden könnten.

Joschka Fröschner von der Opferperspektive Brandenburg sagt: „Die Schule wird von den meisten Familien eigentlich als sicherer Ort betrachtet“, durch solche Fälle breche dieses Gefühl dann komplett weg. „Trotzdem haben die Kinder wegen der Schulpflicht nicht die Wahl, ob sie sich der Situation wieder aussetzen wollen. Schule ist ein Zwangsort“, sagt Fröschner. Bei Liz komme hinzu, dass sie nun schon an der zweiten Schule einer dauerhaften Stresssituation ausgesetzt sei. „Wenn ein achtjähriges Kind dann auch noch gesagt bekommt, dass es zu sensibel und deswegen in dieser Situation ist, ist das ganz schwer zu verarbeiten“, sagt Fröschner.

Nach Aufforderung der Schulleiterin entschuldigt sich Anton bei Liz. Anfang November schlägt die Schule Liz’ Familie einen Schlichtungstermin mit Antons Familie vor. Die Eltern lehnen ab. „Das ist das vollkommen falsche Format“, erklärt Liz’ Mutter. „Unsere Tochter wurde von ihm verhetzt, es geht hier nicht um Streitigkeiten zwischen zwei Kindern.“

Schließlich soll ein Gespräch zwischen Eltern, Klassenlehrerin und Schulleitung die Situation klären. Doch zu einer Annäherung zwischen Schule und Eltern führt es nicht. Einigen können sich Eltern und Schule nur darauf, dass das rassistische Lied über mehrere Wochen gesummt und auch gesungen wurde. Liz’ Eltern sind überzeugt, dass die Schule nicht genug unternommen habe, um das zu unterbinden. Jegliche Diskriminierung werde abgelehnt und bearbeitet, kontert die Schulleiterin. Die Schule verachte Antons Summen und Singen zutiefst. Aber der Junge habe Zeit gebraucht, um sein Handeln zu verstehen und sich zu entschuldigen.

Die Eskalation nimmt ihren Lauf

Wenige Tage nach dem Elterngespräch sei die Schulleiterin erneut in die Klasse gekommen, Missbilligungen und Ermahnungen hätten fünf Jungen aus der Klasse bekommen, so erinnert sich Liz, und so steht es auch in ihrem Tagebuch. Summen sei an der Schule nun grundsätzlich verboten, das habe die Schulleiterin auch verkündet. Die Schule wirke jeglichen diskriminierenden Handlungen und Aussagen entgegen, schreibt die Schulleitung an die taz.

Eine Lehrkraft kann nicht in jedem Moment alles mitbekommen, was während ihres Unterrichts in jeder einzelnen Schulbank vor sich geht. Achtjährige Kinder zu sanktionieren, ohne sicher zu sein, was genau passiert ist, ist ebenso schwierig. Auch bei rassistischem Mobbing. Liz solle sofort Bescheid geben, wenn sie das Summen höre – nicht nur den Eltern, sondern auch den Lehrer*innen, das betont die Schule. Dann sei es einfacher zu reagieren. Aber aus dem Gespräch mit Liz’ Eltern weiß die Klassenlehrerin auch, wie schwer das ihrer Schülerin fällt. „Liz traut sich nicht, etwas zu sagen, und hat Angst, dass sich Situation verschlimmert“, notierte sie im Protokoll des Gesprächs mit den Eltern rund einen Monat zuvor. Und da sind die vielen Mails der Eltern, die das Summen immer wieder beschreiben.

Einen Tag nach dem Gespräch mit der Schulleitung, im Sportunterricht, habe Anton das Lied schon wieder gesummt, erzählt Liz. Als sie ihn böse angeschaut habe, habe er die Melodie geändert. Später habe er mit aller Kraft versucht, sie mit dem Ball zu treffen. In der zweiten Sportstunde habe er sie mit den Augen fixiert und sei auf sie zugekommen. Sie habe sich auf der Mädchentoilette versteckt. Im anschließenden Deutschunterricht habe die Klassenlehrerin nach Liz’ Darstellung die Kinder gefragt, ob Anton „Ausländer raus“ oder ein anderes Lied gesummt habe. Die Kinder sollten sich melden – zuerst die, die das Lied nicht gehört hätten, so schildert es Liz, dann die anderen. Das Ministerium bestreitet, dass es sich um eine „Abstimmung“ gehandelt habe, und erklärt, die Lehrerin habe lediglich erfragt, wer das Summen gehört habe.

„Es ist ganz ungünstig, eine Abstimmungssituation herzustellen“, sagt Wissenschaftlerin Achour. „Damit werden die Kinder aufgefordert, sich gegenseitig zu verpetzen, anstatt dass die Lehrkraft das Gemeinschaftsgefühl stärkt.“ Forschungsergebnissen zufolge verhielten Kinder sich meist dann abwertend, wenn sie selbst mit Exklusionserfahrungen kämpften. „Deswegen ist es wichtig, dass sich alle zugehörig fühlen“, sagt Achour. „Bei Grund­schü­le­r*in­nen funktionieren auch Angebote wie: Wenn wir das jetzt alle als Klassengemeinschaft gut hinbekommen, fahren wir in zwei Monaten alle zusammen auf Karls Erdbeerhof.“

In der Schule mit den Schmetterlingen in den Fenstern nimmt die Eskalation ihren Lauf. Liz fühlt sich dort zunehmend unsicher. Immer stärker werde das Gefühl, dass ihr nur geglaubt werde, wenn sie Zeu­g*in­nen benennen könne. Doch nicht für jede Si­tua­tion kann es Zeu­g*in­nen geben. Kurz vor Weihnachten feiert die Schule das Pfefferkuchenfest. Liz’ Mutter sorgt sich. Wie rechtsextrem sind die Eltern, mit denen sie dort auf dem Pausenhof steht? „Plötzlich fängt der Raum an, sehr klein zu werden“, sagt Liz’ Mutter.

Und er wird nicht nur in der Schule klein. Mit mehreren anderen Parteien wohnt Liz’ Familie in einem ehemaligen Schulgebäude. „Kein Platz für Nazis“ und „Gegen Rassismus“ steht unter anderem auf den Stickern, die Liz an die Haustür klebt. Regelmäßig seien die Sticker abgeknibbelt. „Also hab ich ein Schild gemalt, auf dem steht, dass jeder, der das abreißt, Nazi ist“, erzählt Liz mit Stolz in der Stimme. Doch auch das Schild sei verschwunden. Liz’ Dorf gehört zu einem Wahlkreis, in dem knapp 40 Prozent bei der Bundestagswahl für die AfD stimmten. „Ich habe einen europäischen Pass, ich bin eine ex­trem privilegierte Ausländerin“, sagt Liz’ Mutter. „Ein Blick auf Statistiken und auf wissenschaftliche Studien zeigt, wie bedrohlich das Leben in Deutschland für braune, schwarze, muslimische und queere Menschen geworden ist.“

Liz traut sich nicht, etwas zu sagen, und hat Angst, dass sich Situation verschlimmert

Notiz der Klassenlehrerin von Liz

Hier auf dem Land kann Liz durch die Dachluke über ihrem Bett die Sterne sehen. Die Rehe kommen in der Abenddämmerung manchmal bis in den Garten. Und einmal hat sie neben dem Haus am Morgen Büschel von Waschbärfell gefunden. „Irgendwie bin ich lieber hier als in Berlin“, sagt Liz. „Weil, in Berlin gibt es keine Rehspuren im Garten. Und auch keine Waschbären, denen man nachts beim Kämpfen zuhören kann.“ Aber ob die Familie wirklich hierbleiben wird, nach allem, was passiert ist?

Am Mittwoch nach den Weihnachtsferien hört Liz in der Frühstückspause eine neue Melodie. „Hey, jetzt geht’s ab. Wir schieben sie alle ab“, lautet der Text dazu. Liz’ Eltern informieren die Klassenlehrerin.

Bei der Schule kommen sie nicht weiter, also wenden sich Liz' Eltern mit Unterstützung von Joschka Fröschner ans Schulamt. Die Antwort der Schulrätin ist für Liz und ihre Familie ernüchternd. Die Schulrätin stellt fest, dass Anton „das von Ihnen benannte Lied“ gesungen habe, mit ihm im Beisein seiner Eltern gesprochen wurde und er sich bei Liz entschuldigt habe.

Weiterhin schreibt die Schulrätin, dass die weiteren von Liz’ Eltern vorgetragenen Situationen „weder von Schülerinnen und Schülern noch von Lehrkräften oder der Schulleitung bezeugt werden“. Warum Liz sage, „weiterhin diskriminierend behandelt zu werden, erklärt sich der Lehrerschaft nicht“. Zugleich schreibt die Schulrätin von zwei Vorfällen, die von Liz ausgegangen seien „und sich gegen den anfangs besprochenen Jungen richteten“, obwohl er Liz nicht provoziert habe. Abschließend stellt die Schulrätin fest, „dass der gemeldete Vorfall mit dem diskriminierenden Verhalten eines Mitschülers vollständig bearbeitet wurde“.

„Es entsteht der Eindruck, dass sich die Schulrätin die beschönigende Sicht der Schulleiterin zu eigen gemacht hat“, sagt Joschka Fröschner. Das Verständnis, handeln zu müssen, sei bei Liz’ Schule durchaus da gewesen. „Aber dass die Eltern eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Vorfall forderten, wurde als fast schon anmaßend und undankbar gedeutet.“ Diesen Mechanismus kennt Fröschner. „Da stecken Elemente von Täter-Opfer-­Umkehr drin.“

Zu den beiden „Vorfällen“, von denen die Schulrätin schreibt, gibt es je zwei Versionen. Beim einen soll Liz laut Schule Antons Trinkflasche umgeworfen haben. Liz sagt, dass sie über die Flasche gestolpert sei und sie anschließend wieder hingestellt habe. Beim anderen Vorfall, so die Perspektive der Schule, soll Liz Antons Hefter auf den Tisch „geknallt“ habe. Liz sagt, sie habe Anton den Hefter gegeben, weil er einzeln in einem Schrank lag.

Ob eine Flasche umgestoßen wurde oder umgefallen ist, der Hefter auf den Tisch geknallt oder gelegt wurde – das sind Details, die plötzlich eine Bedeutung bekommen. Dahinter stecken andere Fragen: Wird Liz geglaubt, oder wird ihr vermittelt, sie sei das Pro­blem? Wird sie als von rassistischer Diskriminierung Betroffene geschützt oder plötzlich zur Mobberin gemacht?

Wie es Liz geht, das bleibt auf der Strecke

Als Liz’ Eltern Wochen später die Schulakte einsehen, habe diese keinerlei Einträge über Antons Summen enthalten. Im Juni klagen sie auf Einsicht in die Schülerakte beim Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder). Noch immer warte die Familie auf die vollständige Akte. In den von Schule und Schulamt zur Verfügung gestellten Dokumenten fällt den Eltern eine Notiz der Schul­rätin auf: Dort sei von Liz als „Kind ohne Migrationshintergrund, KM ­Spanierin“ die Rede. Auf Anfrage der taz äußert sich das Schulamt nicht zu der ­Notiz.

BU Illustration: Oliver Sperl

Die Schulrätin erklärt gegenüber der taz, sie wolle bei der Recherche von Vorfällen in Schulen wertfrei, objektiv und sachlich Klarheit schaffen, unabhängig von der Perspektive der Schulleitungen. Es seien „keine antidemokratischen Strukturen oder ein geplantes diskriminierendes Vorgehen gegen Schülerinnen und Schüler mit und ohne Mi­gra­tions­hin­ter­grund in der schulischen Gemeinschaft erkennbar“. Jede Meldung der Kinder werde ernst genommen. Allen gemeldeten Fällen sei ­nachgegangen worden, einige beschriebene Vorfälle hätten nicht bezeugt werden können. Sie sei persönlich vor Ort gewesen und habe Gespräche geführt.

Auch das Brandenburger Bildungsministerium hält den Umgang der Schule für verantwortungsvoll. Den von Liz’ Eltern geschilderten Vorfällen sei vorschriftsgemäß nachgegangen worden; das Thema sei im Unterricht behandelt, mit Schülerinnen, Schülern und Eltern gesprochen und eine Entschuldigung ausgesprochen worden. Jegliche Formen von ­Extremismus ­hätten an Schulen keinen Raum. Soweit einzelne Vorwürfe nicht belegt werden könnten, verweist das Ministerium auf fehlende Nachweise.

Im Idealfall setzen die Kinder sich selbst gegenseitig Grenzen, erklärt Politikwissenschaftlerin Achour: „Nach dem Motto ‚Ich finde es nicht okay, wenn du so mit Liz umgehst‘.“ Gleichzeitig müsse das betreffende Kind durch die Lehrkraft geschützt werden, auch wenn die Fakten nicht umfassend geklärt seien. Unter Umständen müssten die mutmaßlich beleidigenden Kinder für eine Weile aus der Klasse genommen werden.

Aber dass es so weit kommt – dagegen könnten Schulen viel tun, sagt Achour. „Das ist einerseits eine Kapazitäten-, andererseits aber vor allem eine Haltungsfrage. Wenn die roten Linien für alle klar sind, es insgesamt ein demokratisches Schulklima gibt, eskalieren Konflikte viel seltener.“ Zum Beispiel könnten Schulgemeinschaften ein Leitbild entwickeln, auf welches sich bei demokratie- und menschenfeindlichen Vorfällen berufen werden kann, oder eine Hausordnung, die es ermöglicht, menschenfeindliche Personen der Schule zu verweisen.

Ja, die Grundschule „Käthe Kollwitz“ hat Elterngespräche geführt, mit den Kindern geredet, Maßnahmen er­griffen, das Schulamt einbezogen. Der Verwaltungsvorgang mag bearbeitet sein. Aber wie es Liz dabei geht, bleibt auf der Strecke. Sie sagt, sie höre Anton noch immer summen, auch wenn sie dafür keine Zeu­g*in­nen benennen kann.

Die Situation sei für sie nicht mehr tragbar, so erzählt es die Familie. Als an einer Grundschule in der Nähe ein Platz frei wird, nimmt Liz ihn an. Nach den Winterferien wechselt sie an die neue Schule.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen