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Dieser Ort am Ende der Welt

Unsere Autorin ist Russlanddeutsche, als Kind kam sie 1994 mit ihren Eltern und Großmüttern nach Deutschland. Heute fragt sie sich: Was bedeutet es, russlanddeutsch zu sein? Und was ist das für eine Nostalgie, die sich durch ihre Familie zieht?

Von Yelizaveta Landenberger

Wenn jemand sich auf Russisch nach einem Ort erkundigt und man diesen nicht preisgeben möchte, kann man mit einem Reim antworten: „Gde, gde? – V Karagande.“ „Wo, wo? – In Qaraghandy.“ Dieser Ausspruch bedeutet so viel wie „am Ende der Welt“.

In Qaraghandy, einer Stadt in der kasachischen Steppe, spielt ein Teil meiner Familiengeschichte. Wer seine Wurzeln in der Sowjetunion hat, weiß um den Schatten, der über diesem Ort liegt. Stalin ließ viele Menschen, darunter auch meine Vorfahren, dorthin deportieren und Zwangsarbeit in Kohleminen verrichten.

Für die meisten hierzulande hingegen dürfte Qaraghandy ein nichtssagender Name sein. Denn obwohl zweieinhalb Millionen deutsche Sowjetbürger, die sogenannten Russlanddeutschen, im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion in die Bundesrepublik einwanderten, interessierte sich die Mehrheitsgesellschaft wenig für sie, ihre Herkunftsorte, ihre Redewendungen. Vielmehr gab es in den Neunzigerjahren Hetze gegen die neuen Nachbarn aus dem Osten. Populisten gingen mit Feindbildern von den „kriminellen Russen“, die den Deutschen die Arbeitsplätze rauben, auf Stimmenfang. Heute heißt es, die Russlanddeutschen seien AfD-Wähler und Putin-Fans.

Solche Klischees bekomme ich oft von Menschen zu hören, weil sie nicht ahnen, dass ich zu dieser Gruppe zähle. Sie können sich nicht vorstellen, dass eine Journalistin, die regelmäßig aus der Ukraine berichtet und Ukrainisch spricht, eine Russlanddeutsche sein kann. Tatsächlich kenne ich in meinem engen Familienkreis niemanden, der die AfD wählt oder den Krieg gegen die ­Ukraine unterstützt – selbst wenn die Repressionserfahrung in der Sowjetunion sowie der schwierige Start hierzulande bei einigen gewiss zu einer skeptischen Einstellung gegenüber „der Politik“ oder „den Medien“ geführt haben.

Was ich konkret beobachte, ist ein ausgeprägter Hang zur Nostalgie, zum Schwärmen für ein besseres Leben, das es vermeintlich in der Vergangenheit der Russlanddeutschen einmal gegeben hat. Besonders deutlich erkenne ich ihn bei meiner Großmutter Anna. Kein Familienessen kommt ohne ihre Geschichten von früher aus. Mir scheint, diese Nostalgie innerhalb meiner Familie ist der Schlüssel zu einem besseren Verständnis dessen, wer die Russlanddeutschen sind.

Anna, Jahrgang 1951, ist eine neugierige und lebensfrohe Frau. Wenn ich sie als Schulkind in den Ferien in ihrer baden-württembergischen Kleinstadt besuchte, unternahmen wir jeden Tag Ausflüge: Wir fuhren ins Stuttgarter Planetarium und bestaunten die Dinosaurier im Naturkunde­museum, gingen ins Freibad oder stöberten auf Flohmärkten.

Anna stammt von jenen deutschen Auswanderern ab, die die in Preußen geborene russische Zarin Katharina II. ab 1763 in ihr Imperium eingeladen hatte. Für viele Menschen war dieses Angebot damals attraktiv: Sie konnten Armut und Hunger – die Folgen des Siebenjährigen Krieges – oder auch religiöse Verfolgung hinter sich lassen und ganz von vorn beginnen. Deutsche Kolonien entstanden etwa an der Wolga in der Nähe der Stadt Saratow und am Schwarzen Meer, in der heutigen Ukraine.

Meine Großmutter kennt diese Zeit nur aus den Schilderungen ihrer Vorfahren. In den Erzählungen meiner Großmutter gleichen die deutschen Kolonien im Zarenreich einem verlorenen Paradies: mit reichen Ernten, Ordnung, Frömmigkeit und Wohlstand. Es sind träumerische, nostalgische Berichte.

Die russisch-amerikanische Autorin und ­Slawistikprofessorin Svetlana Boym definierte Nostalgie (von „nostos“ für Heimkehr und „algia“ für Sehnsucht) als Sehnsucht nach einem Zuhause, das nicht mehr existiert oder nie existiert hat. „Nostalgie ist ein Gefühl des Verlusts und der Entwurzelung, aber sie ist auch eine Romanze mit der eigenen Fantasie“, schreibt sie in ihrem Buch „The Future of Nostalgia“ (2001).

Über fast zwei Jahrhunderte hinweg hatten die Deutschen im Russischen Reich und später in der Sowjetunion ihre kulturelle Identität bewahren können – bis Stalins Terror sie weitgehend zerstörte. Meine Familie ist, wie viele sowjetische, gemischt: meine Großmütter sind russlanddeutsch, meine Großväter russisch und belarusisch. Während meine Großmütter zusammen mit mir und meinen Eltern nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Mitte der Neunzigerjahre als russlanddeutsche Spätaussiedler auf der Suche nach einem besseren Leben nach Deutschland kamen, blieben meine beiden Großväter in Russland.

Im Alter von neun Monaten ging es also für mich und den gesamten deutschen Teil meiner Familie aus der sibirischen Metropole Nowosibirsk nach Baden-Württemberg. Ich erinnere mich nicht, aber es gibt viele Foto- und Videoaufnahmen aus dem Übergangswohnheim in Weinsberg, in dem wir zunächst lebten. Im Kindergarten lerne ich rasch die hiesige Sprache, aus Yelizaveta wurde Elisabeth. Zumindest offiziell, auf dem Papier – damit ich nicht auffalle. Unauffälligkeit versprach Akzeptanz, bessere Chancen, es in Deutschland zu etwas zu bringen.

Die älteren Generationen hatten es da schwieriger, ihr Akzent verriet sie. So war es auch bei meiner Großmutter Anna, die das Deutsche nie von ihren Eltern gelernt hat. Denn als Opfer der stalinistischen Repressionen wagten sie es nicht, mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache zu kommunizieren. Doch obwohl Anna kaum ein Wort Deutsch sprach, erfuhr sie aufgrund ihrer Herkunft in der Sowjetunion Diskriminierung. In der Schule wurde sie von den anderen Kindern als Faschistin beleidigt.

Dass der Umzug nach Deutschland meine Großmutter in eine tiefe Identitätskrise gestürzt haben muss, begriff ich erst als Erwachsene. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, werden bei ihr Erinnerungen wach und sie erzählt von den Russlanddeutschen, von ihrer Kindheit und von Qaraghandy.

Annas Vater, mein Urgroßvater Dawyd, Jahrgang 1925, war fünf, als seine Familie von einem Bauernhof in der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, die in den frühen Jahren der UdSSR bestand, ins kasachische Qara­ghandy deportiert wurde. Das geschah im Rahmen der „Dekulakisierung“ – der zwangsweisen Umwandlung von landwirtschaftlichem Privat- in Staatseigentum.

Stalin wollte die Bauern mit Gewalt gefügig machen, um die von ihm angestrebte Kollektivierung durchzusetzen. Dawyds Mutter starb an der Kälte und am Hunger, Dawyds Vater wurde als Zwangsarbeiter zum Bau des Weißmeerkanals beordert. Er tauchte nie wieder auf. Mit fünf wurde mein Urgroßvater Dawyd zum Vollwaisen.

Beinahe jedes längere Gespräch mit meiner Großmutter endet bei den Russlanddeutschen. Dann gibt sie die Berichte ihres Vaters darüber wieder, wie er und die anderen Deportieren in Kasachstan ankamen: „Sie wurden im Winter in den Schnee geworfen. Wie Tiere gruben sie Löcher in den Schnee und lebten so bis zum Frühjahr. Deshalb starben so viele im ersten Winter. Im Frühjahr taute der Boden auf und die Menschen gruben Löcher in die Erde, erst eines für mehrere Familien. Dann ein Loch für jede Familie. Noch später lernten sie von den Kasachen, wie man Ziegel aus Lehm und Gras herstellt.“ In einer solchen Lehmhütte ist auch meine Großmutter aufgewachsen.

Die Dekulakisierung war nur die erste Phase des Terrors gegen die deutsche Minderheit in der Sow­jetunion. Nach dem Überfall NS-Deutschlands am 22. Juni 1941 ließ Stalin alle Sowjetbürger deutscher Herkunft kollektiv bestrafen. Er deportierte sie im Herbst und Winter ins Nirgendwo, in die sibirische Taiga und in die kasachische Steppe, und machte sie in sogenannten Arbeitsarmeen zu Sklaven.

Begründet wurde das mit vorgeblicher Kollaboration mit den Nazis. Natürlich gab es solche Fälle, aber Angehörige ganz unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen begrüßten zunächst den Einmarsch von Hitlers Truppen – das Sowjetregime war aufgrund der gegen die eigene Bevölkerung gerichteten Misshandlungen nicht sonderlich beliebt gewesen.

Mein Urgroßvater Dawyd wurde als Teenager in die Arbeitsarmee in Qaraghandy mobilisiert, wo er fortan in einer Kohlemine schuften musste.

Dass der Umzug meine Großmutter in eine tiefe Identitätskrise gestürzt haben muss, begriff ich erst als Erwachsene

Annas Mutter, meine Urgroßmutter Emilia, wurde 1941 im Alter von 18 Jahren aus ihrem Heimatdorf Kowalewskoje in der südrussischen Region Krasnodar deportiert. Auch sie musste in ­Qaraghandy Kohle fördern. Emilias Mutter überlebte die Kälte nicht, ihr Vater war bereits im Zuge der Dekulakisierung zu Tode geprügelt worden. Bei der Zwangsarbeit lernten sich Emilia und Dawyd, die beiden Vollwaisen, kennen. 1948 heirateten sie.

Russisch beherrschte Emilia ihr Leben lang nur schlecht. Meine Großmutter Anna schildert, als Kinder hätten sie und ihr Bruder sich darüber lustig gemacht, dass das Russisch ihrer Mutter von deutschen Wörtern durchsetzt war und sie die Betonungen falsch setzte. Emilia schämte sich und verkehrte nur mit anderen Russlanddeutschen. Sie arbeitete später als Pflegerin im Krankenhaus – eine Tätigkeit, bei der sprachlich nicht viel von ihr erwartet wurde.

„Ohne Sprache gibt es keine anständige Arbeit“, sagt meine Großmutter und zieht eine Parallele zu sich. „Wo konnte ich ohne gutes Deutsch schon arbeiten?“

Für meine Großmutter ging der Umzug nach Deutschland mit einem sozialen Abstieg einher. Nach ihrem Russischstudium in Nowosibirsk hatte sie zunächst Texte in einem geologischen Institut lektoriert. Doch ihr Abschluss wurde hier nicht anerkannt. Statt in einer Forschungseinrichtung arbeitete sie nun in einem Lager und schleppte Kisten. Annas Umfeld hielt sie wegen ihres Akzents für eine Russin. Dabei hatte sie sich, nicht zuletzt wegen der erfahrenen Ausgrenzung in der UdSSR, stets als Deutsche begriffen.

Nachdem ihr Körper die schwere Arbeit im Lager nicht mehr zuließ, stand sie im Supermarkt hinter der Frischetheke. Als Kind fand ich das ganz wunderbar – bei meiner Großmutter gab es immer Schokobananen mit bunten Zuckerstreuseln.

Svetlana Boym schreibt, nostalgische Liebe könne nur in einer Fernbeziehung überleben, der Sehnsuchtsort existiere lediglich als imaginierter. Nostalgie sei wie eine doppelte Exposition bei der Fotografie, die Überlagerung zweier Bilder: „von Zuhause und Ausland, Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Alltag“. In dem Moment, in dem man versuche, sie in eine einzige Aufnahme zu zwängen, werde der Rahmen gesprengt oder die Oberfläche verbrannt.

Auch in der Vorstellung meiner Großmutter hatte die lange erträumte Rückkehr nach Deutschland, ins Land ihrer Vorfahren, das Ende eines langen Leidenswegs bedeuten müssen. Doch hier angekommen, war niemand mit ihrer Geschichte vertraut. Ja, schlimmer: Niemand interessierte sich dafür. In der UdSSR war sie eine Deutsche gewesen, in Deutschland aber sah man sie als Russin.

Olga, meine Großmutter väterlicherseits, Jahrgang 1953, ist eine bescheidene und fürsorgliche Frau. Wenn ich sie früher in den Schulferien in ihrer baden-württembergischen Kleinstadt besuchte, bereitete sie mir Pfannkuchen oder Krebli zu. Krebli sind in heißem Öl gebratene Teigringe, die man in Schmand taucht – eine russlanddeutsche Spezialität. Olgas Teiggerichte trieften immer vor Fett. Ich tupfte sie heimlich mit Küchenrolle ab, wenn sie gerade nicht hinsah. Dabei war das ein Zeichen der Liebe: Ich sollte eine satte Kindheit haben. Auch die Eltern meiner Großmutter Olga waren als deutsche Sowjetbürger Opfer der stalinistischen Repressionen geworden.

Meine Urgroßmutter Erna, Olgas Mutter, wurde im Herbst 1941 im Alter von 12 Jahren aus ihrer Heimatstadt Engels an der Wolga nach Sibirien deportiert. 24 Stunden gab man ihr, um ihre Sachen zu packen. Alte und Kinder starben bereits beim Transport in den Viehwaggons, später starben sie an Hunger, Kälte und an der Zwangsarbeit, beim Bäumefällen in der Taiga. Doch Ernas Familie überlebte wie durch ein Wunder.

Über die Geschichte ihres Vaters, meines Urgroßvaters Michael, weiß Olga weniger. Er stammt aus einem Dorf in der heutigen Region Nowgorod. Auch er ist deutscher Abstammung und wurde nach Sibirien deportiert, wo er Erna kennenlernte.

Als Kind habe ich meine Urgroßeltern Erna, Michael und Emilia noch kennenlernen können. Auch sie kamen mit uns nach Deutschland und verbrachten hier ihre letzten Jahre. Emilia litt an Demenz. Und während Michael eher zurückhaltend war, erzählte Erna immer viel von früher, jedoch ziemlich wirr. In meiner Erinnerung ist sie eine tief religiöse und zutiefst traumatisierte Frau.

Was mich überrascht – meine Großmutter Olga berichtet, ihre Kindheit in einer Lehmhütte im sibirischen Dorf Diwinka sei sehr glücklich gewesen. Dort lebten vorwiegend andere Deportierte: Deutsche, Kalmücken, Esten, Polen. „Ich kann mich nicht erinnern, dass es uns an etwas gemangelt hätte. Milch, Quark, Butter gab es immer“, sagt sie. „Ich bin in einer sehr liebevollen Familie aufgewachsen.“

Als sie in die Schule ging, habe sie kein Wort Russisch gesprochen, erklärt sie mir auf Russisch. Unsere Familiensprache ist bis heute ein Russisch mit deutschem Einschlag geblieben. Und trotz der freudigen Momente, die die Erinnerung meiner Großmutter an ihre Kindheit dominieren, gab es da auch eine andere Seite. „Man hat uns mit Steinen beworfen, bespuckt, als Faschisten beschimpft, Goebbelse und Hitlers genannt. Wir waren das aber gewohnt und nahmen es an, als müsse es eben so sein. So einen Hass gab es auf uns, meine Liebe.“

Noch mehr als dieser Hass scheinen sie die Lücken in der Vergangenheit zu schmerzen. Ihre Stimme zittert: „Wären sie noch am Leben, meine Eltern, meine Großmütter und Großväter, würde ich sie mehr ausfragen. Wenn sie früher mit ihren Erzählungen anfingen, dann habe ich immer gesagt: ‚Mama es reicht, das ist längst vorbei. Ihr habt alle überlebt, Gott sei Dank.‘ Heute denke ich: Es reicht nicht. Daran muss man sich erinnern.“

Nostalgie ist ein Gefühl des Verlusts und der Entwurzelung, aber sie ist auch eine Romanze mit der eigenen Fantasie

Svetlana Boym, Autorin und ­Slawistikprofessorin, in ihrem Buch „The Future of Nostalgia“

Viele Familien haben in der Sowjetunion Schlimmes erlebt. Minderheiten wie Kalmücken, Krimtataren oder Tschetschenen wurden wie die Russlanddeutschen kollektiv deportiert, Kasachen und Ukrainer ausgehungert. Das Verbrechen dieser Menschen bestand darin, der falschen „Nationalität“ anzugehören – und das in einem Staat, der für sich beanspruchte, der gerechteste der Welt zu sein. Die sowjetische Völkerfreundschaft war ein Mythos, der wenig mit der Realität gemein hatte. Obwohl er sich bis heute hartnäckig in den Köpfen hält.

Als der Eiserne Vorhang fiel, bekamen die Russlanddeutschen die Möglichkeit, in die Bundesrepublik zu kommen und dort die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Viele von ihnen wollten ein neues, besseres Leben im Westen beginnen – so auch meine Familie.

Wobei die Gründe der Generationen variierten. Anders als meinen Großmüttern ging es meinen Eltern nicht primär um eine Rückkehr in eine Art Urheimat. Zwar war in ihren Pässen und Geburtsurkunden als Nationalität „Deutsch“ vermerkt, aber sie hatten sich schon in die russische Mehrheitsgesellschaft assimiliert.

„In unserem Fall waren die ausufernde Kriminalität ausschlaggebend, die Korruption, die dysfunktionalen Strukturen“, sagt meine Mutter. „Die eine Gesellschaft hatte aufgehört zu existieren und die neue erst begonnen.“ Es sei beängstigend gewesen, in diesem Übergangszustand zu leben, zudem mit einem kleinen Kind. Kennengelernt hatten sich meine Eltern als Studenten an der Universität von Nowosibirsk – kurz darauf kam ich zur Welt. Zu einer Zeit, als die Inflation hoch war, die Supermarktregale leer und Morde an der Tagesordnung standen. Als sich die Chance ergab, in den Westen zu ziehen, zögerten sie nicht lange. Sie waren in ihren frühen Zwanzigern und hatten nichts zu verlieren.

Die Frage, ob er glaubt, dass er jemals wieder nach Russland reisen werde, verneint mein Vater. Nach kurzer Überlegung fügt er hinzu: „Ich lehne das nicht kategorisch ab. Wenn Russland sich vom Imperialismus lossagen sollte, dann ja. Jetzt zieht mich nichts dorthin. Ich verspüre keine Nostalgie.“

Mein Vater schildert, in den ersten Jahren in Deutschland habe sein Herz noch für Russland geschlagen – er sei zu naiv gewesen, um die Verbrechen in Tschetschenien und Georgien als solche zu erkennen. Mit Beginn der Aggression gegen die Ukraine habe seine Antipathie gegenüber seiner Heimat jedoch zugenommen und habe sich mit der Großinvasion verstärkt: „In den ersten Tagen glaubte ich, dass das nicht lange dauern kann. Dass Putin sich seine eigene Grube gegraben hat, dass die russische Bevölkerung doch gegen diesen Krieg ist.“ Doch die Propaganda, gepaart mit Repressionen und der Passivität des Großteils der Bevölkerung, ließ sie den Krieg mittragen. Auch einige meiner entfernten Verwandten in Russland unterstützen Putin. Mit ihnen spreche ich nicht mehr.

Hierzulande richtet sich ein Teil der russischen Propaganda an Russlanddeutsche, die als vermeintliche „Landsleute“ angesprochen werden. Genauer zielt sie auf deren Nostalgie ab. Auch die AfD hat die Russlanddeutschen, die früher meist für die Union stimmten, als Wählergruppe entdeckt und spricht sie gezielt an. Russlanddeutsche wählen häufiger die AfD als der bundesdeutsche Durchschnitt. Dabei darf man nicht vergessen, dass die große Mehrheit weiterhin für demokratische Parteien stimmt.

Mein Vater bestätigt, dass er bei einigen seiner russlanddeutschen Bekannten Zuspruch zur AfD und zu Putin beobachte – „bei denen, die in ihrem eigenen Saft schmoren“.

Er kommt auf einen früheren Freund zu sprechen, den ich in meiner Kindheit „Djadja Wowa“, Onkel Wowa, nannte. Ich erinnere mich, wie wir im Sommer auf der Datscha grillten – so nannten wir die baden-württembergische Kleingarten-Parzelle – und Onkel Wowa Gitarrenlieder zum Besten gab. Nach einer Midlife-Crisis, die mit der russischen Annexion der Krim zusammenfiel, begann er jedoch damit, furchtbar chauvinistische Lieder zu komponieren und die Überlegenheit der Russen zu besingen. Dass seine Stücke inzwischen bei einer großen Militärparade in Sankt Petersburg und bei Konzerten in besetzten ukrainischen Gebieten gespielt werden, erfüllt ihn mit großem Stolz. Meine Eltern haben den Kontakt zu Onkel Wowa abgebrochen.

Die Gefahr der Nostalgie bestehe darin, dass sie dazu neige, die tatsächliche Heimat mit der imaginären zu verwechseln, schreibt Svetlana Boym. Eine solche restaurative Art der Nostalgie sei religiösen und nationalistischen Erweckungsbewegungen eigen, die sich bis zu Verschwörungserzählungen steigern können. In extremen Fällen erschaffe Nostalgie gar eine Phantomheimat, für die man bereit ist, zu sterben oder zu töten. Unreflektierte Nostalgie bringe Ungeheuer hervor.

Im heutigen Russland dient eine restaurativ-nostalgische Variante von Geschichte als Propagandainstrument. Kritische Reflexion muss plumpen Heldenerzählungen weichen, damit der heutige Krieg gegen die Ukraine als Verlängerung des Sieges über NS-Deutschland konstruiert werden kann. Millionen von Menschenleben, die einst auf Weisung der sowjetischen Führung zerstört wurden, haben in dieser manipulativen Erzählung keinen Platz. Auch nicht die Geschichten meiner Urgroßeltern Dawyd, Erna, Emilia und Michael.

Teile der russischen Propaganda richten sich gezielt an in Deutschland lebende Russlanddeutsche, sie werden als vermeintliche Landsleute angesprochen

Laut Svetlana Boym kann Nostalgie jedoch beides sein, Gift und Heilung. In ihrer reflektiven Form, als Nachsinnen über die Vergangenheit, als Verweilen „über den Ruinen, der Patina von Zeit und Geschichte, in den Träumen von einem anderen Ort und einer anderen Zeit“ ist sie uns allen bekannt. Diese Art der Nostalgie hält Ambivalenzen aus und befördert Empathie.

In meinem Alltag denke ich nicht oft über meine Familiengeschichte nach. Aber wenn ich als Reporterin in der Ukraine unterwegs bin, dann komme ich nicht umhin, die frühere Gewalt der Kremls mit der heutigen in Verbindung zu bringen. Natürlich fühle ich nicht denselben Schmerz wie die Ukrainer, aber ich fühle mit. Weil ich nostalgisch bin.

Ich muss an meine Aufenthalte in der Ukraine vor der Großinvasion denken: an die Zeit vor den Verbrechen von Mariupol, Butscha und Irpin, an die Zeit vor den täglichen Luftangriffen auf ukrainische Städte. Sie erscheint mir aus heutiger Sicht nahezu paradiesisch. Ich weiß noch: Wenige Monate vor der Katastrophe, als ich das Land bereiste, lag die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in der Luft. Auf die Überwindung der sowjetischen, aber auch der postsowjetischen Vergangenheit mit ihren Altlasten – der Ungerechtigkeit, der Korruption, der Angst – und auf den Beginn eines neuen Kapitels. Es war das exakte Gegenteil dessen, was ich in Russland verspürte.

Im vergangenen Herbst reiste ich in die Frontstadt Mykolajiw, um über ein Literaturfestival im Luftschutzkeller zu berichten. Der Aktivist Taras Kremin, der frühere „Ombudsmann für den Schutz der Amtssprache“ Ukrainisch, gab der Schriftstellerin Oksana Sabuschko und mir einen Rundgang durch seine geliebte Hafenstadt. Neben zerstörten Gebäuden und als Trophäen im Stadtzentrum platzierten russischen Panzern zeigte er uns auch das regionale Geschichtsmuseum, das schon einige Angriffe in unmittelbarer Nähe überstanden hatte.

Ein Bereich der ethnografischen Sektion ist den Deutschen der Region Mykolajiw gewidmet. Auch hier, im Süden der Ukraine, lebten einst viele Russlanddeutsche. Kremin besteht darauf, dass ich mich zum Andenken fotografieren lasse, selbst wenn ich das etwas albern finde: vor einer Vitrine mit alten Fotografien aus den deutschen Kolonien, mit einer Tracht und einer Uhr.

Emilia, Dawyd, Erna, Michael und die anderen russlanddeutschen Opfer der stalinistischen Repressionen sind tot. Doch ihre Geschichten leben weiter. Hinter dem Glas der Vitrinen und in Worten.

Yelizaveta Landenberger, 32, ist taz-Kolumnistin und schreibt als freie Journalistin für ver­schiedene deutsche Zeitungen und Magazine über Osteuropa.

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