Die mutmaßlichen NSU-Helfer

Angeklagt und Zeuge

Beihilfe zum Mord und Unterstützung einer Terrorgruppe, das wirft die Bundesanwaltschaft den vier mutmaßlichen Helfern des NSU-Trios vor. Zwei von ihnen schweigen.

Der frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben auf einer Demo in Jena (Archivbild vom 18.08.2007). Bild: dpa

Ralf Wohlleben: Der ehemalige NPD-Funktionär und zweitweilige Vizelandeschef der rechtsextremen Partei in Thüringen ist neben Beate Zschäpe der einzige Angeklagte, der nach wie vor in Untersuchungshaft sitzt.

Ralf Wohlleben soll zumindest in der Anfangszeit die Unterstützung für das untergetauchte Trio koordiniert, ihm Spenden und eigenes Geld zukommen lassen haben – und ihm schließlich die Ceska-Pistole mit der Seriennummer 034678 verschafft haben. Das wäre Beihilfe zum Mord: Mit dieser Waffe erschossen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zwischen September 2000 und April 2006 neun Migranten.

Ralf Wohlleben hatte laut Bundesanwaltschaft den ebenfalls angeklagten, fünf Jahre jüngeren Carsten S. eingespannt, um die Ceska-Pistole im Jenaer Szeneladen Madley zu besorgen. Danach soll Wohlleben die Waffe vor dessen Augen geprüft und zur Probe mit Lederhandschuhen den Schalldämpfer aufgeschraubt haben, um sie dann dem NSU-Trio durch den Boten Carsten S. bringen zu lassen.

Der jetzt 38-jährige Wohlleben schweigt zu den Vorwürfen. (WOS)

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Carsten S. ist Angeklagter und Belastungszeuge in einem. Scheinbar hatte Carsten S. schon vor mehr als zehn Jahren seine Vergangenheit in der Jenaer Neonaziszene hinter sich gelassen; nach einem Umzug nach Nordrhein-Westfalen konnte er sein Schwulsein offen leben und als Sozialpädagoge bei der Aidshilfe arbeiten. Dann holte ihn sein Vorleben ein: Im Februar 2012 wurde er festgenommen.

In Vernehmungen gab Carsten S. zu, um die Jahrtausendwende nach Chemnitz gefahren zu sein und dort in einem Abbruchhaus Mundlos und Böhnhardt die Ceska-Pistole samt Schalldämpfer übergeben zu haben – ein Geständnis, das nicht nur den mutmaßlichen Strippenzieher der Waffenlieferung, Ralf Wohlleben, sondern auch ihn selbst schwer belastete. Auch ihm wird nun vorgeworfen: Beihilfe zum Mord in neun Fällen.

Weil Carsten S. zum Zeitpunkt seiner Tat noch unter 21 Jahre alt war, könnte er nach dem Jugendstrafrecht verurteilt werden. Seit Ende Mai des vergangenen Jahres sitzt er nicht mehr in Untersuchungshaft. Das BKA hat ihn in sein Zeugenschutzprogramm aufgenommen. (WOS)

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André E.: „Die Jew Die“ hat sich der sächsische Hardcore-Nazi André E. auf den Bauch tätowiert. Er soll einer der engsten Bezugspersonen des Trios im Untergrund gewesen sein und von Frühjahr 1998 bis November 2011 zu ihm Kontakt gehabt haben. Als er festgenommen wurde, verdächtigten ihn die Ermittler zuerst, bei der Produktion des NSU-Bekennervideos geholfen zu haben, fanden sie doch einen Flyer von André E.s Digitalisierungsfirma im Schutt des NSU-Unterschlupfs. Doch der Verdacht ließ sich nicht erhärten; im Juni 2012 wurde E. aus der U-Haft entlassen.

Die Bundesanwaltschaft ermittelte weiter und klagte den 33-Jährigen wegen Unterstützung einer Terrorgruppe und Beihilfe zum versuchten Mord an. So soll er unter anderem im Dezember 2000 das Wohnmobil angemietet haben, das der NSU für einen Bombenanschlag in einem iranischen Laden in Köln benutzte. Dabei wurde die 19-jährige Tochter des Inhabers schwer verletzt. André E. schweigt zu den Vorwürfen.

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Holger G.: Wie Carsten S. kennt auch Holger G. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe schon aus der Jenaer Neonaziszene der neunziger Jahre. Er zog später nach Hannover.

Böhnhardt konnte im Untergrund Holger G.s Identität übernehmen – weil dieser ihm seinen Pass gab und sein Aussehen für das Foto so veränderte, dass die beiden Männer sich noch mehr ähnelten. Auch seinen Führerschein überließ G. dem Trio. Mit dem Dokument wurden in mehreren Fällen Fahrzeuge angemietet, die der NSU bei seinen Mordanschlägen und Überfällen benutzte. Die Ankläger werfen dem 40-Jährigen Unterstützung einer Terrorgruppe vor.

Ähnlich wie Carsten S. hat auch Holger G. umfangreich ausgesagt und so dazu beigetragen, dass die Ermittler das System verstehen konnten, nach dem das Trio seine Tarnung aufrechterhielt. Er berichtete auch von einer Waffenübergabe, bei der die Hauptangeklagte Beate Zschäpe mit anwesend gewesen sei und zugeschaut habe, wie einer der beiden Uwes die Pistole durchlud. Holger G. ist im Zeugenschutzprogramm des BKA. (WOS)

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