Die Weltcommune als Ziel: Es muss mehr geben als Riots

Damit mal eine umwälzende Bewegung zustande kommt: Die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft zu „Klasse, Krise, Weltcommune“.

Blättern in "Das Kapital" von Karl Marx

Als Grundlage gilt weiterhin die gründliche Marx-Lektüre Foto: dpa

Sie werden immer mehr, die „Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft“. So viel ist klar. Vergange Woche stellte die Berliner Gruppierung in der Anarchoschankwirtschaft Baiz in Prenzlauer Berg ihr in der Edition Nautilus erschienenes Buch „Klasse, Krise, Weltcommune“ vor. Der Saal war zum Erstaunen des Kneipenkollektivs übervoll.

Die drei Begriffe ihres Buchtitels hatten die Freundinnen und Freunde ab 2007 bereits in mehreren Ausgaben ihrer Zeitschrift Kosmoprolet diskutiert. Im Buch sind diese Texte nun mit einem langen Vorwort versehen worden, in dem es heißt: „Am Dreischritt Klasse, Krise, Weltcommune drängt sich heute nur der mittlere Begriff auf. Von einer Klasse, wie man sie sich gewöhnlich vorstellt, ist dagegen wenig zu sehen, und von der Commune reden selbst die Linken kaum noch.“

Nun will man aber von den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft wissen, wie sich das ändern lässt und warum überhaupt. Zum Teil erklärt sich das bereits aus ihrer Geschichte: Als Anfang der Siebzigerjahre in Westberlin und Westdeutschland die maoistischen Parteien entstanden, gründeten einige Genossen aus dem 1970 aufgelösten Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) eine Diskussionsgruppe, die eine Zeitschrift mit dem Namen Die soziale Revolution ist keine Parteisache herausgab. Ihre Vordenker waren unter anderem die inzwischen verstorbenen holländischen Rätekommunisten Anton Pannekoeg und Herman Gorter sowie der Marxist Paul Mattick.

Die Rätekommunisten setzen, kurz gesagt, den Anarchisten ähnlich auf Räte statt auf Parteien – zur Vergesellschaftung der Produktion. Damit sind allerdings keine DGB-Betriebsräte gemeint, sondern revolutionäre Gremien, wie sie 1871 in der Selbstverwaltung der Pariser Commune und 1917 in Russland noch vor der Machtergreifung der Bolschewiki entstanden. So veranstaltete die Diskussionsgruppe Soziale Revolution zum Beispiel 1971 in der Technischen Universität einen „Kronstadt-Kongress“, um daran zu erinnern, dass 1921 im russischen Marinestandort Kronstadt die revolutionären Matrosen einen Aufstand gewagt hatten, den die bolschewistische Partei zusammenschießen ließ.

Ein revolutionärer Familienhintergrund

Lange nachdem die Westberliner Gruppe der sozialen Revolution auseinandergefallen war, beteiligten sich zwei daraus am neuen Kreis der Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft. Namentlich der 2016 gestorbene Peter Rambauseck und Marc Geoffroy. Rambaus­ecks Vater war 1938 im Spanischen Bürgerkrieg gestorben und Geoffroys Vater soll angeblich, nachdem er 1945 als anarchistischer russischer Jude im Westen gelandet war, sogleich ein Flugblatt „An die Arbeiter Europas“ verfasst haben. Rambauseck und Geoffroy hatten also wie nur wenige linke Studenten einen revolutionären Familienhintergrund.

Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft: „Klasse, Krise, Weltcommune“ Nautilus Flugschrift/Edition ­Nautilus, 160 Seiten, 16 Euro

Der alte Einfluss der rätekommunistischen Theoretiker der Arbeiterbewegung – Pannekoeg, Gorter und Mattick – macht sich auch noch in den Texten der jungen Freundinnen und Freunde bemerkbar. Deren Gedanken wandern so immer weiter. Hinzu kommen bei den Freundinnen und Freunden neben einer gründlichen Marx-Lektüre noch die bedeutenden Influencer der 68er-Studentenbewegung: Adorno, Horkheimer, Benjamin, Marcuse.

Ähnlich ist das bei den Initiativen mit teils sehr sprechenden Namen, die sich an ihrer Zeitschrift Kosmoprolet beteiligen: Da gibt es in Hamburg die „Gruppe in Erwägung“, „La banda vaga“ in Freiburg, den „Surplus Club“ in Leipzig, „Translib“ in Leipzig und in der Schweiz „Eiszeit“. Wäre nicht dieses Netzwerk Gleichgesinnter, könnte man glatt meinen, dass es für die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft gar keine radikalen Kritiker des Kapitalismus mehr gebe. Allenfalls lassen sie noch die wertkritischen Texte von Robert Kurz gelten, der 2012 gestorben ist.

Auch die ökologische Krise im Blick

In Leipzig und Berlin gibt es im übrigen neben den eben erwähnten Gruppen auch noch die „Workers for Future“, die zuletzt ein wunderbar klares Flugblatt zur „Klimakrise“ verteilten, betitelt „Was bleibt von der Welt am Ende des Monats“. Auf der Kosmoprolet-Seite ist es zu finden. Natürlich gehen diese „Future“-Gruppen wie auch die Freundinnen und Freunde davon aus, dass „die ökologische Krise eine direkte Konsequenz aus der kapitalistischen Produktion ist“ und dass es an der „Ausweitung des Klimaprotests auf das Terrain der Produktion mangelt“. So etwas zu sagen, würde zwar „in der gegenwärtigen Lage utopisch klingen“, sei jedoch „der einzige realistische Weg“.

Des ungeachtet widmeten sich die Freundinnen und Freunde in der Vergangenheit auf ihren Diskussionsveranstaltungen im Mehringhof den anarchopoetischen Pamphleten der Gruppe Tiqqun und den arbeitslosen Jugendlichen in den Pariser Banlieue-Kämpfe und zuletzt in der Hamburger Roten Flora sowie in der Humboldt-Universität den gewaltsamen Protesten der französischen Gelbwesten.

Die Freundinnen und Freunde sind selbstverständlich auch Staatsgegner (ihnen schweben stattdessen selbstverwaltete „freie Gemeinwesen“ vor), aber sie lehnen nicht nur „Randalen“ ab, sondern auch eine „Theorie des Aufstands“, wie sie „nach der Hamburger Großrandale 2017“ rund um den G20-Gipfel „offene Ohren“ fand.

Diese Theorie geht davon aus, dass es nicht mehr die Arbeiterbewegung sei mit Kämpfen in der Produktion, sondern die „Überflüssigen“ mit ihren „städtischen Riots“, die eine neue „Ära der Aufstände“ einleiten und bereits „am Horizont die Commune“ aufscheinen lassen würden. Auch als 2008 das Finanzkapital schwächelte und das Marx’sche „Kapital“ in den Buchhandlungen ausverkauft war sowie nach Unruhen 2011 in England, kam die Rede von „leaderless revolutions“ auf. Sie waren zwar „leaderless“, aber nirgends „revolutions“, heißt es bei den Freundinnen und Freunden in ihrem Buch.

Aufmerksamkeit gilt dem Proletatriat

Sie wollen stattdessen ihre gedankliche Aufmerksamkeit weiter auf das Proletariat richten, also auf den größten Teil der „Weltbevölkerung“ (die „zum Verkauf ihrer Arbeitskraft gezwungen“ ist) und auf die Produktion (auch in ihrer computerisierten Form). Immer im Hinblick auf die „Weltcommune“, denn „über ihre Umrisse“, heißt es, müsse „schon heute gesprochen werden“, um die Chancen zu erhöhen, „dass doch noch eine umwälzende Bewegung zustande kommt“.

Die an den weiterführenden Gedanken der Freundinnen und Freunde Interessierten passten dann im Baiz gar nicht mehr in den Saal. Zu spät Gekommene drängelten draußen, drinnen sollte noch diskutiert werden. Mir war das irgendwann alles zu anthropozentrisch. „Ich habe mich politisch umgestellt. Ich bin jetzt bei den Tieren“, könnte ich mit Jaroslav Hašek auch sagen – und verzog mich in ein nahes Café.

Dort legte ich „Klasse, Krise, Weltcommune“ beiseite und schlug „Wild Minds“, ein Buch des Biologen Marc Hauser, auf. Und was las ich dort: Tiere seien generell nicht in der Lage, sich zu einem Aufstand gegen die Menschen zusammenzurotten. „Eine Revolution ist mit Tieren nicht zu machen.“

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