Die Wahrheit: Sticker am Blechle
Kommunizieren per Autoaufkleber wird allmählich wieder in. Denn früher war vielleicht doch nicht alles besser.
H eute kommuniziert man ja vor allem per Whatsapp, es gab Zeiten, da tat man dies per Autoaufkleber. Der braun gebrannte Sportwagenlenker, der der Welt und der obligatorischen Blondine mit Schirmmützchen auf dem Beifahrersitz zeigen wollte, dass er es geschafft hatte, protzte mit dem Sticker „Eure Armut kotzt mich an“. Der Freak im klapprigen R4 konterte mit „Alt, aber bezahlt“ oder „Überholen Sie ruhig, ich kaufe Ihren Schrott auf“. Und wer sich eine weiße Taube auf blauem Hintergrund aufs Heck klebte, der zeigte allen: Ich gehöre zu den Guten!
Überhaupt war die Welt einst viel eindeutiger in „Gut“ und „Böse“ aufgeteilt als heute, und jeder Verkehrsteilnehmer konnte sofort sehen, welcher Gruppe derjenige angehörte, der gerade vor ihm herfuhr. Während der Sticker „Atomkraft – nein danke!“ vorwiegend Ente, Käfer oder VW-Bus zierte, klebte die Antwort „Steinzeit – nein danke!“ eher auf süddeutschen Nobelkarossen.
Auch seinen selbstverständlich exzellenten Musikgeschmack konnte man seinen Mitmenschen ganz einfach per Autoaufkleber mitteilen. Wer die berühmte Stones-Zunge oder den quadratischen Zappa auf dem Heck spazieren fuhr, der konnte kein schlechter Mensch sein.
Den vielen langhaarigen Trampern, die sich an Autobahnraststätten einen Chauffeur suchten, gaben die Autosticker wertvolle Hinweise. Bei einem Fahrer, der seine Rostlaube mit dem Spruch „Bis dass der TÜV uns scheidet“ schmückte, war die Chance auf eine kostenlose Weiterfahrt wesentlich größer als beim anzugtragenden Mittsechziger, dessen Heck der Spruch „Freiheit statt Sozialismus“ zierte. Zudem war Rauchen ausdrücklich erlaubt.
Sylt, der Aufkleber
Heute sieht man höchstens mal die Silhouette von Sylt auf den Hecks sauber glänzender Mittel- und Oberklassewagen, als Alternative gibts noch den Umriss des Bodensees. Und nur auf Teslas findet man seit ein paar Jahren eine klebende Rechtfertigung: Mit dem wohlfeilen Spruch „I bought this before Elon went crazy“ distanzieren sich die Fahrer besagter Elektroautos von diversen Äußerungen des schurkischen Tesla-Chefs.
Und dann sind da noch die unzähligen, vorwiegend auf Vans, auch bekannt als „Pampersschleudern“, zu sehenden Aufkleber, mit denen Eltern der restlichen Welt ungefragt glauben mitteilen zu müssen, dass ihre Kinder auf die Namen Paul, Finn und Lucas oder Mia, Emma und Hannah hören. Vor allem aber auf Finn! Herzlose oder auch beherzte Witzbolde kontern dies mit dem Sticker „Kein Balg mit blödem Namen an Bord“. Immerhin – es wird wieder kommuniziert auf deutschen Straßen.
Den schönsten aller Autoaufkleber aber gab es einst vermutlich nur im Schwabenland: „Fahr nicht auf mein heilix Blechle“. Wohl selten wurde die Liebe zum fahrbaren Untersatz schöner formuliert als in diesen sechs Worten.
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