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Die WahrheitDas Kissen von Dutschke

Was nur mitbringen, wenn der reichgewordene Ex-Tresenkumpel zur Sause lädt? Oder dort erst gar nicht auflaufen? Fragen über Fragen in der Stammkneipe.

W ir ließen die Einladung rumgehen, die Petris, der Gumwirt, morgens in der Post gefunden hatte. Sie war zweifelsohne für uns bestimmt.

„Ist doch schlau, dass Stolle sie ans Gum geschickt hat“, sagte Theo: „Schließlich haben wir schon vor vierzig Jahren hier an der Theke gesessen.“ – „Wisst ihr noch, wann er abgehauen ist?“, fragte Luis. „'95, glaube ich“, sagte Raimund: „Er ist dann ja Headhunter in Frankfurt geworden.“ – „Investmentberater“, brummte Luis. „Stimmt“, sagte Raimund, „irgendwas Mieses.“

„Immerhin hat er uns nicht vergessen und zu seinem 65. eingeladen“, sagte Theo. „Gehen wir hin?“ – „Bist du irre?“, sagte Raimund: „Da laufen die ganzen Frankfurter Großkotzbanker rum. Die werden uns anstarren, als ob wir Aliens wären.“ – „So what?“, grinste Theo. „Früher, als wir noch Punks waren, hast du das genossen.“ – „Und was sollen wir ihm schenken?“ – „Punx schenken nix!“, jubelte Theo: „Never!“

„Was haltet ihr von Dutschkes Kissen?“, mischte sich Rudi, der Blödmann, ein. „Das wäre natürlich ein Hammer“, sagte Theo: „Er war immer so scharf auf dieses Kissen. Aber Hanno wird es nicht rausrücken.“ – „Hanno ist doch gestorben“, sagte Rudi. „Vor zwei Jahren. Herzinfarkt.“ – „Ist nicht schade um ihn“, sagte Theo. „Er war ein Scheißkerl.“

„Also bitte!“, wies Luis ihn zurecht. „Ist doch wahr“, sagte Theo: „Er hat Stolle Corinna ausgespannt, er hat ihn aus seinem eigenen Haus rausgeschmissen, und er hat nicht mal das Kissen rausgerückt, auf dem Rudi Dutschke beim Teach-in in der Mensa im Frühjahr '67 gesessen haben soll. Stolle hat dieses Kissen verehrt, aber Hanno wollte ihn fertigmachen – nur aus Bosheit und Rache.“ – „Ist es ein Wunder?“, sagte Luis: „Immerhin hatte Stolle ihn bei den Bullen verpfiffen, damals bei dieser Springteufelchen-Geschichte mit dem Ministerpräsidenten.“ – „Stolle hat das immer bestritten!“, belehrte ihn Theo.

Skrupelloser Ex-Kumpel

„Na, und? Stolle war skrupellos“, schnappte Luis: „Kuck dir doch an, womit er später seine Investmentmillionen verdient hat: Er hat massenhaft vertrauensselige Wichtel um ihre Spargroschen gebracht.“ – „Aber das hat er doch nur getan, weil sein Leben zerstört war und er an nichts mehr geglaubt hat!“ – „Ich gehe jedenfalls nicht zu dieser Bonzenparty!“ – „Und ich gehe!“, rief Theo. „Ich werde bei Corinna Dutschkes Kissen holen, und er wird blitzartig erkennen, dass die ganzen Millionen nichts wert sind im Vergleich zu dem wirklichen Leben, das hier auf ihn wartet: an dieser Theke, die auch seine Heimat ist.“

Dass es ganz anders kam, lag vor allem daran, dass Dutschkes Kissen bereits seit Jahrzehnten in einem alten Schuppen lag und viele streunende Katzen darauf viele Katzenbabys zur Welt gebracht haben mussten, weshalb es so sehr stank, dass Theo im Regionalzug nach Frankfurt von einem resoluten Schaffner irgendwo im Nirgendwo auf einen verlassenen Bahnsteig hinaus geschubst wurde und niemals sein Ziel erreichte.

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Joachim Schulz

Joachim Schulz

Joachim Schulz wurde 1963 an der Nordseeküste geboren und in Regen, Wind und Nebel großgezogen. Er lebt mittlerweile in einer kleinen Welt in der hessischen Provinz, wo unablässig die großen Fragen des Lebens erörtert werden, und ist seit 1996 im Einsatz für Die Wahrheit. Großen Dank für die Zeichnung an ol' Steffen Haas!
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