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Die WahrheitWahres Sondervermögen​

Wohl der Person, die im Innenfutter der Übergangsjacke noch einen Zehneuroschein vom vorigen Jahr findet. Das ist sie, die wahre Kohle! Glückwunsch.

I mmer mal wieder kursiert dieses Wort in den Nachrichten: „Sondervermögen“. Meist im Zusammenhang mit Regierung und Bundestag, die für angeblich wichtige Ausgaben kein richtiges Geld finden, sondern ein imaginäres Sparschwein erfinden. Sondervermögen – klingt ja auch besser als herbeifabrizierte Schulden. Genauso wie „Ich bin sondervermögend“ bei einem Date mehr hermacht als „Ich bin hoch verschuldet, willste trotzdem heiraten?“.

Ja, Ausgaben für eine marode Bahnstrecke sind wichtig, und Schuldenaufnehmen dafür ist ökonomisch sinnvoll. Aber das Wort Sondervermögen ist trotzdem „völlig Banane“, wie die Volkswirtschaft sagen würde. Denn ein wirkliches Sondervermögen sind eben nicht 500 Milliarden Schulden, die für „Dies, Das, Ananas“ ausgegeben werden.

Ein wirkliches Sondervermögen ist, wenn ich im Innenfutter der Übergangsjacke noch einen Zehneuroschein vom vorigen Jahr finde. Das ist ein Sondervermögen. Ein Sondervermögen ist, wenn ich bei den Großeltern einen Fünfhundertmarkschein im Brockhaus versteckt entdecke und dann google, was ein Brockhaus ist und wo man D-Mark noch in Euro tauschen kann.

Sondervermögen ist, wenn im Schwimmbadschließfach schon eine Münze drin liegt. Und ich mir davon theoretisch eine halbe Kugel Eis kaufen kann. Aber es lasse, weil ich mir im Badeanzug nicht mehr Sondervermögen ausdenken kann, im Gegensatz zur Bundesregierung. Apropos, nicht genug Geld dabei haben. Sondervermögen ist wie eine Stempelkarte im Café: 15 Kaffee saufen, um endlich einen Espresso umsonst zu kriegen. Sonderpunkte, wenn man nicht genug Geld dabei hat – und genau dann die Karte einlösen kann.

Umgetopfte Fantasiemilliarden

Sondervermögen sind also nicht irgendwelche umgetopften Fantasiemilliarden, um damit Haushalts- und Schlaglöcher zu stopfen. Ein wirkliches Sondervermögen ist konkret. Wenn Pascal aus der 6b mir endlich die alten Pokemon-Karten wiedergibt. Die sind nämlich jetzt ein wirkliches Vermögen wert. Pascal, rück die raus!

Neben dem gesamten globalen Klima soll ja auch die Bahn mit dem Infrastruktursondervermögen geflickt werden, hoffentlich mit mehr als nur Gaffer-Tape. Beim ICE kann man ja auch nicht die Fenster öffnen, damit das Geld da rausgeht und zur Tür wieder reinkommt. Ein echtes Sondervermögen? Heißt, so viel mit der Bahn durchs Land gegurkt zu sein, dass man mit seinen ganzen Bahn-Bonus-Punkten endlich eine kleine Apfelschorle im Bordbistro umsonst kriegt. Das ist ein Sondervermögen. Also, falls das Bordbistro auf hat.

Wie bitte? Hat heute nicht auf? Ach, der ganze Zug fährt nicht? Nicht mal ein Sonderzug? Wie … weil die Schiene kaputt ist? Ach, die ganze Brücke ist kaputt? Kaputtgespart? Und da kommen wir jetzt nicht rüber? Ja, verdammt. Na, dann gehe ich zu Fuß zurück auf Los über diesen imaginären Schuldenberg – und hoffe, dass zumindest das ausgedachte Geld irgendwann bei der Brücke ankommt. Sonderbar!

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