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Die WahrheitKenn ich, hab ich auch!

Bernd Gieseking
Kolumne
von Bernd Gieseking

Sag niemals irgendwo, wie es dir geht, und erzähle vor allem nichts von deinen Wehwehchen. Krankheiten sind neuerdings so was von chic.

Pollenzeit: Da können viele All­er­gi­ke­r:in­nen mitreden Foto: Birgit Koch/imago

M it fortschreitendem Alter mehren sich die Krankheiten. Interessanterweise bei allen. Also bei allen anderen. Ich selber bin an Krankheiten gar nicht interessiert, trotzdem habe ich inzwischen selber einige. Zum Glück sagen meine Ärzte bei fast allem: „Da sind Sie erblich vorbelastet. Da können Sie nichts für. Das haben Sie geerbt. Das ist von Ihren Eltern.“ Ich kann also nichts machen. Ich mach auch nichts. Vor allem rede ich nicht darüber. Außer es rutscht mir was raus.

Was ich nicht wusste, ist, dass man eine Krankheit nicht für sich hat, sondern mit anderen teilt. Sobald du dir auch nur eine kleine Blöße gibst, sobald du auch nur das kleinste Geständnis machst, eine winzige Offenbarung wie: „Es ist ja Pollenzeit – ich hab da so eine kleine Allerg…“ Den Satz kannst du gar nicht zu Ende sprechen, da kommt schon: „Ja, kenn ich. Hab ich auch! Ganz schlimm!“

Und dann folgt dieser Fachvortrag über allergische Reaktionen, über Tests. Wurde vor Corona eigentlich auch schon so intensiv über Krankheiten geredet? Und es ist egal, über was du redest, über eingewachsene Fußnägel oder einen Oberschenkelhalsbruch, jeder zweite, mit dem du sprichst, kann sofort seine eigene Krankengeschichte entblättern. Und wenn es nicht die eigene ist, dann ist es eine mit dramatischstem Verlauf aus dem engsten Familienkreis.

Ein harmloser Kratzer führt dann zu Amputationen. Bei mir wurde jetzt grüner Star attestiert. Ich hatte vorher noch nie in meinem Freundeskreis von irgendjemandem gehört, dass er oder sie damit zu tun habe. Jetzt habe ich den Fehler gemacht, auf die Frage „Wie geht’s?“ ehrlich zu antworten: „Ich bin etwas irritiert, ich habe angeblich grünen Star, eine Art Altersdrohung.“

Eine Welle an Augenkrankheiten ergießt sich seitdem aus meinem Freundeskreis. Und alle erzählen es den anderen, nach dem Prinzip der stillen Post und einer steten Steigerung: „Du, der Bernd hat ja jetzt …“ Das verselbstständigt sich. Ein Freund sagte neulich zu mir, bevor ich „Guten Tag“ sagen konnte: „Ich hab’s gehört. Sieht aber super aus, dein Glasauge. Man sieht gar nichts!“

Und alle sind Experten: „Grüner Star. Genau. Hab ich auch. Oder grauen. Ich müsste noch mal in den Spiegel schauen.“ Standard ist: „Ab jetzt musst du tropfen, das musst du ernst nehmen, oder du wirst blind. Möchtest du mit meiner Schwester reden, die war früher beim Augenarzt, die kann dir …“

Die Diagnostik hat mit Dr. Google größte Fortschritte gemacht. Ein Medizinstudium braucht keiner mehr, und trotzdem ist jeder ein Experte. Ich habe Freunde, die in keinem medizinischen Beruf tätig sind, aber trotzdem versuchen, mir Rezepte auszustellen.

Eine Möglichkeit wäre, über Krankheiten zu schweigen. Aber ich mache es anders. Ich erfinde neue Krankheiten. Ich bin ein Krankheitshochstapler. Und überzeugend. Meine Glatze steht momentan für kreisrunden Haarausfall. Mal sehen, wer den dann auch alles hat!

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Bernd Gieseking
Der Kabarettist und Autor Bernd Gieseking steht seit über zwanzig Jahren auf der Bühne. Er schreibt Kolumnen für die »Wahrheit«-Seite der »taz«, Kinderhörspiele für den WDR Hörfunk sowie Bücher – und die am liebsten über Finnland: »Finne Dich Selbst!« und »Das kuriose Finnland-Buch«, alle erschienen im Fischer Verlag. Wenn er nicht schreibt, dann tourt er mit seinen Kabarettprogrammen »Gefühlte Dreißig«, »Finne Dich Selbst!« sowie - jeweils in den Wintermonaten - mit seinem alljährlichen satirischen Jahresrückblick »Ab dafür!« durch die Republik.
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