Die Wahrheit: Online ist das neue Offline
Im Düsseldorfer Industriegebiet gibt es einen Chronically Online Club. Die Wahrheit machte sich auf den Weg zu einem Offline-Besuch.
„Shart bitte noch kurz eure Aufmerksamkeit mit mir!“ Christoph Mach adressiert die Menschen vor ihm, geistesabwesend über ihre Handys gebeugt. Wenige schauen tatsächlich hoch. „Ich wollt nur kurz sagen“, sagt Mach: „Viel Erfolg, und mögen die Memes mit euch sein.“ Bestärkend geht sein Daumen hoch – eine Geste, die die Anwesenden wohl nur noch mit dem Like-Button von Youtube verbinden.
Denn hierher, zum Chronically Online Club, kurz COC, kommen nur die, die das wahre Ausmaß ihrer Handysucht längst nicht mehr auf dem Schirm haben. Der wie der Gründer eines maritimen Start-ups gekleidete Christoph Mach – halb gibt er den Shanty-Sänger, halb den Millennial-Yuppie – will helfen, wieder mehr im analogen Hier und Jetzt zu leben.
Erfahren haben wir von Machs Club wie von jedem Trend, der es noch nicht aus dem Underground geschafft hat: durch einen schlecht gestalteten Sticker an einer Großstadtampel. „Eigentlich ist der COC nur eine Reaktion auf die Offline Clubs, die in Szenevierteln immer mehr Zulauf haben“, erklärt Mach. Die Offline Clubs und sein Online Club hätten dasselbe Ziel: Menschen vom Handy wegzukriegen. „Aber die Offliner gehen da total falsch ran: Eine Stunde legen Teilnehmer ihr Handy weg, stricken oder so, und dann? Haben sie noch mehr Bock.“ Er gehe da einen gänzlich anderen Weg.
Dabei scheint Mach einiges richtig zu machen, sonst wären wohl kaum so viele junge Menschen hier. Sicher nicht wegen des Interieurs: Mach hat seinen nun wöchentlich stattfindenden Club ganz bewusst in einem sehr grauen Büroraum eines Düsseldorfer Industriegebiets eröffnet. Nichts soll die Aufmerksamkeit vom Handy weglenken. Eine Verhörzelle des FBI oder das Zimmer eines frisch geschiedenen Mannes können nicht trister wirken. Mehr dürfen wir allerdings nicht über diesen Ort verraten, Mach fürchtet sich vor Targeted Ads, die die willensschwachen Teilnehmer von der Online- auch noch zur Kaufsucht bringen.
So viel Content konsumieren wie möglich
„Eine halbe Stunde wird jetzt noch fokussiert gescrollt“, erklärt uns der 37-Jährige dann endlich das Geschehen vor uns. In dieser Phase sollen die Teilnehmer so viel krassen wie unkrassen Content wie möglich konsumieren. Am Ende des Tages kennen sie garantiert jedes Katzen-KI-Video und wahrlich jeden Trend. Und sind so handfest geimpft gegen sämtliche Verlockungen der sozialen Medien sowie ihres Mobilfunkgeräts dann ein paar Stunden überdrüssig.
Hier in einem Düsseldorfer Industriegebiet wird also gerade höchst moderne Höchstleistung erbracht. Seltsam, das beständige Wischen von Daumen und das leise Tappen der Bildschirme bringt uns dennoch eine Art Frieden. Nur hin und wieder durchbricht ein amüsiertes Schnaufen die Stille. Nachdem wir selbst kurz in Reddit versunken sind, ist die halbe Stunde auch schon vorbei und die Arbeit in Kleingruppen beginnt.
In einer Ecke tagt der AKI, der Club der Anonymen auf KI-Hereinfaller. Die Menschen hier, die auf billigen Plastikstühlen im Kreis sitzen, geben zu, was sie noch nie jemandem erzählt haben: „Mein Name ist André, und ich habe ein KI-Video für real gehalten“, gesteht ein Mann, bevor er in allzu echte Tränen ausbricht. „Peinlich, André“, erwidern die anderen im Chor, um ihn vom Handy wegzushamen. Negative Emotionen mit dem Handy zu verknüpfen ist fester Teil von Machs Konzept: „Wut, Ekel, Angst – wir nehmen eigentlich alles“, erklärt er und verteilt Energy Drinks für noch intensiveren Stress an die Teilnehmenden.
Die Gruppe, bei der wir schließlich länger stehen, versucht es mit Abhärtung. Die Teilnehmer teilen nischige Memes über die Schlacht bei Gallipoli, Schweizer Starfriseure oder das Verhalten von Goldman-Sachs-Bankern in Bewerbungsgesprächen. Nichts, was die Teilnehmer interessiert, aber „wer weiß, was mir der Algo morgen reinspielt“, nuschelt eine abwesend. Die meisten Teilnehmer allerdings scrollen weiter für sich und vor sich hin auf ihren Handys. Sie haben offenbar schon ganz vergessen, wo sie überhaupt sind.
Stilleminute am Smartphone
Zum Abschluss drückt Christoph Mach die Glocke – und schon nach nur zehn Minuten haben alle Kursteilnehmenden wieder herausgefunden aus ihrem Meme-Rausch. Mach bittet sie, ihm bei Instagram zu folgen – „Morgen reicht aber, haha“ – und sich noch eine Minute still an den Handys zu halten.
Mit ein paar, die dabei waren beim COC, dem Chronically Online Club, bleiben wir nach Ende noch in der kühlen Abendluft stehen. Wir genehmigen uns ein paar Schlucke aus einer Beer Simulator App. Zwischen einer ATU-Werkstatt und einem Recyclingbetrieb kann die Realität hier im Industriegebiet allerdings noch nicht mit dem bunten Internet mithalten. Einige COC-Teilnehmer schauen schon wieder abwesend auf ihre Handys. „Ein paar Memes waren doch zu gut, um sie nicht zu teilen“, stellt Claas aus Herne zum Abschied fest.
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