Die Wahrheit: „Wir bewahren die traditionelle Geräuschkulisse“
Das große Wahrheit-Multi-Interview: Drei Berliner Hinterhofschreier und ihre gar nicht so kakophonen Meinungen.
Jedes Berliner Mietshaus hat sie: eine Person, die dort regelmäßig herumschreit. Nach langen Vorbereitungen ist es erstmals gelungen, drei Hinterhofschreier an einem Ort zu versammeln, dem Innenhof eines Mietshauses in Schöneberg, Baujahr 1910. Sie heißen Wilma, Saskia und Henry. Wir stehen unten, die Hinterhofschreier antworten uns lautstark von oben herab.
taz: Liebe Hinterhofschreier, danke, dass Sie alle vorbeigekommen sind.
Hinterhofschreier: Ruhe! Ick komm da gleich runter! Gerne doch.
taz: Eine Frage brennt uns natürlich besonders unter den Dielen: Wie wird man Hinterhofschreier?
Wilma: Halts Maul! Man sollte Interesse an der aktiven Gestaltung des Stadtlebens haben. Ich habe anfangs nur hin und wieder die Kleinstgärten am Straßenrand verwüstet, aber irgendwann wollte ich mich dauerhaft einbringen.
Saskia: Fresse da drüben! Für mich gehört Rumschreien einfach zu einer Großstadt dazu. Nur will das heute kaum noch jemand machen. Dabei geht es hier um die Bewahrung der traditionellen urbanen Geräuschkulisse.
Henry: Schnauze! Letztlich ist es ein Ehrenamt mit einem, leider, etwas zweifelhaften Ruf.
taz: Ein Ehrenamt? Jetzt sagen Sie bloß, Sie sind auch in einem Verein organisiert.
Henry: Pass auf, du! Was dachten Sie denn? Natürlich: Verband der Hinterhofschreienden e. V. Mit Mitgliedsbeitrag, Satzung und Jahreslautversammlung.
taz: Und der Staat erkennt das an?
Wilma: Ich ruf gleich die Bullen! Er erkennt es nicht nur an, er honoriert es – und das zu Recht! Saskia, warst du nicht letztens erst bei Steinmeier?
Saskia: Musik aus jetzt! Genau, am Tag des Ehrenamtes haben der Bundespräsident und ich sogar gemeinsam aus einem Fenster von Schloss Bellevue geschrien.
Henry: Machs Maul zu! Und finanziell unterstützt werden wir vom Berliner Stadtmarketing. Die wollen das Hinterhofschreien erhalten. Schließlich gehört das für viele Touristen zu Berlin wie Döner und Müll auf der Straße.
taz: Also ist der Verband nur in Berlin aktiv.
Wilma: Gleich setzt es was! I wo! Schon seit 1894 sind wir in allen deutschen Großstädten vertreten. Unsere Mitglieder schreien in über 300 Sprachen und kennen mehr als 10.000 verschiedene Drohungen, Beleidigungen und Arten auszudrücken, dass man doch bitte etwas leiser sein soll.
taz: Und was braucht es als Hinterhofschreier?
Saskia: Kannst du keine Uhr lesen, oder was? Mitglied des Vereins darf erst mal jeder werden. An der Mitgliederwerbung müssen wir allerdings noch arbeiten, aktuell läuft das rein über Mund-zu-Mund-Propaganda.
Henry: Gleich klatscht es da unten! Um aktives Mitglied zu werden, brauchen Sie schon ein ordentliches Organ. Und ein natürlicher Hang zum Flapsigen schadet auch nicht.
Wilma: Ruhe jetzt! Und Einfallsreichtum natürlich! Immer nur „Fresse“ und „Ich ruf die Bullen“, das langweilt die anderen Mieter auf Dauer.
taz: Verständlich. Gibt es auch Ausschlusskriterien?
Henry: Fresse jetzt! Wir positionieren und klar gegen jede Art der Diskriminierung, viele von uns sind sogar bei „Laut gegen Nazis“ aktiv. Wenn kleine Kinder im Haus wohnen, erwarten wir, dass Fluchwörter auf ein Minimum reduziert werden. Wirre Selbstgespräche oder einfach mal animalische Laute tun es dann auch.
taz: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?
Saskia: Ich glaub’, es hackt! Aktuell bauen wir Ortsverbände auf dem Land auf. Da ist definitiv noch Luft nach oben, also in Sachen Dezibel. Dabei lässt es sich auch aus Doppelhaushälften gut schreien, auch wenn der Schall nicht optimal ist. Der Aufbau eilt aber nicht, wir haben einen langen Atem.
taz: Das können wir uns vorstellen. Liebe Hinterhofschreier, wir danken Ihnen für das bodenständige Gespräch.
Henry: Fresse jetzt, sonst rufen wir die Bullen! Gerne doch.
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