Die Wahrheit: Nackte Bohrarbeiter
Wenn der Winter sich wieder endlos hinzieht, gilt es kleine Freuden im Stadtbild zu finden. Zum Glück gibt es anstößige Standbilder.
F ebruar ist Scroll-Zeit. Draußen ist jeglicher Geist längst eingefroren; nur der Maulwurf singt sein trauriges Lied und reiht unermüdlich Haufen an Haufen. Zum Trost wollten der Liebste und ich an die Nordsee fahren, aber im Nebel haben wir sie leider nicht gefunden. Wir hielten knapp davor im „Hotel zur Nordsee“, das uns zeigte, wie Schleswig-Holsteiner ihre Besucher erledigen: mit Bergen von Essen, zum Ausgleich für das extrem platte Land. Also ab durch die Schinkenwellen über den Käsedeich zum Rote-Grütze-Priel, dann kurz im Nebel frieren und schließlich ins Hotelzimmer sinken und vor sich hin scrollen.
Da ploppt mir im Display eine Anzeige entgegen: „Susanne, finde jemanden, der dich so mag, wie du bist!“ Hm. Wollen die mir einen Hund vermitteln? Dagegen spricht, dass mich aus der Anzeige eine junge Frau breit angrinst, die ich sofort nicht leiden kann. Aber sie mich auch nicht, das sehe ich doch!
Und selbst ein Hund würde vielleicht denken, na gut, ich darf ja nicht beißen, aber wenn Frauchen noch einmal „Na, mein Süßer“ sagt, garantiere ich für nichts. Weshalb ich auch in Zukunft keinen Hund haben werde und damit leben muss, dass meine Umgebung einiges an mir mag und anderes eben nicht so. Vielleicht würde sie meinen Hund mögen, aber das ist es nicht wert.
Ich dagegen mag eine ganze Menge, zum Beispiel das Denkmal des Bohrarbeiters in meiner Kreisstadt Celle. Nicht alle lieben ihn so, wie er ist, nämlich nackt, bloß mit Helm und Arbeitsstiefeln dekoriert. Wie Ölbohrarbeiter eben rumgelaufen sind – da sie bei Celle unter Tage in der Hitze gearbeitet haben, hatten sie tatsächlich nicht viel an.
Nun steht das Denkmal vorm Neubau der katholischen Grundschule beziehungsweise die Schule wurde dummerweise kürzlich vor das Denkmal gebaut, das schon seit über 25 Jahren unbeanstandet einen Mann einschließlich seiner muskulösen Kehrseite und seiner Kronjuwelen zeigt und eindeutig ältere Rechte hat.
Die Stadtratsfraktion „Analphabeten für Denkmalabbau“ – oder was das Kürzel zurzeit gerade bedeutet – verlangt jetzt im Namen des Kinderschutzes den Umzug der Statue. Die armen Kleinen müssen jeden Tag an einem nackten Bronzemann vorbei! Auf ihren Smartphones sehen sie dagegen gewiss nur angezogene Hunde, die sie so mögen, wie sie sind.
Das Caroline-Mathilde-Denkmal in der Nähe mit einer nackten und einer halbbekleideten Frau samt zwei ebenfalls nackten Gören geht dagegen anscheinend auch für die Hüter des Volksempfindens in Ordnung. Natürlich ist die Nackte nicht Caroline Mathilde – Geliebte des Aufklärers Johann Friedrich Struensee, nach Celle verbannt –, ihr ist nur die Urne gewidmet, die Weiber rundherum sind mehr so was Allegorisches.
1784, als es in Auftrag gegeben wurde, fand man gar nichts dabei. Und es ist nicht überliefert, dass Kindern hier in den vergangenen 240 Jahren die Augen zugehalten worden wären.
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