Die Wahrheit: Putzfimmel mit Gänsehaut
Durchblick mit brillanter Theorie: In Köln startet der erste Studiengang des neuen Fachs Windologie.
„Das ist historisch! Eine neue Studiendisziplin an einer deutschen Uni – so was passiert alle 20 Jahre mal.“ Henry Falk ist bester Laune. Er hat sich durchgesetzt. Jahre der Feldforschung betrieben, unzählige qualitative Studien durchgeführt, Gremien und Fachgesellschaften überzeugt. Nun steht der stämmige Mittvierziger mit den blonden Haaren am Pult des Seminarraums, der sich im hintersten Gang eines grauen Nebengebäudes der Universität Köln befindet. In Cargohose und Hoodie wirkt der frischgebackene Dozent unprätentiös. Die Stuhlreihen sind noch leer an diesem ersten Seminartag der neuen wissenschaftlichen Disziplin Windologie. Eine Hybridwissenschaft, so Falk, thematisch angesiedelt zwischen der angewandten Sozialwissenschaft und der abstrakten Philosophie.
Während er auf die Studierenden wartet, erläutert Falk die Grundzüge der Disziplin. „Fensterputzen. Macht jeder. Aber keiner macht sich bewusst, was dahintersteckt.“ Zentral sei die von ihm aufgestellte Dirty Window Theory. „Fensterputzen zeigt die Bipolarität unserer Geisteszustände. Sind die Fenster sauber: maximale Öffnung. Hallo Welt, hier bin ich! Sind sie eingesaut: maximaler Rückzug. Hau ab, lass mich bloß in Ruhe!“ Falk hält inne. „Der Fensterputzer …“, fährt er fort, „… ist ein Geisteswandler! Genial, das notiere ich mir! Das ist Wissenschaft hautnah, haben Sie auch eine Gänsehaut?“
Henry Falk wühlt in einem Karton und drückt dem Reporter Mikrofasertuch und Fensterreiniger in die Hand. „Sie müssen das fühlen, sonst verstehen sie es nicht.“ Während der Reporter mit dem ersten Fenster beginnt, doziert Falk weiter. „Die Reise der Emotionen, die wir beim Fensterputzen erleben, lässt sich metaphysisch auf unsere Lebensreise übertragen. Der Beginn ist leicht, der grobe Schmutz geht einfach ab. Doch es wird immer beschwerlicher, alles sauber zu bekommen. Irgendwann kommt die Midclean-Crisis: Plötzlich überwiegen die Zweifel! Kann ich es je schaffen? Und dann, am Ende: Triumph oder Resignation. Je nach Charakter. Je nach Fertigkeiten. Das ist Leben. Das ist Fensterputzen. Das ist Windologie!“
„Ist das Raum 307?“ Eine ältere Dame steht in der Tür. Klein und schmal, das graue Haar zu einem Bob frisiert. Falk bittet seine erste Seminarteilnehmerin freudestrahlend herein. Gabriele, 77 Jahre alt, Seniorenstudentin, so stellt sie sich vor. „Endlich mal Abwechslung vom gewohnten Programm“, erklärt sie ihre Motivation. Falk schaut auf seine Armbanduhr. Das cum tempore ist mit 43 Minuten leicht überschritten, höchste Zeit für den Seminarbeginn.
Draufblick, Innehalten, Reactio, Durchblick
Auch Gabriele erhält Putztuch und Reiniger, denn körperliche Betätigung erleichtere das Verständnis der Theorie, so der Dozent. Während Gabriele und der Reporter die großen Fenster putzen, erläutert Falk die vier Stufen der Erkenntnis der Windologie: Draufblick, Innehalten, Reactio, Durchblick. Es folgt ein langer theoretischer Teil, ein „wilder, diskursiver Ritt“, wie Falk es nennt, der immer wieder andere Disziplinen streift wie die Psychologie. „Das Fenster ohne Schlieren …“, konstatiert Falk mit Nachdruck und macht eine Kunstpause, „… ist Hybris!“ Nur um wenig später zu erklären, einzig Narzissten strebten nach blitzblank geputzten Fenstern. Die reinliche Scheibe sei ein Spiegelbild der Quelle, in der Narziss sich in sein eigenes Abbild verliebte. Ovid habe Fensterputzen übrigens verabscheut, ergänzt Falk.
Viereinhalb Stunden später ist das erste Seminar der Windologie zu Ende. Falk wirkt immer noch taufrisch. Gabriele und der Reporter sind erschöpft. Alle Fenster sind geputzt. Mit dem Ergebnis scheint der Dozent nicht zufrieden. „Narzissten seid ihre keine, so viel ist klar“, befindet er.
Zwei Monate und eine intensive Hintergrundrecherche später ein Anruf bei Henry Falk: Es gebe da noch ein paar ungeklärte Fragen. Im Hintergrund Straßengeräusche, Falk brüllt ins Telefon, man könne gern vorbeischauen, er führe Feldstudien durch.
Die angegebene Adresse liegt in einem Industriegebiet. Vor der großen Fensterfront eines Bürogebäudes steht Henry Falk und winkt gut gelaunt. Neben ihm auf einer Leiter hantiert die 77-jährige Gabriele einhändig mit einer langen Teleskopstange. Sie reckt und streckt sich, um die oberen Fenster zu wischen. „Muss heute fertigwerden“, grinst Falk und steckt die Hände in seine Cargohosentaschen. Der Reporter konfrontiert den Dozenten mit einem Gewerberegistereintrag. Hat Falk all das nur inszeniert, um billige Arbeitskräfte für seine Putzfirma zu gewinnen?
Falk wirkt kurz überrascht, aber fasst sich schnell. Der Dozent lächelt, als er erklärt, das hier sei eine Firmengründung auf Basis aktuellster Forschungsergebnisse der Windologie. Ein echtes Start-up aus der Wissenschaft und sogar gefördert von der Bundesregierung. Er drückt dem Reporter ein Fensterleder in die Hand. Er sei ja nicht nachtragend, und Gabriele brauche dringend eine helfende Hand.
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