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Die WahrheitMänner allein auf weitem Floor

Wenn sich Typen im Gym unbeobachtet fühlen, hören sie irgendwann auf, den Bauch einzuziehen. Dann kann alles Mögliche passieren.

A ls das erste noch unsichere „Fwump“ verklungen war, hielt ich lauschend inne. Als kurz danach das zweite, schon selbstbewusstere „Fwump“ an meine Ohren drang, sah ich voll gespannter Erwartung auf.

War es wirklich wahr? Das fragten sich jetzt offenbar auch die anderen Männer, die allesamt wie Erdmännchen auf Ausguck vorsichtig ihre Köpfe über die Maschinen streckten. Ja, es war wirklich wahr, und als ich das begriff, fwumpte auch ich, löste jede Spannung aus meiner Plauze – und überließ sie ganz der Schwerkraft. Endlich, endlich: Wir waren frei. Die letzte Frau hatte das Fitnessstudio verlassen.

Das war in meiner zehnjährigen Fitnessstudiogeschichte noch nie passiert. Immer hatte mindestens eine Frau mit ihrer reinen Anwesenheit unsere Affengehirne dazu gebracht, den Bauch ein-, die Schultern zurück- und die Beine auseinanderzuziehen. Doch jetzt, heute, an diesem unscheinbaren Donnerstag des Jahres 2025, waren zum allerersten Mal nur Männer auf weitem Floor.

Nach Jahren der Gym-Contenance konnten natürlich nicht alle Männer ihre Hemmungen sofort ablegen, aber schnell fanden sich erste Mutige: Vorsichtig umstakten zwei junge Athleten auf ihren unfreiwillig vernachlässigten Beinen die Adduktor- und Abduktorpressen für äußere und innere Oberschenkelmuskeln. Diese sind sonst absolut verbotene No-go-Areas für Pumper mit Respekt vor sich und der selbstverständlich unbestrittenen idealmännlichen V-Form des Körpers. Gleich mitten im Gang versuchten sich andere an schlichten Kniebeugen. Pistol-Squats oder gar Jump-Squats? Fehlanzeige.

Von Minute zu Minute breitete sich ein Chaos wie in einer Bildwelt von Hieronymus Bosch auf der Studiofläche aus: Männer trainierten bauchfrei; Männer liefen in den Gängen aneinander vorbei, ohne sich anzurempeln. Ein Mann machte sogar Dehnübungen! Ausgerechnet die Dehnübung, bei der man sich kniend und mit he­raus­gestrecktem Hintern bewegt wie eine Katze, die sich gleich erbricht.

Je länger wir Männer allein waren, desto mehr geriet die Vor-Fwump-Zeit der eingezogenen Bäuche in Vergessenheit. Die Kampfsportler sprangen synchron und Kinderreime singend Seil, im oberen Studioteil wurde ein spontaner Zumba­kurs ausgerufen, in dem tätowierte Testosteronmonster zu Taylor Swift und Chappell Roan ihre Hüften schwangen. Kurz sah man sogar einen besonders Mutigen auf dem Stepper.

Doch so schnell der Zauber begonnen hatte, so schnell war er auch wieder vorbei: Nach nur einer halben Stunde köstlicher Freiheit kündigte das erste Wiedereinsaugen eines Bauchs mit einem wehmütigen „Pmuwf“ die Rückkehr einer Frau an.

Ein letztes Mal sahen wir uns so, wie Gott uns geschaffen hatte: unter uns. Dann zogen wir unsere Bäuche wehmütig erneut ein und trainierten mannhaft weiter, als wäre nie etwas geschehen. Das wäre ja sonst auch peinlich gewesen.

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