Die Wahrheit: Panzerkreuzer Porn
Eigentlich ein ganz normaler Urlaub auf der Napoleon-Insel Elba – doch dann taucht in der Bucht die gigantische Yacht eines Multimilliardärs auf.
E ines Morgens auf Elba, ich plante gerade meine Rückkehr ins Zentrum der europäischen Machtpolitik, lag plötzlich ein Panzerkreuzer in der Bucht. Unter der Außendusche hörte ich den letzten Teil von „Tech Bro Topia“, einen phänomenalen Podcast des Deutschlandfunks über das Geld des Silicon Valley und den Schwenk der USA in den Autoritarismus.
Gleichermaßen erfrischt wie deprimiert setzte ich mich unter eine vor der Sonne schützende Kiefer und klappte den Laptop auf, um ein wenig zu prokrastinieren. Zu diesem Zweck öffnete ich Word und guckte in den wolkenlosen Himmel. Dort propellerte gerade ein zweimotoriges Passagierflugzeug. Sofort schaute ich auf „Flightradar 24“ nach. Sieh an, die Morgenmaschine von Friedrichshafen nach Marina di Campo.
In der Bucht lag noch immer der Panzerkreuzer. Eigentlich eine Yacht. Eher eine Super-yacht. Vielmehr eine echte Megayacht, überseetauglich und mit einem kleinen Hubschrauber an Deck, die sich mit brutalem Design und atlantikgrauem Anstrich den Anschein eines Kriegsschiffs gegeben hatte. Ich öffnete „Marinetraffic 24“ – nicht ahnend, in welches Kaninchenloch ich zu stürzen im Begriff war.
Ausweislich der Schiffsüberwachungsseite handelte es sich bei dieser Megayacht um die „Norn“, gebaut von der Fr. Lürssen Werft GmbH in Vegesack, einem Stadtteil von Bremen, der neben Fregatten für die Bundeswehr immerhin auch Jan Böhmermann hervorgebracht hat. Die „Norn“ misst vom Scheitel bis zur Sohle, wie wir Seebären sagen, 90 Meter und gehört Charles Simonyi, 76, (Trommelwirbel!) „Tech Bro“ aus dem Silicon Valley und bei Microsoft sozusagen Erfinder von sowohl Excel als auch (Tusch!) Word – also dem Mann, dem ich als professioneller Schreiber im Grunde meine komplette berufliche Existenz verdanke! Ein Joseph Hardtmuth (Bleistift) oder László József Bíró (Kugelschreiber) unserer Tage!
Sofort durchrieselte mich das warme Wasser der Gönnung. Wie ich einer Excel-Tabelle entnehmen konnte, kostet die „Norn“ mit 250 Millionen exakt so viel, wie Deutschland 2026 an Fördermitteln für die bundesweite Filmproduktion lockermacht, aber: Word! Zwar verbraucht die Megayacht, wie ich ferner ermittelte, schon im Stillstand täglich 1.000 Liter Diesel allein für die kühle Luft an Bord, also genug Sprit, um mit einem Auto von Berlin in die Antarktis zu fahren. Aber, hey: Word! Zwar war dieser Tausendsassa, ach was: Milliardensassa schon zweimal an Bord der Internationalen Raumstation, rein privat, als Tourist, aber: Word!
Als am Abend dann nach reiflicher Abwägung meiner anarchischen wie autoritären Impulse endlich das LSD einsetzte, strampelte ich mit dem Tretboot rüber zur „Norn“. Im Schutz der Dämmerung drückte ich gleichzeitig STRG und H, um im Suchfeld das erste N in ihrem Namen durch ein großes P zu ersetzen.
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