Die Wahrheit: Ein Beinahbanküberfall

Wegen eines Kundenparkplatzes wäre es in der hessischen Provinz fast zu einem Unglück gekommen. Auszüge aus einer Korrespondenz.

Meine Freundin lebt in einem schönen Ort an der Lahn, in dem auch der olle Goethe einst eine Dependance besaß – aber nun ist er tot und sein Haus ein Museum und zurzeit geschlossen, wie auch der Freundin kleine Bankfiliale, weswegen sie die Hauptgeschäftsstelle aufsuchen musste und mir danach einen Brief schrieb:

„Hallo an die Weiße Elster, bei mir alles wieder gut! Heute früh, nachdem ich meine Kontoauszüge gesichtet hatte, verspürte ich eine Wut – ich hätte ein Atom spalten und anschließend sprengen können! Nach der Arbeit fuhr ich in die Hauptstelle der Bank. Gebührenpflichtiger Kundenparkplatz! Maskiert betrat ich die Räume. Verlangte von der Dame hinter der Plexiglasscheibe eine Erklärung, warum mir bei jedem bargeldlosen Bezahlen eine Gebühr berechnet wurde. Sie sagte: ‚Ach – Sie habbe ja noch den alte Tarif, da bezahle Sie ja auch jedes mal Gebühr; ich stell Ihne das ma um, dann kostet Sie des nix mehr.‘ So schön auf Hessisch.

Ich: ‚Wissen Sie was? Hier ist meine Kündigung!‘, und schob ihr ein Schriftstück durch. Und gleich hinterher noch die Kreditkartenkündigung. ‚Und weil ich schon da bin‘, sagte ich etwas lauter als sonst durch die doofe FFP2-Maske, ‚auch meine Versicherungskündigung.‘ Sie: ‚Äh, des mache Sie jetzt aber net, ich zeig Ihne mal, was Sie mit einer Mitgliedschaft bei uns für Vorteile habbe.‘ Sie öffnete ein Programm auf ihrem Bildschirm, suchte und suchte … ‚Ach, hier is es ja, also wenn Sie mit Ihre Mitgliedskart in der Pizzeria Camillo und Pepone mal esse gehe und Sie unser Kart vorzeige, bekomme Sie einen Schnaps umsonst …‘ Ich: ‚Na super!‘

Kündigen, bitte einfach kündigen!

Das Gesicht der Dame verfärbte sich rot. Der Schnösel am Nebenschalter spitzte die Ohren. Die Maskenträgerschlange hinter mir war beachtlich. Ich sagte: ‚Ich will weder Schnaps, noch brauche ich einen Rabatt-Code für ein Mietauto oder eine Vergünstigung für Fußmassage in einem Wellness-Tempel, der eh zu hat!

Nur kündigen, das will ich! Und ich nenne Ihnen auch den Grund: Nicht, weil Sie Rabatte anbieten, die kein Mensch in Anspruch nehmen kann und will, sondern weil Sie Ihre Kunden nur dann informieren, wenn Sie was verkaufen wollen!‘

Mittlerweile war es 16 Uhr, die anderen Kunden waren verschwunden. Die Rollos wurden heruntergelassen. Ich sagte einen letzten Satz: ‚Keinen Euro zahl ich für Ihren Parkplatz, und Sie schalten mir jetzt meine Parkkarte frei!‘ Da erhob sich die Dame in ihrer Plexiglas-Gefangenschaft und zwitscherte ganz freundlich und dieses Mal auf Hochdeutsch: ‚Das machen wir für unsere Kunden gern, aber Sie gehören nicht mehr dazu!‘

Der junge Angestellte schob mich nach draußen. Fassungslos stieg ich in mein altes Auto, rupfte die verschwitzte Maske vom Gesicht. Startete den Motor und fuhr auf die Schranke zu. Gab Gas. Ein Geräusch, als würde jemand ein Suppenhuhn zerlegen, folgte – der Weg war frei! Das war ein erfolgreicher Tag. Liebe Grüße von der Lahn!“

„Gut gebrüllt, du Löwin!“, schrieb ich zurück.

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kari

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