Die Wahrheit: Eskalation mit Goethe

Wer einen Satz von harmlosester Heiterkeit in und auf sozialen Medien veröffentlicht, der oder die erlebt nicht selten Absurdistan in wenigen Worten.

Es ist ein offenes Geheimnis unserer an offenen Geheimnissen nicht eben armen Zeit, dass jeder noch so gut gemeinte Kommunikationsversuch in den asozialen Netzwerken zum Scheitern verurteilt ist. Er geht, schlimmer noch, nach hinten los. Immer. Und immer mit Vollgas. Was an der dort eingebauten Eskalationsdynamik liegt. Eine Freundin brachte diese Ansicht auf den nadelspitzen Punkt, Twitter mache „dumm und verrückt“, was ein Freund mit kundiger Hand zu „dumm, verrückt und hässlich“ erweiterte.

Das glaube ich natürlich nicht. Also habe ich ein kleines Experiment gewagt und einen Satz von harmlosester Heiterkeit veröffentlicht – und geschaut, was passiert.

Frankieboy, vor 12 Stunden: „Heute ging ich vergnügt im sonnigen Park spazieren, summte ohne schwarze Gedanken vor mich hin, freute mich an den Bienchen und sagte ein Gedicht von Goethe auf.“

Schwesterherz, vor 12 Stunden: „Toll, da hätte ich gerne mitgesummt!“

DaFöhrer, vor 11 Stunden: „Lebend zurück? Im Park lauern doch die Messermigranten! LOL“

Volxsturm, vor 10 Stunden: „Dort triffse bestümmt deine Kumpelz von der Migrantifa, was? ROFL“

Naturbursche, vor 9 Stunden: „Wenn die Bienen nicht mehr summen, tust du’s einfach, was? Auch eine Lösung! #glyphosat“

Rollimaus, vor 8 Stunden: „Mal deine Privilegien gecheckt? Es gibt depressive Menschen, die NIE vergnügt sind. Und es kann auch nicht jeder spazieren gehen. Kotzsmiley. #Ableismus“

BLMama, vor 7 Stunden: „Schwarze Gedanken? Ich bin so müde. So müde. Ich mag Almans nicht mehr erklären, was die Reproduktion rassistischer Stereotype für die Betroffenen bedeutet. #FightRacism“

FrankfurterGrundschule, vor 6 Stunden: „Göthe war ein Vergewaltiger. #SahEinKnabEinRösleinstehen“

Maxollek, vor 5 Stunden: „Klar kannst du als Deutsche* auch nach Auschwitz nach noch im Park spazieren gehen. Aber im Mittelmeer ertrinken dann halt die Flüchtlinge. #facepalm“

Schibel Sick, vor 4 Stunden: „In Hanau gibt es keinen Park. Hört mich jemand? Wenigstens a bissi?“

DaFöhrer, vor 3 Stunden: „@schibelsick: Wir wissen wo du wohnen tust!“

Don Belphonso, vor 2 Stunden: „So, ich habe jetzt wie ein Irrer gescreenshottet. Bald erscheint mein Enthüllungstext dazu auf Welt.de. #Rennradfahrer“

Jörn Böhmermann, vor 1 Minute: „Ich druck alles aus und werfe es als Buch auf den Markt. #MitdemZweitenundsoweiter“

Soziale Netzwerke sind weder Kindergärten noch Kloaken. Sie sind die von einer leichten Brise aus der Ägäis des Geistes durchwehten Marktplätze der demokratischen Meinungsbildung, der ungezwungenen Debatte, des offenen Gedankenaustauschs. Hier führt unsere Gesellschaft ihre konstruktivsten Selbstgespräche. Melden wir uns alle heute noch an.

Die Wahrheit auf taz.de

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit. Sie hat den ©Tom. Und drei Grundsätze.

kari

Wenn Sie bei der taz anrufen, bekommen Sie keine gewöhnliche Warteschleife zu hören. Bei uns liest die Wahrheit ihre Gedichte vor!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben