Die Wahrheit: Du bist ein blödes Eichhörnchen

Eines der erfolgreichsten Weihnachtslieder aller Zeiten ist auch eines der obszönsten und wird deshalb immer wieder von der BBC zensiert.

Weihnachten war diesmal anders. Aber auf bestimmte Rituale musste man auch in diesem Jahr nicht verzichten. So zensierte die BBC wieder einmal das Antiweihnachtslied, das zu einem der erfolgreichsten Weihnachtslieder aller Zeiten wurde: „Fairytale of New York“ von den Pogues und Kirsty MacColl.

Es geht darin um eine Schlammschlacht zwischen einem Alkoholiker und einer Heroinsüchtigen, deren Liebe erkaltet ist. Das Duett zwischen Shane MacGowan und Kirsty MacColl ist giftig, und es fallen Worte wie „Du billige, lausige Schwuchtel“ und „Du bist eine alte Schlampe“. Ob es am Ende eine Versöhnung gibt, bleibt offen. MacGowan, der das Lied zusammen mit Jem Finer, dem Banjospieler der Pogues, geschrieben hat, sagte: „Die Personen in Liedern oder Geschichten sind nicht immer Engel. Manchmal müssen sie böse oder gemein sein, um eine Geschichte erzählen zu können.“

Das findet die BBC nicht – jedenfalls nicht grundsätzlich. Der Sender hat die Zensur gestaffelt. Die törichte Erklärung: Radio 1 ziele auf Hörer zwischen 15 und 29 ab, und die jungen Leute könnten „einige der Worte als krass empfinden, und das entspreche nicht dem, was sie im Radio erwarten“.

Junge Hörer seien ja besonders sensibel. Aus dem inkriminierten Satz wurde bei der BBC: „Du bist billig und du bist ausgezehrt.“ Das Wort „Schlampe“ hat man gänzlich getilgt. Den Hörern bei Radio 2, die im Schnitt über 35 sind, könne man das Original hingegen zumuten, weil sie nicht nur Schneeflöckchenmusik wollten.

Die Pogues sind Zensur von Anfang an gewöhnt. Ursprünglich hießen sie „Póg mo thóins“, was irisch ist und „leck mich am Arsch“ bedeutet. Deshalb wurden sie von den Radiosendern boykottiert, bis sie ihren Namen änderten.

„Fairytale of New York“ schafft es immer wieder zu Weihnachten in die Charts, es ist das meistgespielte Weihnachtslied des 21. Jahrhunderts. „Für mich war es besonders wichtig, dass es der Song in Irland an die Spitze der Charts geschafft hat“, sagte MacGowan. „Von den Engländern habe ich ohnehin nicht erwartet, dass sie einen guten Geschmack haben.“ MacGowan ist übrigens am Weihnachtstag 1957 geboren.

Jon Bon Jovi versuchte, aus der BBC-Zensur Kapital zu schlagen. Der Opportunist veröffentlichte seine eigene Version des Liedes, und sie ist zum Fremdschämen. Aus „Du Dreckskerl, du Made“ machte er: „Du bist ein Eichhörnchen, weil du blöd bist.“ Und „Du billige, lausige Schwuchtel“ wurde bei Bon Jovi zu „Du bist ein Tritt in den Bauch“. Darüber hinaus singt er beide Rollen des Duetts selbst, was den Sinn des Lieder komplett zunichte macht. Ein Hörer kommentierte, das Lied sei der Tiefpunkt eines Drecksjahres. Dabei hat Bon Jovi diese Speichelleckerei nicht mal was genützt. Sein grauenhaftes Lied wurde kaum im Radio gespielt.

Ich wünsche Ihnen ein neues Jahr, in dem alles besser wird, liebe Wahrheit-Leser. Bleiben Sie wachsam.

Die Wahrheit auf taz.de

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit. Sie hat den ©Tom. Und drei Grundsätze.

kari

Wenn Sie bei der taz anrufen, bekommen Sie keine gewöhnliche Warteschleife zu hören. Bei uns liest die Wahrheit ihre Gedichte vor!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben