Die Wahrheit: Geisterbus in der Gesetzeslücke
Der Engländer pflegt seine Traditionen, auch wenn sie noch so unappetitlich sind - zum Beispiel das Königshaus oder Lamm in Minzsauce...
...Eine andere Tradition ist die Volksverarsche. So gibt es seit 1844 "Parlamentszüge". Das sind keine Transportmittel für Unterhausabgeordnete, sondern Geisterbahnen. Damals wurde gesetzlich festgelegt, dass die Privatbahnen Fahrkarten in offenen Waggons der dritten Klasse anbieten mussten, die nicht mehr als einen Penny pro Meile kosten durften.
So setzten die Unternehmen Züge ein, die selten und spät nachts oder in aller Herrgottsfrühe fuhren, damit dem Gesetz genüge getan war und man die Reisenden zu den übrigen Zeiten abzocken konnte. Auch heute noch sind zahlreiche Parlamentszüge unterwegs, um die Mär aufrechtzuerhalten, dass eine Zugverbindung besteht. Dadurch spart sich die Regierung den politisch unopportunen Prozess einer offiziellen Stilllegung von Bahnstrecken. Für die Passagiere sind solche Parlamentszüge völlig nutzlos, und deshalb sind sie meistens leer.
Die Labour-Regierung hat sich eine Variante ausgedacht: den Geisterbus. Seit Anfang des Jahres fährt jeden Dienstag, pünktlich um Viertel vor zehn, ein Bus mit 50 Sitzplätzen, mitunter auch ein roter Doppeldecker mit 100 Sitzen, vom Bahnhof Ealing Broadway in West-London zur Wandsworth Road im Süden der Stadt. Dort wartet er zwei Stunden und 15 Minuten, bevor er wieder zurückfährt. Kein anderer Londoner Bus ist so pünktlich und so leer: Es gab noch nie einen Passagier.
Der Geisterbus ist ein Geheimnis. Er taucht in keinem Fahrplan auf, die Angestellten der Bahnhöfe, zwischen denen er pendelt, wissen nichts von ihm. Der Times-Journalist Ben Webster wollte einmal mitfahren. Der Fahrkartenkontrolleur in Ealing bestritt, dass es den Bus überhaupt gab. Als er in seinem Büro nachschaute, fand er den Bus in einer Akte mit dem Vermerk: "Internes Dokument, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt." Dem Fahrer war gesagt worden, er solle nicht mit Passagieren rechnen. Er hat einen Traumjob: keine quietschenden Schulkinder, keine Burger essenden Teenager, keine Hunde.
Warum aber gibt das Transportministerium jeden Dienstag 500 Pfund für die Spazierfahrt aus? Die Bahnstrecke in West-London ist stillgelegt worden, weil die Waggons anderswo gebraucht wurden, und Waggons sind Mangelware auf der Insel. Weil es aber einen Schienenersatzverkehr gibt, bleibt der Regierung eine peinliche, aber gesetzlich vorgeschriebene öffentliche Anhörung erspart. "Da wir nicht vorhaben, den Zugverkehr für immer einzustellen, gilt Paragraf 24 des Bahngesetzes nicht", erklärte das Transportministerium. Der Zugverkehr ist ja lediglich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag vorübergehend unterbrochen.
Die Parlamentszüge kamen bereits in der Operette "Der Mikado" von Gilbert und Sullivan aus dem Jahr 1885 vor. Vermutlich überlegt Gordon Browns Operettenregierung, ob sie eine ähnliche Gesetzeslücke findet, um mit ihrer Geisterpolitik die nächsten Wahlen zu umgehen.
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