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Olympia und WeinenDie Spiele der Tränen

Bei den Olympischen Winterspielen wurde so viel geheult wie noch nie. Wieso dieses Mal so viele Tränen flossen und warum Weinen gut ist.

Riku Miura und Ryūichi Kihara, Olympiasieger im Eiskunstlaufen, nach der Kür Foto: Laci Perenyi/imago

Was für ein schwerwiegender Fehler! Bei einer Hebefigur im Kurzprogramm unterlief dem hoch gehandelten japanischen Eiskunstlaufpaar Ryūichi Kihara und Riku Miura ein Patzer. Statt seine Partnerin in der Luft zu halten, konnte Kihara sie nur noch unbeholfen zurück aufs Eis gleiten lassen. Der Kampf um die olympische Goldmedaille war damit verloren, so schien es. Kihara verbarg das Gesicht hinter seinen Händen, er wollte nicht mehr gesehen werden. Und er weinte, stundenlang, wie er später berichtete.

Bei Olympischen Spielen fließen immer viele Tränen. Bei diesen Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo brachen nun aber alle Dämme. Der Tränenfluss wurde zum Tränenmeer. Es gab Glückstränen, Trauertränen, Wuttränen, Silbertränen, bittere und verzweifelte Tränen, Tränen der Ohnmacht und Tränen der Erleichterung. Die Sportlerinnen und Sportler standen offenbar unter so einem großen Druck, sie ließen es einfach laufen.

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Das Salzwasser brach sich auch da seine Bahn, wo man es nicht erwartete. Wie traurig zweite Plätze sein können, hat die überragende Skispringerin Nika Prevc gezeigt, die sich wohl allzu sehr an erste Plätze gewöhnt hat, bitterlich geheult hat sie über den Silber-Rang. Wie sehr man als Journalistin mit einem Sportler fühlen kann, haben wir durch ARD-Reporterin Lea Wagner erfahren, der Tränen der Rührung in die Augen schossen, als der deutsche Skispringer Philipp Raimund Gold gewann.

Und wie unnachgiebig und gefühlig man zugleich sein kann, hat Kirsty Coventry, die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees bewiesen. Als sie den Ausschluss des ukrainischen Skeletonfahrers Wladyslaw Heraskewytsch verkündete, musste sie sehr weinen.

Gesund für Körper und Seele

Richtig gesund soll all das für Körper und Seele sein, so kann man es in jedem Krankenkassenmagazin nachlesen. Es reinigt die Augen, hilft Stress und belastende Gefühle abzubauen und bringt uns im besten Fall in Verbindung mit anderen Menschen. Wer sich dagegen stemmt, riskiert Bluthochdruck und Magenprobleme. Männer sind das meist, weil sie sozialisationsbedingt im Jugendalter anfangen, mit Tränen zu geizen. Insofern taugt der japanische Eiskunstläufer Ryūichi Kihara nicht nur wegen seiner sportlichen Leistung zum Vorbild.

Die Geschichte des japanischen Eiskunstlaufpaars nahm dann noch eine unerwartete Wendung. Einen Tag nach dem Kurzprogramm gelang ihnen bei der Kür – trotz des immensen Drucks – plötzlich alles. Zum Abschluss hob Ryūichi Kihara seine Partnerin mit körperlicher und künstlerischer Leichtigkeit hoch über seinen Kopf. Für ewig zu schweben schien sie dort. So tanzten sich die beiden zu Gold.

Von da an versagte Ryūichi Kiharas Körper seine Dienste. Er sank in die Knie, Weinkrämpfe durchzuckten ihn, die Tränen rannen seine Backen herunter. Er konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Seine Eispartnerin Riku Miura versuchte ihn zu trösten, angesichts der Kräfte, die hier walteten, wirkte das lieb, aber hilflos. Selbst am nächsten Morgen habe er nicht aufhören können zu weinen, berichtet Riku Miura. Dieses Mal war es einfach nur zum Heulen schön.

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