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Aus Comexatibá Christine Wollowski(Text und Fotos)

In dem massiven Holzstuhl auf der weiten Veranda wirkt Caticoco fast verloren. Der schmale Chief des Volkes der Pataxó blickt zum Horizont, wo der Atlantik auf Land trifft. Bis 1500 war diese Weite indigenes Land: Fischgründe, Wälder, Lebensraum. Caticocos Vorfahren haben hier Muscheln gesammelt, Fische gefangen und den Göttern gedankt.

Vor 526 Jahren hat der portugiesische Seefahrer Pedro Alvares Cabral genau an dieser Stelle zum ersten Mal brasilianischen Strand betreten, und seitdem sind hier Besitzverhältnisse Grund für Konflikte. Im vergangenen Februar haben die Pataxó den historischen Ort zurückgefordert. Dutzende schwer bewaffnete Polizisten haben daraufhin Caticoco und seine Familie angegriffen. „Als seien wir Verbrecher“, sagt seine Schwester Kandara, die neben ihm auf einem ähnlichen Möbelstück Platz genommen hat. Doch trotz der Polizeigewalt sitzen die beiden rund drei Monate später Mitte Mai vor der Fensterfront eines luxuriösen Hauses, das Investoren aus Rio de Janeiro hier in romantischer Alleinlage auf einer ausgedehnten Rasenfläche mit Meerblick gebaut haben, in der Nähe des Küstenorts Cumuruxatiba.

Die brasilianische Verfassung von 1988 verpflichtet den Staat, alle indigenen Gebiete des Landes zu demarkieren. Man hatte damals eine Frist von fünf Jahren gesetzt. Fast 40 Jahre später ist der Prozess erst bei der Hälfte der mehr als 800 Gebiete abgeschlossen. Wegen der Verzögerung der Demarkierungsprozesse fordern die Pataxó ihr Land immer öfter in sogenannten Retomadas („Rückeroberungen“) selbst zurück – wie auch im Fall der Farm Barra do Cahy, auf dessen Veranda Caticoco und seine Schwester sitzen.

Der Platz hoch über dem Meer ist Teil der 667 Hektar großen Farm, die auf den Namen von Maria Isbela Lemos de Moraes registriert ist. Lemos de Moraes gehört zu einer Familie der Superreichen in Brasilien: Ihr Großvater hat sein Geld mit Vieh- und Gashandel gemacht, ihr Vater steht als Milliardär auf der Liste von Forbes.

Am farmeigenen Strand betrieb Lemos de Moraes bisher einen hippen Beachclub. Doch das Farmgelände liegt komplett innerhalb des indigenen Gebietes TI Comexatibá. Die laut Gesetz im Demarkierungsprozess für indigene Territorien vorgeschriebenen Vermessungen und anthropologischen Untersuchungen dazu sind seit 20 Jahren abgeschlossen – doch bis das Gebiet offiziell als Besitz der Pataxó eingetragen wird, fehlen weitere bürokratische Schritte.

Ende 2025 sprachen die Indigenen deswegen den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva bei der Klimakonferenz COP30 in Belém persönlich auf die Situation an – und der Präsident unterzeichnete den Erlass, der das Gebiet der Pataxó in seiner kompletten Ausdehnung von mehr als 28.000 Hektar als indigenes Territorium anerkennt. Zum Abschluss fehlen nun noch die Grenzmarkierungen und die „Desintrusion“, wie brasilianische Behörden den letzten, oft konfliktreichsten Schritt nennen: die Ausweisung der nichtindigenen Landbesetzer. Beim indigenen Gebiet TI Comexatibá hat die Indigenenbehörde Funai 78 nichtindigene Landbesetzer erfasst, 50 davon leben nicht vor Ort oder beanspruchen mehr als eine Immobilie innerhalb des Gebietes. Zu diesen gehört Lemos de Moraes.

„Wo der Staat seine Rolle nicht erfüllt, entsteht Gewalt“, erklärt Rafael Modesto, Rechtsanwalt bei Cimi, einer katholisch geprägten, heute vor allem menschenrechtlich arbeitenden Organisation an der Seite indigener Völker. Unter der Regierung des ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro, der von 2019 bis 2023 an der Macht war, stagnierte die Demarkierung; unter Lula wurden bisher 20 neue Gebiete vermessen.

Doch der Widerstand unter den Farmern bleibt groß. Immer wieder setzt sich die Agrarlobby für das sogenannte „Zeitmarkengesetz“ ein, eine Stichtagsregelung: Demnach können Indigene nur die Gebiete beanspruchen, auf denen sie tatsächlich zum Zeitpunkt der Verfassungsverkündung gelebt haben.

Dieser Artikel wurde möglich durch finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e. V. taz.de/auslandsrecherche

Das Oberste Bundesgericht hat diesen Ansatz inzwischen zum zweiten Mal als verfassungswidrig abgelehnt. Bestätigt ist aber, dass nichtindigene Landbesetzer, sollten sie in Unwissenheit indigenes Land besetzt haben, so lange bleiben können, bis sie vom Staat entschädigt werden. Die Regierungen des jeweiligen Bundeslandes kompensieren dann den Bodenwert. Gebäude, Zäune, Pflanzungen und andere Verbesserungen muss wiederum die Bundesregierung entschädigen. Die Indigenenvertretung Apib schätzt, dass allein für die zehn größten strittigen Gebiete Entschädigungssummen in Höhe von nahezu einer Milliarde Reais fällig werden. Das sind momentan rund 170 Millionen Euro, der Wechselkurs schwankt.

„Wenn wir warten, bis der Staat entschädigt, haben die Landräuber oft schon den Wald abgeholzt, die Natur zerstört, und wir können auf dem Land gar nicht mehr auf unsere Art leben“, erklärt Caticoco. In den letzten Jahren gab es mehr als 40 Retomadas im äußersten Süden des Bundesstaates Bahia. Und gleichzeitig eine Welle der Gewalt gegen die indigenen Aktivisten.

Seit der Rückeroberung von Barra do Cahy im Februar sitzen auf der Terrasse des Herrenhauses wechselnde Familien der Pataxó und sichern die Besetzung. In einer Überseekiste lagern noch Fotos der Familie Lemos de Moraes, im Regal stehen englischsprachige Bücher – ein Teil der Familie lebt in Los Angeles. Doch an den Garderobenhaken hängen neuerdings indigene Schmuckstücke und Baströcke für Zeremonien.

Die Übergabe sei zunächst friedlich verlaufen, sagen die Indigenen. „Im Haupthaus wohnte niemand, das haben sie nur für Partys vermietet“, so Caticoco. Der Verwalter habe Haus und Gelände ohne Proteste verlassen. Die taz hat sich um eine Kontaktaufnahme mit der Familie Lemos de Moraes bemüht, leider ohne Erfolg.

Rafael Modesto, Rechtsanwalt

Wenige Stunden nach der zunächst friedlichen Übernahme der Farm sie jedoch bewaffnete Polizei eingetroffen, erzählt Caticoco: Helikopter landeten auf dem Rasen, Einsatzwagen rasten heran, Schüsse mit Gummiprojektilen und Tränengas hätten das Haus und dessen Besetzer getroffen. Die indigenen Männer seien in den Wald geflohen, die Frauen seien von den Polizisten befragt worden.

Caticocos Frau erzählt: „Sie haben vor allem auf die Chiefs gezielt.“ Caticoco ist einer von mehreren Chiefs, die diese Retomada geleitet haben. Sein Name ist Polizisten und Vertretern der Agrarlobby bekannt. Es sei auch auf ihn geschossen worden, berichtet der 43-Jährige. Bisher hat er überlebt.

„Die Exekutive erfüllt ihre Rolle weiterhin nicht“, urteilt Jurist Modesto von der Organisation Cimi. „Dadurch entstehen Spannungen, die zu Gewalt bis hin zu Mord an Kaziken und sogar an Minderjährigen führen. Im Süden des Landes wurden 2022 und 2023 drei jugendliche Pataxó ermordet.“ Binnen fünf Jahren starben nach Zählungen des Cimi 30 Menschen durch die Konflikte. Organisationen wie Cimi berichten immer wieder von Polizeigewalt gegen Indigene. Im Süden und Osten Bahias operiert seit einigen Jahren eine Gruppe mit dem Namen „Invasão Zero“, ein Zusammenschluss aus Großgrundbesitzern, Unternehmern, Polizisten und ultrarechten Politikern, die Retomadas als Verbrechen klassifizieren und Falschmeldungen zur Stimmungsmache gegen Indigene verbreiten.

Menschenrechtsorganisationen werfen ihnen Selbstjustiz vor. UNO-Sonderberichterstatterin Mary Lawlor hatte bereits im April 2024 vor der zunehmenden Kriminalisierung indigener Aktivisten und der steigenden Gewalt gewarnt. Sie berichtete dabei auch über die Milizen-Gruppe „Invasão Zero“. „‚Invasão Zero‘ strengt Gerichtsprozesse an oder richtet Führungspersönlichkeiten einfach hin“, erklärt Maria José Pacheco vom Conselho Pastoral dos Pescadores (CPP), einer Einrichtung der katholischen Kirche in Brasilien, die indigene Gemeinschaften bei Landkonflikten unterstützt.

Seit „Invasão Zero“ 2024 in den Verdacht geriet, am Tod der indigenen Anführerin Nega Pataxó beteiligt zu sein, wird die Gruppe von der Bundespolizei beobachtet und zeigt sich zumindest auf Social Media nicht mehr offensiv gewaltbereit. Die Mitglieder kommunizieren über sensible Themen nur noch in geschlossenen Whatsapp-Gruppen, stiften dort einander zu Gewalttaten an und tauschen Tipps aus, wie sie am besten brutal gegen Indigene vorgehen, ohne dabei strafrechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen. Das Nachrichtenportal Reporterbrasil hat entsprechende Berichte recherchiert.

Falschinformationen und Hetze auf Instagram laufen indes weiter. Zu der Retomada in der Barra do Cahy veröffentlichte „Invasão Zero“ Fotos, die angeblich die durchschossenen Wände eines Herrenhauses zeigen sollen: Das sei das Ergebnis eines Angriffs bewaffneter Indigener auf friedliche Landbesitzer.

Maria José Pacheco, Hilfsorganisation CPP

Indigene wiederum sagen, in diesem Haus seien ein halbes Dutzend Pataxó in einem nächtlichen Überfall von Pistoleiros, wie in Brasilien angeheuerte Bewaffnete genannt werden, stundenlang beschossen worden. „Sie haben gewartet, bis Frauen, Kinder und junge Leute das Farmgelände abends verlassen hatten, um dann auf die wenigen Männer loszugehen, die für die Nacht geblieben waren“, erklärt Cristiane Pataxó. Ihr Bruder Ricardo sei bei diesem Überfall von mehreren Kugeln getroffen worden. „Die Polizisten, die den Tatort anschließend untersucht haben, sagten, es sei ein Wunder, dass irgendjemand überlebt hat“, so Cristiane.

„Konfliktzonen wie die der Pataxó im äußersten Süden von Bahia müssen als Priorität behandelt werden“, fordert Rafael Modesto. Und es müsse genau untersucht werden, wer Anspruch auf Entschädigungszahlungen hat, weil er das Land besetzt hat, ohne zu wissen, dass es indigenes Gebiet ist: „Wer die Voraussetzungen nicht erfüllt, muss gehen.“

Die Realität sieht anders aus. Im Zusammenhang mit der Retomada der Baia do Cahy wurden zwölf Indigene, darunter mehrere Minderjährige, verhaftet. Auf der Polizeistation seien sie menschenunwürdiger Behandlung ausgesetzt worden, heißt es in Stellungnahmen indigener Organisationen. Einer der Kaziken wurde mit elektronischer Fußfessel entlassen, ein Minderjähriger und zwei weitere Kaziken werden weiterhin festgehalten. Cimi berichtete im März während der 61. ordentlichen Sitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf über die Lage vor Ort; im Mai besuchte die brasilianische Menschenrechtskommission die Region, um einen weiteren Bericht zu erstellen.

Die brasilianische Bundesstaatsanwaltschaft verklagte 2025 den Bundesstaat Bahia auf Zahlung von 6,8 Millionen Reais (rund 1,1 Millionen Euro) Schmerzensgeld wegen Mordes an dem 14-jährigen Gustavo, der 2022 im Rahmen einer weiteren Retomada in der Region von hinten erschossen wurde, sowie wegen Mordversuchen an weiteren 13 Pataxo. Der Fall ist noch nicht entschieden. „Der Staat stellt sich auf die Seite der Großen, vor allem die Justiz hat wiederholt Prozesse zum Nachteil der traditionellen Bevölkerungsgruppen entschieden“, kommentiert Maria José Pacheco von der CPP.

Zuletzt entschied Anfang Juni ein Bundesrichter, dass 60 Pataxó-Familien binnen 60 Tagen ein Gelände räumen müssen, welches sich auf einer von Privatbesitzern beanspruchten Farm befindet. Die Ländereien liegen innerhalb des indigenen Schutzgebietes TI Barra Velha. Der Richter beruft sich auf die erst kürzlich vom Obersten Bundesgericht erneut als verfassungswidrig abgelehnte Stichtagsregelung.

Der nordostbrasilianische Bundesstaat Bahia liegt im jährlich herausgegebenen Atlas zu Landkonflikten der kirchlichen Hilfsorganisation CPT auf dem dritten Platz. „Die traditionellen Gebiete sind begehrt: Sei es für den Anbau von Monokulturen, Tourismusunternehmen, Bergbau oder Infrastrukturprojekte wie Häfen“, erklärt Maria José Pacheco. Das Vorgehen der Landbesetzer folge meist dem immer gleichen System: Zuerst würde die Existenz der entsprechenden Volksgruppen geleugnet, nach dem Motto: Da sind doch gar keine echten Indigenen. Dann würden die Anführer der Gemeinschaften kriminalisiert. „Mich beschuldigen sie des Raubs, der Zugehörigkeit zum organisierten Verbrechen und sogar des Mordes“, sagt Caticoco.

Das friedliche Szenario auf der Veranda des Herrenhauses ist ein scharfer Kontrast zu diesen brutalen Auseinandersetzungen. Die Wedel der Kokospalmen rascheln leise im Wind, das Meer unterhalb der Klippen braust, Vögel ziehen kreischend vorbei. „Wir wollen nur pflanzen, fischen und in Frieden leben“, sagt der Familienvater.

Maria Isbela Lemos de Moraes hat eine Klage gegen die Pataxó angestrengt und verlangt sofortige Räumung des von ihr beanspruchten Besitzes. Ihre Familie habe die Ländereien legal erworben und besitze das Land bereits seit Jahrzehnten. Den Indigenen wirft die Dynastienachfolgerin in einem Medienbericht Terror vor. Sie seien maskiert und bewaffnet aufgetreten, hätten allein im Beachclub einen Schaden von mehr als 300.000 Reais, rund 50.000 Euro, verursacht. Je nach politischer Ausrichtung des berichtenden Mediums ist von einer Retomada oder einem Überfall die Rede. Beide Varianten stützen sich ausschließlich auf Zeugenaussagen der Beteiligten.

Inzwischen betreiben die Pataxó den Beachclub. Der Zugang zum Strand soll wieder für alle frei sein, zum Fischen, zum Muschelsammeln, sagen sie. Lemos de Moraes hatte Parkgebühren für Besucher eingeführt.

Als der Portugiese Pedro Álvares Cabral und sein Landvermesser Pedro Vaz de Caminha 1500 in der Baia do Cahy landeten, berichtet er in einem überlieferten Brief an den portugiesischen König von der „Entdeckung dieses Eurer Länder“. Juristisch war Caminhas Brief kein Besitztitel. Politisch bedeutete er viel: Es war der erste entscheidende Satz einer Neuordnung der Welt, in der Portugal Land beschrieb, benannte und beanspruchte, das anderen gehörte. Alle späteren Besitztitel basieren auf diesem ersten Brief. Die ursprünglichen Bewohner können sich erst seit der demokratischen Verfassung aus dem Jahr 1988 juristisch um das Recht auf ihr Gebiet bemühen. Dabei zeugen indigene Ortsbezeichnungen wie Cumuruxatiba oder Itamarajú unzweifelhaft davon, wer hier lebt und gelebt hat.

„Ich werde so lange nicht aufhören, mich zu Wort zu melden, bis wir die Rechte auf unser Land für unsere Nachkommen gesichert haben“, sagt Caticoco mit Nachdruck. Dann legen alle Familienmitglieder Federschmuck und Perlenketten an, versammeln sich vor der Kapelle, die zur 500-Jahres-Feier der „Entdeckung“ hier errichtet wurde, und erheben ihre Stimmen und ihre Maraca-Rasseln zum gemeinsamen Gesang und Gebet.

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