Die Pandemie hat nicht nur Nachteile: Der Coronapartner

Im Zug nach Hamburg ist mir ein alter Mann begegnet. Er hatte starken Husten und war Arzt. Meine Schwiegermutter würde ihn lieben.

Ein Hinweisschild zur Maskenpflicht hängt an einem Laternenpfahl und ist mit einem Herz und dem Schriftzug „Love“ beklebt worden.

Auch mit Mundschutz ein großes Thema: die Liebe Foto: dpa / Bernd Thissen

Ich fahre mit der Bahn nach Hamburg-Harburg zu meiner Schwiegermutter. Meine Schwiegermutter gehört zur Risikogruppe und traut sich nicht aus dem Haus. Deshalb konnte sie uns seit fast einem Jahr nicht mehr besuchen. Corona hat also nicht nur Nachteile.

Der Opa, der im Moment mir gegenüber Platz nimmt, hätte das auch tun sollen. Zu Hause bleiben und mich nicht nerven. Ich war über den Maskenzwang noch nie so erfreut wie in diesem Augenblick. Der alte Mann hustet wie aufgezogen im Minutentakt so stark, dass sich sein Mundschutz jedes Mal wie ein Ballon aufbläht und kurz vorm Explodieren ist. Wenn es platzt, wird ein Spuck-Tsunami über mich hinwegfegen.

„Gut, dass wir Mundschutz haben – insbesondere Sie“, knurre ich ironisch.

„Sind Sie etwa Mundschutzhersteller?“, fragt er mich nach dem nächsten obligatorischen Husten-Anfall.

„Nein, aber trotzdem möchte ich noch leben.“

„Man muss immer fragen, wer der Nutznießer ist“, röchelt er.

„Nutznießer? Wovon denn?“

„Wer profitiert denn von einem Mundschutzzwang? Wer hat ein Motiv? Sie glauben doch nicht, dass es ein Zufall ist, dass der ganze Schlamassel bei euch in China seinen Lauf nahm, oder? Wenn jeder Chinese zehn Masken kauft, macht das 20 Milliarden Masken. Und denken Sie noch an den Impfstoff. Wenn alle Chinesen sich in einer Reihe aufstellen würden, um sich impfen zu lassen, würde diese Schlange die Erde zwei Mal umrunden und zwischendurch noch einen Abstecher zum Mond machen.“

„Ich sehe so aus, aber ich bin kein Chinese.“

„Ohne ein Motiv läuft nichts im Leben. Ohne einen Vorteil macht sich niemand den Finger krumm“, referiert er weiter.

„Wenn das so ist, was ist denn Ihr Motiv?“, frage ich neugierig. „Weshalb bombardieren Sie mich im Minutentakt mit Ihren Bazillen? Warten Sie, sagen Sie nichts. Ich versuche es zu raten. A: Sie sind Pharmavertreter, B: Apotheker, C: Arzt, D: Sadist.“

„C! Ich bin Arzt“, stammelt er wie auf frischer Tat ertappt. „Das ist aber kein Motiv“, fügt er hinzu.

„Wenn Sie Arzt in der Pampa sind, schon“, sage ich und zeige ihm den Zeitungsartikel, wonach die Arztpraxen auf ländlichen Gebieten mangels Patienten schließen müssen.

„Das habe ich längst hinter mir. Ich suche keine Patienten mehr, sondern eine Lebenspartnerin“, sagt er kleinlaut.

„Super! Ich mache Sie mit meiner Schwiegermutter bekannt“, freue ich mich.

„Warum? Was ist Ihr Motiv?“, fragt er. „Warten Sie, ich versuche zu raten. A: Sie wollen Ihre Schwiegermutter loswerden, B: Sie hassen Ihre Schwiegermutter, C: Sie hassen mich, D: Sonstiges.“

„D: Sonstiges. Meine Schwiegermutter hat mir eine üppige Belohnung versprochen, wenn ich sie mit einer guten Partie verkuppele.“

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ist Satiriker in Bremen. Er liest seine Geschichten im Radio bei Cosmo unter dem Titel „Alltag im Osmanischen Reich“. Sein Longseller ist der Krimi „Tote essen keinen Döner“ (dtv).

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