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Die Linke und die ZukunftNach spektaktulärem Comeback

Nach ihrem spektakulären Comeback hat die Linke mehr Macht in der Opposition. Bei der Klausur in Potsdam muss sie nun zunächst einiges ausdiskutieren.

Doppelt so groß im Bundestag, doppelt so viele Mitglieder: Wie macht die Linke weiter? Foto: Lisi Niesner/reuters

Potsdam dpa | Mehr als doppelt so viele Parteimitglieder wie vor einem Jahr, mehr als doppelt so viele Abgeordnete wie im alten Bundestag: Die Linke wirkt nach ihrem spektakulären Comeback wie runderneuert. Erstmals hat die Partei im Bund eine Schlüsselrolle, denn Zweidrittelmehrheiten jenseits der AfD gibt es nur noch mit ihr. An diesem Freitag erklärt die Partei- und Fraktionsspitze nach einer Klausurtagung der neuen Bundestagsfraktion, was sie daraus machen will. Ganz ohne Wachstumsschmerzen geht es dabei für die Linke nicht.

Mitte 2024 hatte die Linke 52.127 Mitglieder und stand in Umfragen bundesweit bei etwa 3 Prozent. Dann übernahmen Ines Schwerdtner und Jan van Aken als neue Vorsitzende. Neben anderen Faktoren verhalfen verbrauchernahe Themen wie Mieten und Preise sowie eine starke Mobilisierung gegen rechts der Partei schließlich zu 8,8 Prozent der Stimmen. Heute hat sie nach eigenen Angaben 110.300 Mitglieder. 64 Linke sitzen im neu gewählten Bundestag, nach zuletzt nur 28.

Nur 13 Abgeordnete waren schon in der vorherigen Legislatur dabei. Die Linke hat die drei jüngsten Volksvertreter und mit 42,2 Jahren den jüngsten Altersschnitt aller Fraktionen. Viele Neue, viele ohne Parlamentserfahrung, wie bindet man die zusammen? „Das ist eine große Herausforderung“, sagt der Chemnitzer Parteienforscher Benjamin Höhne.

Gefragt sind die bisher nur kommissarisch bestimmten Fraktionsvorsitzenden Heidi Reichinnek und Sören Pellmann. Alles machbar, heißt es aus der Fraktion. Die Stimmung bei der Klausur in Potsdam sei nach dem Wahlerfolg im Bund und in Hamburg jedenfalls prächtig.

Differenzen bei Schuldenbremse, Ukraine und Nahost

Ganz ohne Rumpeln ging es in den ersten Wochen seit der Bundestagswahl aber nicht. Die Partei- und Fraktionsführung hatte sich im Streit über das Schuldenpaket für Verteidigung und Infrastruktur rasch festgelegt: nicht mehr in der alten Legislatur, lieber in der neuen Wahlperiode eine umfassende Reform der Schuldenbremse. Doch die Landesregierungen mit Beteiligung der Linken in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern hielten sich nicht daran. Im Bundesrat stimmten sie zu.

Das hätte sie sich anders gewünscht, sagte Reichinnek später. Aber sie könne auch verstehen, dass die Länder die ihnen zugedachten Mittel aus dem schuldenfinanzierten Sondervermögen von 500 Milliarden Euro dringend bräuchten.

Die Linken-Spitze kritisierte die Schuldenpläne auch inhaltlich: viel zu viel Geld für Rüstung. Aber die Linie zu Verteidigung und Ukrainehilfen ist intern noch Debattenstoff. Anders als Parteichef van Aken hat sich zum Beispiel sein Genosse Bodo Ramelow für Waffenhilfen an die Ukraine ausgesprochen.

Ein ähnlicher Konfliktherd ist für die Linke der Nahe Osten. Van Aken vermittelte zwar im Oktober eine Kompromissformel zum Gazakrieg. Aber radikale Israelkritik gibt es in der Partei weiter. Wo genau die vielen neuen Mitglieder und Abgeordneten in diesen Streitfragen stehen, ist unklar.

„Die Linke wird nicht umhinkommen, auf die veränderten sicherheitspolitischen Herausforderungen neue Antworten zu geben“, meint Parteienforscher Höhne. „Die neue Linke wäre gut beraten, die Gefahren anzuerkennen, die vom russischen Imperialismus ausgehen, und an der neuen Verteidigungspolitik Deutschlands und seiner Bündnispartner konstruktiv mitzuwirken.“

Staatstragend oder widerständig

Ohne die Linke haben Union, SPD und Grüne im Bundestag keine verfassungsändernde Mehrheit mehr, wenn alle weiter Abstand zur AfD halten. Die Union könnte sich gezwungen sehen, ihre Absage an eine Zusammenarbeit mit der Linken zu überprüfen. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) warb kürzlich im Tagesspiegel für Gespräche mit der Linken. Reichinnek sagte dazu im Gespräch mit Anne Will: „Wir stehen auch für Gespräche mit der Union bereit, ganz klar.“

Wird die Linke also staatstragend, wird sie gar im Bund irgendwann mitregieren? „Eine staatstragende Rolle spielt die Linke bereits auf der Landesebene“, sagt Höhne. „Im Bund würde ich sie auch für möglich halten, wenn die Linke auf einen pragmatischen außen- und sicherheitspolitischen Kurs ginge.“ Der Politologe gibt diese Prognose ab: „Die Linke muss sich entscheiden, ob sie Politik exekutiv mitgestalten und dafür Kompromisse eingehen kann oder sich immer nur mit einer Oppositionsrolle zufriedengibt.“

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11 Kommentare

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  • Vielleicht sollte man erstmal abwarten wie sich die Linken entwickeln,



    da sind etliche neue junge Parteimitglieder dazugekommen.



    da gibt es innerparteilich viel zu tun, das muss organisiert werden, da braucht es Parteitage u.s.w..



    Das geht nicht alles über Nacht, vor allen wenn man wirklich an



    Politik für die Menschen interessiert ist.



    Die AfD wird mit sowas wahrscheinlich weniger Probleme haben weil deren Ziel ein anderes ist.

  • > „Die Linke muss sich entscheiden, ob sie Politik exekutiv mitgestalten und dafür Kompromisse eingehen kann oder sich immer nur mit einer Oppositionsrolle zufriedengibt.“

    Das ist, mit Verlaub, Unfug. Dahinter steht das Vorurteil, Opposition sei eben "nur" Opposition. Dass das ein Vorurteil ist, hat die AfD hinlänglich bewiesen. Man kann auch als "nur" Opposition ein ganzes Land verändern. Die AfD hat es zum Schlechten hin vorgemacht, die Linke kann es zum Besseren hin ebenso. Warum nicht? Man muss nur aus diesem sozialdemokratischen Denken herausfinden.

  • Sorry, aber Wesentliches fehlt: Immer noch werden Parlamentsabgeordnete als SED-Kader o.Ä. bezeichnet, so von der AfD Gregor Gysi. In den sozialen Medien ohnehin. JvA ist mW. für Waffenhilfen, aber nicht für mehr Geld für die Rüstung. Das sind zwei Paar Stiefel, wird hier aber nicht unterschieden. Auch auf die fulminante Rede von Reichinnek wird nicht hingewiesen. Auch auf ihre massive Verunglimpfung (Neid der Besitzlosen) nicht.

  • Die Linke muss sich vor allem entscheiden, ob sie als echte Interessenvertretung der kleinen Leute sich wieder dahin begibt wo es schmutzig und konkret ist, oder ob sie weiter hautsächlich die Meinung aus dem intellektuellen Elfenbeinturm der Geisteswissenschaften mit ihren Argumenten bedient.



    Ersteres tut not, letzeres ist der Weg in die verdiente Bedeutungslosigkeit.

  • „Die neue Linke wäre gut beraten, die Gefahren anzuerkennen, die vom russischen Imperialismus ausgehen, und an der neuen Verteidigungspolitik Deutschlands und seiner Bündnispartner konstruktiv mitzuwirken"

    Stimme ich voll zu. Die aktuelle Haltung zu Russland macht die Partei für mich und viele andere aus der osteuropäischen Community hier in Deutschland unwählbar. Dabei überzeugen sie an so vielen anderen Punkten. Aber eine faire Besteuerung bringt alles nichts wenn die Lieben in der Heimat massakriet werden und die Linke so lange von "Dialog" lamentiert bis auch der letzte freie Mensch in Osteuropa entweder tod oder im Gulag ist.

  • Es bleibt zu hoffen, dass die altstalinistischen Betonköpfe mit ihrem Kadavergehorsam gegenüber Putin endlich von jungen, progressiven Linken an die Seite gedrängt werden !



    Dann könnte die Linke endlich wieder wählbar werden...

  • Bitte nicht dem liberalen Kompromissfetisch verfallen. Der Tag, an dem Die Linke staatstragend wird, ist vermutlich der Tag, an dem ich die Partei verlassen werde.

  • Tja, wie macht die Linke weiter?



    Vielleicht ja so: Bahnsteigkarte kaufen, wenn man an der train station Räwoluschn-Rabatz macht (hoppla, das ist jetzt etwas antiquiert). Wichtig aber in jedem Fall: Das Verbot, den Rasen zu betreten, muss unter allen Umständen beachtet werden.



    Ansonsten: Sich jetzt mit verstärkten Reihen doppelt so eifrig bei Grünen und SPD anbietern, äh, -bieden.



    Für Gespräche mit der CDU stehen sie ja laut Artikel und Frau Reichinnek auch bereit, sicher nehmen sie sich endlich auch die Ratschläge des Parteienforschers endlich zu Herzen. Und wenn demnächst mal wieder die 5% ins Blickfeld rücken, können wir uns wieder unterhalten.

  • Was heißt hier radikale Israel-Kritik? Die kann derzeit überhaupt nicht radikal genug sein. Die politische Kunst besteht aber nun genau darin, sich dabei antisemitische Israel-Hasser vom Leibe zu halten - kein einfacher Spagat, aber wer sonst im politischen Spektrum sollte das schaffen, wenn nicht die Linke.



    Dabei sollte klar sein: der Kampf gegen Antisemitismus gehört ebenso zur DNA der Linken wie deren Antifaschismus - hier den Spaltpilz hineinzutreiben, kann eigentlich nur im Interesse derjenigen sein, die sich vor einer starken Linken fürchten.



    Und ja, möglicherweise wird sich dabei die Spreu vom Weizen trennen - wie schon zuvor mit der Wagenknecht-Abspaltung -, langfristig jedoch wird die Linkspartei auch davon profitieren.

  • Universalistisch für gleiche Rechte, international für Völkerrecht und die Menschen dahinter.



    Dann begeht mensch auch sicher nicht den Fehler, Israels Netanyahu zu schonen, wo es nicht angebracht ist (, oder der Hamas alles durchgehen zu lassen). Die Linke hat fitte, diskussionsfähige Leute, die wird das schon ausdiskutiert bekommen.

  • Die Linke hat jetzt mehr Macht in der Opposition. Da in den nächsten 4 Jahren wohl keine Änderungen am Grundgesetz geplant sind haben die überhaupt keine Macht. Die absolute Mehrheit haben Union/SPD und Linke 8,8 %. Und da sie nicht mit der AfD zusammen abstimmen liegt die Macht bei Null.

    Um Kleine Anfragen beim Bundestag zu stellen braucht man nur einen einzigen Abgeordneten.