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Über Phrasen in aktuellen DebattenDie Kunst, nicht recht haben zu wollen

In den Arenen der Meinungsbildung herrscht eine Art Bürgerkrieg. Gibt es denn kein Serum gegen ansteckende Phrasen und andere populistische Gifte?

Auf den Bolzplätzen der Besserwisserei nicht recht haben zu wollen, scheint nahezu unmöglich Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Mit dem Unbehagen an der Gesellschaft steigen auch die Pegel der Geschwätzigkeit. So war es unlängst Herbert Grönemeyer vorbehalten, der politischen Elite einmal kräftig die Leviten zu lesen. Der Boomer, auf den sich alle verständigen können, befand in einer populären Fernsehsendung, dass die da oben sich zu wenig um die Regierten scheren. „Dass mit dem Volk gesprochen wird, ist in den letzten 10 Jahren nicht passiert.“ Es herrsche das Gefühl vor, dass sich die aus Berlin für die Menschen nicht interessieren und um die wirklichen Probleme nicht kümmern.

Ansprache? Unterweisung? Pädagogisch wertvolle Ratschläge? Der Volkssänger ließ offen, wie es denn aussehen könne oder solle, mit dem Volk zu sprechen. Als tönendes Lamento ging das unter Beifall durch. Tatsächlich aber dürften die meisten sich indigniert verbitten, derart plump angesprochen zu werden.

Einen Volkswillen, der bevorzugt nach Wahlentscheidungen als kollektives Votum aufgerufen wird, gibt es nicht. Ein Wille, so sah es unlängst der Verfassungsrechtler Oliver Lepsius (in der Zeitschrift Merkur), „muss immer einem Subjekt zugerechnet werden. Kollektive, aber auch Organe haben keinen Willen. Sie erzeugen einen Willen: durch Wahl, durch Repräsentation. (…) Die Rede vom Volkswillen hat nichts Basisdemokratisches, sondern ist latent totalitär“.

Lepsius' Überlegungen legen nahe, dass selbst der gute Wille, den wir Herbert Grönemeyer unbedingt unterstellen, nicht davor gefeit ist, auf illiberale Gemeinplätze und totalitäre Strategien hereinzufallen. So reizvoll und erstrebenswert es in offenen Gesellschaften sein mag, sich darüber zu verständigen, was die anderen denken und wollen, so anmaßend ist es doch auch, generös deren Willen zu antizipieren. In paternalistischem Duktus operieren Wortmeldungen à la Grönemeyer fast immer mit der Gewissheit, den Volkscharakter, eine Art kollektives Meinen, zu kennen und in dessen Sinne zu sprechen.

Das Geschäwtz von gestern

In den Meinungsarenen aber herrscht Bürgerkrieg, und die Kampfhandlungen wären letztlich wohl nur durch die lebenspraktische Erkenntnis zu befrieden, der zufolge der Einzelne schon bald nach einem leidenschaftlichen Vortrag nicht darauf verpflichtet werden kann, für immer und ewig einer und seiner Meinung zu bleiben.

Galt Adenauers Satz – „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ – einst als Indiz für Eigensinn und spröde Launenhaftigkeit, so wäre das dahinterstehende Prinzip gerade jetzt als Kernoperation der Kompromissbildung zu rehabilitieren, die Lepsius als Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit des politischen Systems beschreibt. Entgegen alle negativen Konnotationen, so Lepsius, mache der Kompromiss aus Überzeugungen Entscheidungen, die das System Politik überhaupt erst am Laufen halten.

Umso unverständlicher ist es, dass Abwägen und Aushandeln eine anhaltend schlechte Presse haben, es stand schon mal besser um die Techniken des Dafür- und Dagegenseins. Das gute Argument und die Methoden, es zu behaupten, sind selbst unter Druck geraten.

In den Trollfabriken wird massenhaft bloßes Meinen generiert, und es kann kein gutes Zeichen sein, wenn sich ausgerechnet der meinungsversessene Journalist Jakob Augstein ob der wachsenden Spaltung der Gesellschaft besorgt zeigt und „Rechthaber-Denken“ und „Ausschließer-Denken“ beklagt. Bis auf Weiteres jedenfalls ist nicht zu erwarten, dass aus dem Schreddern der politischen Diskurse eine Gesellschaft erwächst, die zu konstruktiven Lösungen zu kommen in der Lage ist.

Ideologische Kampfbegriffe

Genozid, Staatsräson, Remigration – das Vokabelheft ideologischer Kampfbegriffe wird immer dicker, auswendig gelernt von Akteurinnen und Akteuren einer illustren Querfront, die von Sahra Wagenknecht über Richard David Precht zu Alice Weidel und Eva Menasse reicht, die wortreich davon beseelt sind, nicht mehr alles sagen zu dürfen. (In der Kulisse wartet breit grinsend J.D. Vance.)

Die beachtliche Zustimmung erzielende Annahme, mit frank und frei geäußerten Überzeugungen womöglich anzuecken, spricht nicht gerade für die Konsistenz derselben. Unterdessen wird lustvoll ein Klima der Angst beschworen, in dem der mächtige Zensor als Sehnsuchtsfigur umgeht, vor der man dissidentisch gestimmt in den Schutzraum einer benachbarten Kulturmetropole Reißaus nimmt.

Wie steht es um den zwanglosen Zwang des besseren Arguments?

So wählte unlängst eine mit akademischen Titeln und entsprechenden Positionen hoch dekorierte Verständigungsgruppe Zürich als Tagungsort, um das gemeinsame Leiden an einer abnehmend offenen Gesellschaft zu bearbeiten. „The Rise and Fall of the BRD“. Echt jetzt?

Von der verweigerten Annahme eines Artikels in den ersehnten Leitmedien des Landes ist es ein kurzer Weg zur Selbststigmatisierung als Opfer der Meinungsfreiheit. Aber haben sie vielleicht recht? Wenigstens ein bisschen? Die Grenzen der Meinungsfreiheit sind keine Fiktion. Anstand und Taktgefühl wirken seit jeher wie die Torwächter einer hinterhältigen Zensurbehörde, der man nur schwer entkommt.

Das Schweigen nach einer verletzenden Bemerkung

Wer schon einmal eisiges Schweigen nach einer verletzenden oder bloß flapsigen Bemerkung geerntet hat, wird beim nächsten Mal die Wahl der Worte sorgfältig wägen. Nichts treibt den Verdacht, nicht alles sagen zu dürfen, stärker hervor als das Empfinden, von den anderen als peinlich wahrgenommen zu werden.

Wenn das Selbstwertgefühl Gefahr läuft, beschädigt zu werden, tritt der Zensor mitunter als nobler Retter in Erscheinung. Von Bertolt Brecht wissen wir, dass er an McCarthy seine rhetorische Brillanz erprobte, und in weniger heroischen Konstellationen ermöglicht die Reibung an einem imaginierten Inquisitor eine Art Probehandeln gegen die Zumutungen der eigenen Behaglichkeit. Eine durch den Karneval der Disruption erschütterte Weltordnung hat eine beißende Angstlust zum Vorschein gebracht, in der immer mehr gebannt danach trachten, die funktionierenden Reste der alten Welt genüsslich den Bach runtergehen zu sehen.

Gibt es denn kein Serum gegen ansteckende Phrasen und andere populistische Gifte? Es kann ja nicht ratsam sein, auf den Bolzplätzen der Besserwisserei auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu verzichten, auf dem Jürgen Habermas so überzeugend beharrt hat. Oder doch?

„Ich möchte nicht recht haben wollen“, lautet der Leitsatz von Gedankenspielen, zu denen der Philosoph Martin Seel in einem essayistisch-aphoristischen Buch eingeladen hat. Die spielerische Form schlägt einen beschwingten Ton an. Sie will nicht überzeugen, sondern mitnehmen.

Anspruch auf Wahrheit

Nicht recht haben zu wollen markiert natürlich ein Paradox. Unwahrscheinlich, dass Leserinnen und Leser begierig zu einem Buch mit dem sperrigen Titel „Nichtrechthabenwollen“ greifen, obwohl die zersetzende Wirkung zahlreicher gesellschaftspolitischer Debatte immer öfter einen derartigen Stoßseufzer abzusetzen scheint. Strenggenommen ist es unmöglich, nicht recht haben zu wollen. Wer zu sprechen beginnt, erwartet, dass andere zuhören. Mehr noch: Der Anspruch auf Wahrheit, so Seel, ist ein unentbehrliches Gelenk unserer Art zu leben. „Wir müssen annehmen, dass viele unserer Überzeugungen wahr sind, andernfalls kämen wir nirgends zurecht.“

Das gilt sogar für die Absicht, die Wahrheitsansprüche der anderen zu hintertreiben. Wir könnten nicht heucheln, lügen und betrügen, so Seel, „wenn wir nicht zu wissen glauben, wie es wirklich um die fraglichen Dinge steht“. Selbst im Siegeszug von Fake News sind deren Propagandisten auf Geltung von Fakten angewiesen, die sie zu erschüttern trachten. Die Orientierung auf Wahrheit ist jedoch ein fragiles Gut. Sie verkomme, so Seel, wenn wir uns auf unser Rechthaben versteifen. „Niemand hat überall recht. Niemand kann es überall recht machen (…).“

Sein Faible fürs Nichtrechthabenwollen, erklärt Seel, beruhe auf dem Glauben, dass es im Denken und Schreiben auch anders geht. Im Alltag tun wir das Naheliegende vorm Horizont der Kontingenz, der Annahme, dass es auch ganz anders kommen könnte und uns die Möglichkeit gegeben ist, eine andere Richtung einzuschlagen. Seels Überlegungen zum Nichtrechthabenwollen bieten Wege an, über die man den Zwängen des Rechthabenwollens und -müssens zumindest versuchsweise entkommen kann.

Die Kunst, sich unterbrechen zu können

Positionen der Schwäche werden nicht nur in Kauf, sondern ganz gezielt eingenommen. Dabei geht es nicht einmal darum, das Nichtrechthabenwollen zu propagieren. „Eher wollte ich das Propagieren verabschieden, ein Propagieren, das sich in ein Entweder-oder verrennt und in ihm verbrennt, ein Auftrumpfen, das unbedingt radikal sein möchte, wo doch das Moderate das Allerradikalste ist, weil es seine höchste Tugend in einem Sichunterbrechenkönnen beweist (…).“

Wer bereit ist, in der Kunst, sich unterbrechen zu können, eine gewisse Routine zu erwerben, wird auch in der Lage sein, die feinen Unterschiede herauszuarbeiten zwischen dem Unbehagen, nicht alles sagen zu dürfen, und dem wohltuenden Selbstverständnis, nicht alles sagen zu müssen.

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