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Die Kunst der WocheNeuer botanischer Realismus

Metallpflanzen, die nie verwelken, und schwarze Leinwände, die vom Licht leben: Zwei Ausstellungen über Material, Form und Wahrnehmung.

Toshihiko Mitsuya, Where Shadows Fails, Installationsansicht Foto: Simon Vogel/Galerie Nagel Draxler

D ie Blumen, Gräser, Farne und Sträucher, die derzeit so prächtig in der Galerie Nagel Draxler gedeihen, sind, anders als gewöhnliche Pflanzen, nicht vergänglich. Der japanische Bildhauer Toshihiko Mitsuya formt sie aus Aluminiumblech. In seinem Garten gibt es keinen melancholisch stimmenden Herbst mit fallenden Blättern und keinen Winter mit kahlem Geäst.

Die überaus detailgetreu gestalteten Brombeerranken, Kornblumen und Gräser sprechen von Mitsuyas künstlerischer Auseinandersetzung mit Form und Material der Moderne. Sein glänzendes Metall ist ein stilbildendes Material modernistischer Kunst, widerspricht in seiner fein ziselierten skulpturalen Form aber deren Kanon. Das wird im Skulpturenpark des Schlossguts Schwante deutlich, wo Toshihiko Mitsuya einen kleinen Garten pflegt – seit einiger Zeit in Sichtweite von zwei hochglanzpolierten Stahlskulpturen von Jorinde Voigt. Ihre großen, in sich gedrehten beziehungsweise gestapelten Volumina sind Lehrbuchbeispiele modernistischer Skulptur.

Mitsuyas Löwenzahn, seine Mohnblumen oder sein elegantes Chinaschilf bilden dazu den subversiven Gegenentwurf postmoderner, konzeptueller Kunst. Denn Mitsuya dekonstruiert zunächst rein gedanklich die Struktur der jeweiligen Pflanze, um dieses Schema dann in virtuoser Manier auf eine mehrere Meter lange Zeichnung zu übertragen. Sie bildet das zweidimensionale Schnittmuster, nach dem er die Pflanze aus einem einzigen Aluminiumblech ausschneidet und sie dann mit den Händen dreidimensional zur Skulptur formt.

Thilo Heinzmann bei neugerriemschneider

In Thilo Heinzmanns vierter Einzelausstellung bei neugerriemschneider, meint Schwarz nicht die Farbe/Nichtfarbe Schwarz. Schwarz meint Material: Ölfarbe, Sand und kleine Glassplitter. Die pechschwarze Ölfarbe wird pastos mit dem Pinsel auf die schwarz grundierte Leinwand aufgetragen. Sie glänzt, wo sie mit dem Spachtel glattgestrichen wird, wodurch hier und da kleine Farbklumpen entstehen. Wo der Künstler die Ölfarbe mit Sand versetzt, erscheint sie matt. Die Braun- und Beigetöne des gröberen Sands sowie das zarte Blau, Rot und Grün der Glassplitter – einer weiteren Strukturform von Sand – sind nur in der Nahsicht zu erkennen.

Detail Thilo Heinzmann, O. T., 2025, Öl, Sand und Glas auf Leinwand, 190 x 212.5 x 4.5 cm Foto: Roman März/Courtesy theartist and neugerriemschneider, Berlin

Weil Schwarz hier Material bedeutet, bedeutet es auch Glamour. Denn bildgestaltendes Material der tiefschwarzen Leinwände ist das Licht. Es lebt vom Reichtum der Materialien und deren unterschiedlicher Haptik. Die rauen Oberflächen schlucken das Licht, auf den mit feinem Sand versetzten Partien wird es zur silbern schimmernden Textur, und in der Reflexion wirken die glatten Flächen wie lackiert. Dazu ist der Lichteinfall je nach Standpunkt der Be­trach­te­r:in­nen immer wieder anders. Dadurch verändert sich mit ihren Bewegungen auch das Bild, das lebendig wird. Diese Lebendigkeit verführt dazu, sich der Leinwand immer wieder zu nähern, sie zu umkreisen. Man möchte sie streicheln. Statt der Hand nimmt man die Augen.

Die Ausstellungen

Toshihiko Mitsuya: „Where Shadow Fails“. Galerie Nagel Draxler, Weydingerstr. 2/4, Di.–Fr. 11–18, Sa. 12–18 Uhr, bis 18. April

Thilo Heinzmann: „Keep On“. Galerie Neugerriemschneider, Linienstr. 155, Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 4. April

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Brigitte Werneburg
war Filmredakteurin, Ressortleiterin der Kultur und zuletzt lange Jahre Kunstredakteurin der taz. Seit 2022 als freie Journalistin und Autorin tätig. Themen Kunst, Film, Design, Architektur, Mode, Kulturpolitik.
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