Die Künstlerin Nina Canell in Berlin: Was aus dem Meer kommt

Nina Canell verbindet auf poetische Weise Natur und technische Infrastruktur. In Berlin ist ihre Ausstellung „Tectonic Tender“ zu sehen.

In einem Ausstellungsraum liegt vorne ein Stück eines dicken Kabels, hinten an der Wand steht eine Fotografie von Kabeln, die in einen Rechner führen

Aus dem Meer geborgen: Überreste von Seekabeln, aus Nina Canells Ausstellung in Berlin Foto: Nick Ash

Diese Ausstellung ist zunächst eine zum Hinhören. Es knirscht und knarzt, wenn Be­su­che­r*in­nen ihre Füße auf die Schalen von Muscheln setzen. Sieben Tonnen Muschelschalen ließ die in Schweden geborene und mittlerweile in Berlin lebende Künstlerin Nina Canell in einer dicken Schicht in der Berlinischen Galerie auslegen.

Das Geräusch der Schritte erinnert an Spaziergänge am Meer, wenn die Wogen Muschelschalen an den Strand gespült haben und sie den unsicheren Untergrund für den Weg bilden. Die künstliche Umgebung der Galerieräume, in der man jetzt zum Laufen aufgefordert ist, erinnert allerdings viel stärker daran, dass dieses Treten ein Treten in einem Tierfriedhof ist. Worauf das eigene Lebendgewicht jetzt lastet, sind Überreste gestorbener Lebewesen. Be­su­che­r*in­nen der Ausstellung sind so etwas wie Todesverdichter.

Canell, die sich schon früh für Minerale und chemische Substanzen interessierte, verweist allerdings auch darauf, dass diese Muschelschalen Kalzit enthalten. Das Mineral ist ein wichtiger Bestandteil von Beton, wie von Kunstdünger.

Worin wir leben, war einst Gehäuse von Meeresgetier

Firmen wie Heidelberg Zement greifen noch heute zur Zementproduktion auf geschredderte Muschelschalen zurück. Worin wir leben, war einst also das Gehäuse von Meeresgetier. Was wir essen, wächst dank Meeresleichen besser, zumindest lautet so das Versprechen der chemischen Industrie.

In zwei anderen Arbeiten legt Canell weitere Verbindungen zwischen Meer und Industriegesellschaft offen. Wie archäologische Artefakte wirken zwei zylindrische schwarze Objekte. Es handelt sich um Überreste von Seekabeln, die unter der Meeresoberfläche zwischen den Kontinenten gespannt sind, um den globalen Datenfluss des Internets überhaupt erst zu ermöglichen.

Nina Canell, „Tectonic Tender“, bis 22. August in der Berlinischen Galerie, Infos unter https://berlinischegalerie.de/ausstellungen/aktuell/

Man sieht den Kabelstücken Gebrauchsspuren an, glaubt zu erkennen, welche Reaktionen das Salzwasser auf der Außenhaut ausgelöst haben mag – und scheitert schier an der Vorstellung daran, welche Datenmassen einst durch die Kabel gejagt wurden. Die von Canell ausgewählten Objekte erinnern an die sehr materielle Grundlage der Informationsgesellschaft. Das Flüchtige, das diese gewöhnlich kennzeichnet, wird hier zur anfassbaren Substanz.

Drachentore in der Stadt

Einen Schritt ins Mythische unternimmt die Künstlerin in ihrer dritten Arbeit, dem Video „Energy Budget“. Zunächst zeigt die Kamera endlos erscheinende Geschosszeilen von Wolkenkratzern in Hongkong. In sie sind aber mehrere Etagen umfassende rechteckige Durchlässe integriert. Die Löcher gehen auf Feng-Shui-Praktiken zurück. Es handelt sich um sogenannte Drachentore.

Einen Schritt ins Mythische unternimmt die Künstlerin in ihrer Video-Arbeit „Energy Budget“

Hintergrund ist die Annahme, dass Drachen – in der chinesischen Tradition als Träger von Wissen und Weisheit angesehen – in den Bergen wohnen und regelmäßig ans Meer müssen. Damit ihnen der Weg nicht durch die Wolkenkratzer versperrt sind, sind ebendiese Tore in die gewaltigen Betonkörper eingelassen. Zugleich sollen die Drachentore für einen guten Energiefluss im Gebäude selbst sorgen.

Diese Praxis ist mittlerweile über Hongkong hinaus verbreitet. Der von Rem Kohlhaas designte Sitz des chinesischen Staatsfernsehens in Peking weist ebenfalls einen riesigen zentralen Durchlass auf wie auch der in Dubai errichtete Opus Tower der mittlerweile verstorbenen Zaha Hadid.

Auch Kohlhaas’ nicht realisierter Entwurf des Hamburger Wissenschaftszentrums war von einem zentralen Loch in der Hochhausscheibe geprägt. Ob es sich auch hier um Geisterdurchlässe gehandelt hätte, ist aber ungewiss.

Canells Anordnung von Arbeiten stellt interessante Verknüpfungen zwischen Lebewesen und deren Lebensräumen, ihrer Verarbeitung zu Ressourcen, dem Verhältnis von Habitat und technischer Infrastruktur sowie zu mythischen Großerzählungen her. In Letzteren werden Konflikte möglicherweise ausgeglichen, möglicherweise handelt es sich aber auch nur um pure Illusionen. Canell enthält sich jeglicher Wertung.

Das öffnet den Raum zum tastenden Denken über die unterschiedlichen Zugänge zur Welt, in der wir leben, die wir gestalten und im Gestalten zerstören. Jeder Schritt auf den Muschelschalen ist ein Schritt auf Überresten gestorbener Lebewesen. Jeder Druck auf die Schalen bringt sie dem Zustand eines Zusatzstoffes für Beton und Dünger näher.

So ist der Ausstellungsbesuch eingebettet in eine industrielle Produktion. Der Mensch als Massenwesen begriffen formt diesen Planeten. Ob Feng Shui eine geeignete Abhilfe ist, bleibt zweifelhaft. Dass neue Gleichgewichte zwischen Mensch, Gesellschaft, Industrie und dem Planeten gefunden werden müssen, macht diese Ausstellung aber auf sehr ungewöhnliche Art und Weise deutlich.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de