: Die Kraft des Hiphop-Tanzes
Gründungen finden in Berlin nicht nur im Hightech-Bereich statt, auch gemeinnützige Start-ups spielen eine wichtige Rolle
Von Volker Engels
Lari Niehl ist eine ehemalige Hiphop-Meisterschaftstänzerin. Aber sie ist auch Tanz-, Krisen- und Konfliktpädagogin. Zusammen mit ihrer Kollegin Daria Tikhonova hat sie in Berlin Ground gegründet, ein Hiphop-Tanzprojekt gegen Diskriminierung und Gewalt an Schulen. Schon vor der Gründung haben die beiden Hiphop-Tanzprojekte an Grundschulen unterrichtet und waren selbst überrascht, welche „unglaubliche Kraft“ das Tanzen hatte. „Beim Tanzen kann jedes Kind seine Gefühle auf gewaltfreie Art und Weise zeigen, das fördert Vielfalt und zugleich Individualität.“
Denn körperliche und seelische Gewalt sei auch an Grundschulen ein reales Problem. Grundlage der Projekte sind Hiphop-Tanzschritte, eine Choreografie, sowie ein Resilienztraining. „Wir arbeiten mit altersgerechten Spielen, Gesprächen und Gruppenübungen zu Themen wie emotionale Abgrenzung oder Verantwortung für das eigene Handeln“, so Niehl.
Ein Projekt direkt an der Schule dauert immer eine Woche, jede Klasse hat am Tag 90 Minuten Training. Am Ende gibt es eine große Show, in der die Kinder ihr Können vor einem großen Publikum aus Schulgemeinschaft und Familie zeigen.
„Wir erleben immer wieder, dass Kinder, die ausgegrenzt werden oder sogar Mobbing erlebt haben, plötzlich ganz anders gesehen werden und viel Applaus bekommen.“ Das sei ein „richtiger Gänsehautmoment“, sagt die Geschäftsführerin der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft. Noch arbeiten sie und ihre Mitstreiterin, eine studierte Lehrerin und ausgebildete Erzieherin in Vollzeit in einem anderen Job, um finanziell über die Runden zu kommen. „Ich hoffe, dass wir im Verlauf des kommenden Jahres so weit sind, dass wir von unserer Gründung auch leben können.“
Die Finanzierungsidee: Ein einwöchiges Projekt an der Schule kostet 1.200 Euro. Davon zahlt die Schule 400 Euro, 800 Euro sollen externe Förderpartner:innen bezuschussen. Das können Unternehmen oder kleine Firmen sein, Senatsverwaltungen aber natürlich auch Einzelpersonen. Wer zum Beispiel die Förderstufe „Ground Pioneer“ für 3.200 Euro bucht, ermöglicht die Übernahme von zwei Drittel der Kosten für vier Klassen. Niehl: „Wir wollen die Schulen finanziell entlasten und natürlich auch die Anzahl der Projekte bundesweit erhöhen.“
Ein weiterer Aspekt: „Uns unterstützen freiberufliche Tänzerinnen, die sollen angemessen bezahlt werden.“ Grundsätzlich sei Berlin beim Thema Gründung gut aufgestellt, weil es eine starke Unterstützungsstruktur in der Stadt gebe, weiß Katja von der Bey, Geschäftsführerin der WeiberWirtschaft in Berlin, zu der als Schwesterorganisation die Gründerinnenzentrale gehört. Diese hat sich das Ziel gesetzt, mehr Frauen für eine Selbstständigkeit und Unternehmensgründung zu gewinnen. „Wir haben viele Frauen in der Beratung, die im sozialen Bereich oder in der Kunst- und Kreativwirtschaft gründen.“ Bei den technologieorientierten Mint-Gründungen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) seien sie unterrepräsentiert.
„Für Frauen ist die Gründungsfinanzierung viel schwerer als für Männer“, so von der Bey. Das habe häufig etwas mit dem Confidence Gap zu tun: Man traue Frauen nicht so viel zu in der Wirtschaft. Verantwortlich seien auch kulturell verankerte Werte, die in den Köpfen rumschwirren. „Leider auch bei vielen Frauen.“ Wenn es um die Finanzierung von Gründungen gehe, bekämen Frauenteams häufig andere Fragen gestellt als Männerteams. „Frauen fragt man nach den Risiken und Schwierigkeiten, Männer nach den Chancen.“
Die deGUT 2025
Am 10. und 11. Oktober finden die Deutschen Gründer- und Unternehmertage (deGUT) statt. Von 10 bis 18 Uhr finden Interessierte in der Arena Berlin (Treptow) Informationen rund um Existenzgründung und Unternehmertum und können sich persönlich beraten lassen.
Zudem brächten Frauen in der Regel weniger Eigenkapital mit, weil sie im Erwerbsleben weniger verdienen und nicht so einfach finanzielle Rücklagen bilden können. „Größere Gründungen auf den Weg zu bringen, ist deshalb eine Hürde“, so von der Bey weiter. Die Gründerinnenzentrale bietet unter anderem individuelle Orientierungsgespräche mit erfahrenen Beraterinnen an, in denen Interessierte die Gründungsidee checken und eine Entscheidungsgrundlage erarbeiten können.
Dort werden sie an die richtigen Ansprechpartner*innen verwiesen, um an Zuschüsse oder weitere Unterstützungsangebote zu kommen. Die Branchen seien sehr unterschiedlich, sagt von der Bey: „Eine Tischlerin, die sich selbständig machen will, hat andere Fragen als die IT-Spezialistin, die gründen will.“ Auch die Unternehmensnachfolge sei ein wichtiges Gründungsfeld. Frauen kämen noch zu selten auf die Idee, einen Betrieb zu übernehmen. „Obwohl sie hocherwünscht sind.“ In Berlin gibt es zahlreiche Förderangebote oder Zuschussprogramme für Gründer:innen, zum Beispiel das Exist-Stipendium, das aus Bundes- und EU-Mitteln gespeist wird.
Finanziell gefördert wurde die Gründung von Ground nicht. Von den zahlreichen Beratungsangeboten für Gründer:innen hat Lari Niehl dagegen einige in Anspruch genommen. „Wir hatten unter anderem einmal in der Woche ein Gründungscoaching mit einem erfahrenen Gründungsberater, der sehr viel Erfahrung mit sozialen Startups hat.“ Seminare, Beratungen und Coachings zu IT-Themen, richtigem Networking gab es unter anderem über die Social Economy Berlin, ein gemeinsames Projekt des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland und des Technologie-Netzwerks Berlin. Als Geschäftsführerin müsse sie Generalistin sein, aber gleichzeitig auch viele andere Bereiche abbilden können. „Es ist wichtig, sich konstant weiterzubilden und sich nie auf dem auszuruhen, was man schon kann.“
https://www.ground.dance/
https://gruenderinnenzentrale.de/
https://socialeconomy.berlin/
https://exist.de
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