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Plakatausstellung in BerlinDie Container sind immer grüner auf der anderen Seite

Der Berliner Projektraum Schneeeule hat Plakatwände in Charlottenburg angemietet. Die Frage „Wem gehört die Stadt?“ verbindet die Motive.

Kurz an einen anderen Ort versetzt fühlt man sich, wenn man in Berlin-Charlottenburg nahe dem Ernst-Reuter-Platz an der Guerickestraße 21–25 eine Mondoberfläche mit Kratern erblickt. Erst auf den zweiten Blick entpuppt sie sich als Fladenbrot auf schwarzem Teer.

Die auf einer Plakatwand angebrachte Fotografie mit dem Titel „Planet“ ist Teil von Leonardo Flores' Serie „Ephemeral Sculptures“ (vergängliche Skulpturen). Flores sammelt, was andere oft übersehen: Spuren menschlicher Interaktionen mit profanen Gegenständen im urbanen Raum, alltägliche Beobachtungen.

Bis zum kommenden Dienstag (11. August) können die Fotografien von Flores und vier weiteren Künstler:innen, bevorzugt bei einer Spazierfahrt mit dem Fahrrad, betrachtet werden. Im Rahmen des Projekts „Wem gehört die Stadt?“ haben sie sich mit dem öffentlichen Raum und seiner Nutzung befasst. Silke Nowak kuratierte die Ausstellung für ihren Projektraum Schneeeule. Diesen hat die Künstlerin 2012 gemeinsam mit Matti Bergmann gegründet, heute führt sie ihn allein. Wie die Vogelart hat auch der Projektraum keinen festen Ort, sondern wandert nomadisch umher.

Lange Zeit trug Nowak die Idee, Plakatwände mit Kunst zu versehen, „spazieren“, bevor sie sie nun in die Tat umsetzte. Entstanden ist eine Ausstellung mit Inhalten, die man „nicht erwarten würde“, wie Nowak sagt, aber auch an unerwarteten Orten, an denen sonst Werbung um Aufmerksamkeit buhlt. Das ist an ganz schön vielen, teils etwas skurrilen Stellen der Fall, zum Beispiel an Einfahrten oder Parkplätzen. Dort ist jetzt Kunst zu sehen.

Ebendiese Unerwartbarkeit birgt auch Tücken: Die Unternehmen, die hinter den Plakatwänden stehen, erwarten kommerzielle Werbung mit Text. Letzteren wollten jedoch weder Nowak noch die Künst­le­r:in­nen auf den Fotografien haben. Der Kompromiss: ein leiser schriftlicher Verweis auf die Website des Projektraums.

Bezahlbarer Wohn- und Freiraum gesucht

Unerwartetes geschieht auch beim zweiten Plakat an der Quedinburgstraße 2. „Wat isn an dem Bild so besonders? Was sacht es mir?“, fragt ein Passant. Das Bild von Lena Maria Loose, erklärt Nowak, zeige die Rummelsburger Bucht im Osten Berlins, in warmes Abendlicht getaucht. Ein Blick, den es so dort nicht mehr gibt: Menschen auf der Suche nach bezahlbarem Wohn- oder Freiraum, die dafür „zum Teil auch auf dem Wasser“ etwa in Booten lebten, bis sie auch dort verdrängt wurden. Wo sie nun sein mögen, ist eine der Fragen, die bleiben.

An der Quedlinburger Straße 15 zeigen zwei Plakatwände Arbeiten von Vlad Brăteanu und Fabian Schubert. Schubert bezieht sich auf die umliegende Umgebung: Seine Fotocollage zeigt die Schornsteine des benachbarten Heizkraftwerks samt einer stillgelegten Plakatwand, auf der dieselben Schornsteine als KI-generiertes Bild erscheinen. Mit diesem Verweis auf KI-Bildinhalte greift er eine Technik der Werbeindustrie auf und hinterfragt die Sinnhaftigkeit klassischer Werbebotschaften.

Vlad Brăteanus Arbeit wiederum trägt den ironischen Titel: „Die Container sind immer grüner auf der anderen Seite“. Er verweist auf die Baucontainer neben der Plakatwand. Dahinter entsteht ein neues Haus mit grünen Hintergärten. Brăteanus Kritik: Solche Projekte treiben die soziale Spaltung in Charlottenburg-Nord voran, einem Viertel, das auch von Armut betroffen ist.

Der heutige Rundgang endet an der Kaiserin-Augusta-Allee 33, wo zwei Fotografien von Mirja Busch zu sehen sind, die auf Plakatwänden an einem kleinen Haus mit blau-weiß gefliesten Flächen und Rasterfenstern mit bunten Einsätzen angebracht sind. Während Nowak die übrigen Plakatwände aus Kostengründen auswählte (denn ja, diese kosten je nach Ort unterschiedlich viel), erfolgte die Auswahl hier aus rein ästhetischer Motivation, was angesichts der Einzigartigkeit des Gebäudes sehr nachvollziehbar ist.

Mirja Busch dokumentiert seit Jahren Pfützen Berlins in allen Farben und Formen und – wenn sie nicht gerade an einer Definition für diese arbeitet, die es noch nicht zu geben scheint – sammelt sie deren Wasserproben. Dabei stößt sie teils auf Widerstand von Sicherheitskräften auf privaten Grundstücken. Ihre Arbeit thematisiert jedoch nicht nur die Privatisierung des öffentlichen Raums, sondern zeigt, wie Pfützen als eigenständige Orte in Mulden, Rillen und Löchern wirken und so wiederum den öffentlichen Raum mitgestalten.

Und Nowak? Wie die Schneeeule zieht sie im Anschluss an die Spazierfahrt weiter, hinterlässt Kunst in oft kunstleeren Räumen, und stößt Gedanken an, die gewiss länger haften bleiben als manches Plakat.

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