: Die Bachmanntorte
In ihrem Namen findet seit jetzt 50 Jahren der Betriebsausflug der Literaturszene nach Klagenfurt statt
Von Dirk Knipphals
Es war einer dieser entrückt schönen Kärtner Frühsommerabende, Bürgermeisterempfang auf einem Anwesen mit weitem Blick über den Wörthersee, der Literaturbetrieb bekam einen Hugo in die Hand gedrückt, als die Bachmanntorte serviert wurde, eine große rechteckige Cremetorte mit ihrem Porträt drauf, in Marzipan. Beim Anschneiden fiel einem mal wieder auf, wie seltsam es doch eigentlich ist, dass dieses Festival, der Vorlesewettbewerb der deutschsprachigen Autor*innen, der Betriebsausflug der Literaturszene, ausgerechnet ihren Namen trägt.
Vor 50 Jahren, 1976, drei Jahre nach dem Tod der Schriftstellerin, wurde der Ingeborg-Bachmann-Preis gestiftet – der existenzielle Ernst und das Pathos des Um-das-eigene-Leben-Schreibens, das man beides mit ihrem Werk verband, spielte hinein. Traditionslinien laufen auch zurück zu den Lesungen der Gruppe 47, bei deren Treffen Autorinnen und Autoren aus unveröffentlichten Werken lasen und Stegreifkritiken der anwesenden Literaturkritiker über sich ergehen lassen mussten. Karrieren wurden so geschmiedet, etwa die von Ingeborg Bachmann, oder auch behindert, etwa die von Paul Celan. Das Verfahren wurde nach Klagenfurt übertragen, wobei die Namensgeberin, von Ausnahmen abgesehen, weder bei den Lesungen noch den Diskussionen der Jury eine größere Rolle spielte. Immerhin, als eine Erinnerung und Mahnung daran, wie ernst Literatur genommen werden kann, wacht ihr Name über der Veranstaltung.
In den vergangenen 50 Jahren hat der Wettbewerb Anfeindungen und Häme, ein paar Skandale, einen Stirnschnitt, die Pandemie und so manche Hinterfragung durch die örtliche FPÖ-Kulturpolitik ziemlich gut überstanden. In seinen schlechteren Momenten ist Klagenfurt eine auf Effekt getrimmte Lesungs-Performance samt folgendem Juroren-Hahnenkampf – in seinen tollen Momenten aber eine Entdeckungsbeglückung und ein Drama, bei dem man, wenn man live dabei ist, die Sprache fliegen sehen und das Adrenalin riechen kann. Am 25. Juni startet der Wettbewerb dieses Jahr.
Wahrscheinlich ohne Bachmanntorte. Sie wurde 2011 serviert. Um das Gesicht der Autorin wurde erst schamvoll herumgeschnitten. Doch irgendwann wurde auch das aufgegessen.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen