: „Die Angst ist seitdem nicht weggegangen“
Viola Mabel wurde bei einer Demonstration von einem AfD-Anhänger mit dem Auto angefahren. Bis heute hat sie mit den Folgen des Anschlags zu kämpfen
Interview von Katharina Schipkowski (Text) und Timo Knorr (Fotos)
taz: Frau Mabel, Sie sind Überlebende eines rassistischen Anschlags. Was passierte am 17. Oktober 2020?
Viola Mabel: Ich war mit meinem damaligen Partner bei einer Kundgebung gegen den schleswig-holsteinischen Landesparteitag der AfD in Henstedt-Ulzburg. Wir gingen über einen Gehweg und unterhielten uns, ich sah aus dem Augenwinkel, wie ein riesiger Pick-up von einer Parklücke seitlich auf den Gehweg fuhr. Das waren Millisekunden, in denen ich realisierte, der fährt auf mich zu. Gleichzeitig dachte ich, „das kann jetzt nicht wahr sein“. Dann drehte ich mich um und rannte los. Ich dachte: „Renn oder du stirbst.“
taz: Aber er hat Sie erwischt.
Mabel: Ich erreichte eine Grünfläche und dachte, da kann er ausweichen, wenn er mich nicht treffen will. Da erwischte er mich richtig, von Kopf bis Fuß. Im Urteil steht, dass ich über die Motorhaube flog und mehrere Meter weit geschleudert wurde. Ich erinnere mich, dass ich eine komplette Ruhe in mir spürte, echt so klischeemäßig wie man das über Nahtoderfahrungen sagt. Dann bin ich panisch aufgestanden, weil ich keine Luft bekommen habe. Ich konnte auch nicht richtig gucken und hören. Mein Ex-Partner kam auf mich zugerannt und weinte, da dachte ich: „Oh Gott, dann muss es ja schlimm sein“, und weinte auch.
taz: Was passierte dann?
Mabel: Eine Polizistin nahm meine Daten auf, aber ich war total verwirrt. Dann hörte ich einen lauten Knall. Im Nachhinein weiß ich, dass ein Polizist in die Luft geschossen hat. Und dass der Täter noch zwei andere Demonstrant*innen angefahren hat. Im Krankenwagen diskutierte ich noch mit dem Notarzt, dass er bloß nicht meine Mutter anrufen sollte, sondern ich das selber mache, weil sie einen Herzinfarkt bekäme, wenn sie hört, ich sei angefahren worden. Mir war das Ausmaß meiner Verletzungen überhaupt nicht klar. Der Notarzt bereitete mich darauf vor, dass wir in den Schockraum fahren, er sagte: „Mensch gegen PKW ist immer eine größere Sache.“
taz: Wie lange waren Sie im Krankenhaus?
Mabel: Ich habe es dort kaum ausgehalten und mich nach der ersten Nacht gegen ärztlichen Rat entlassen. Ich hatte gelesen, dass der Täter nach wenigen Stunden freigelassen worden war. Da bekam ich Panik. Ich dachte, der kommt jetzt hierher und bringt das zu Ende. In gewisser Weise bin ich an dem Tag, bei der Tat, gestorben.
taz: Wie meinen Sie das?
Mabel: Weil alles, was mich ausgemacht hat, seitdem weg ist. Vor der Tat war ich lustig, offen und neugierig. Ich war eine sehr präsente Person und oft die Lauteste im Raum. Davon ist nichts mehr da. Ich bin seitdem nie wieder Bus oder Bahn gefahren, bin fast nur noch zu Hause mit meinem Hund, meinen Kameras und Alarmanlagen.
taz: Die Angst kam also sofort nach der Tat?
Mabel: Ja. Sie ist seitdem nicht weggegangen, sondern wurde immer schlimmer. Die ersten zwei, drei Monate nach der Tat hatte ich höllische Schmerzen und konnte fast nichts alleine. Als es körperlich besser wurde, ging es psychisch richtig los. Das war ein rasanter Weg bergab. Meine Therapie wurde abgebrochen, weil das Opferentschädigungsgesetz den Fall nicht anerkannt hat, weil das Tatwerkzeug ein Auto war.
taz: Wieso wird das nicht anerkannt?
Mabel: Weil in solchen Fällen das Verkehrsrecht gilt und die KfZ-Versicherung zuständig ist. Inzwischen wurde das geändert, seit Juni 2021 erkennt das Gesetz über die Entschädigung von Opfern auch Taten mit Autos als Tatwerkzeug an. Damals ging es mir aber so schlecht, dass ich mich nicht wirklich damit beschäftigen konnte. Jetzt nützt es mir nichts mehr, weil die Tat zu lange her ist. Trauma hat offenbar ein Ablaufdatum.
taz: Wie haben Sie sich damals ohne Therapie aus der Krise herausgeholt?
Mabel: Mir geht es immer noch schlecht, ich weiß gar nicht, ob man so ein Trauma überhaupt überwinden kann. Aber immerhin lebe ich noch. Das verdanke ich zum großen Teil meinem Hund, ohne ihn wäre ich nicht mehr auf dieser Welt. Ich habe ihn 2021 aus dem Tierschutz geholt, er kommt aus Rumänien. Mein Hund war noch ängstlicher als ich, er hatte sogar Angst vor seinem eigenen Spiegelbild. Das finde ich so sinnbildlich, weil wir uns so ähnlich waren. Ich musste für uns beide stark sein. Also verdanke ich es meinem Hund, meiner eigenen Stärke und dem Glauben an mich selber.
Warum haben Sie Kameras in Ihrer Wohnung?
Mabel: Weil ich wahnsinnige Angst habe. Davor, dass es wieder passiert oder der gleiche Täter oder jemand aus seinem Umfeld die Tat zu Ende bringen könnte. Er saß ein knappes Jahr in Haft und ist jetzt wieder frei. Man darf Nazis nicht unterschätzen. Sie sind gefährlich und bewaffnet. Und wenn sie nicht bewaffnet sind, nutzen sie Alltagsgegenstände.
Haben Sie nach der Tat schlechte Erfahrungen mit Ihnen nahestehenden Menschen gemacht?
Mabel: Die Welt dreht sich für die meisten Menschen weiter – aber für Betroffene nicht. Ich verstehe, dass die Leute irgendwann nicht mehr fragen, wie es einem geht. Ich weiß auch nicht, ob es überhaupt möglich ist, die Schwere eines solchen Angriffs zu begreifen. Wie es ist, als Schwarze Frau Opfer von so etwas zu werden, ist, glaube ich, gerade für weiße Menschen unvorstellbar.
taz: Auch nicht in einem sehr linken politischen Umfeld?
Mabel: Für viele Menschen, die sich damals mit mir solidarisiert haben, wurde die Tat schnell zu etwas Politischem. Es hieß: „Getroffen hat es eine, gemeint sind wir alle.“ Aber ich habe irgendwann gemerkt: Nein, gemeint sind eben nicht wir alle. Ich war diejenige, die danach mit den Folgen weiterleben musste. Und als Schwarze Frau kann ich nicht einfach meinen „FCK AfD“-Pulli ausziehen und aufhören, ein potenzielles Ziel rechter Gewalt zu sein. Ich hatte teilweise das Gefühl, dass die politische Symbolik meiner Geschichte wichtiger wurde als die Frage, wie es mir als Betroffener eigentlich geht.
taz: Im Sommer 2023 begann der Prozess gegen den Täter Melvin S. Wie war das für Sie?
Der Mensch
Viola Mabel, 27, lebt in Hamburg und studiert Kriminologie. 2020 wurde sie Opfer eines rassistischen Anschlags. Auf Instagram spricht sie unter @itsviolamabel über die Folgen ihres Traumas, über Terror und rassistische Gewalt.
Das Attentat
Der AfD-Anhänger Melvin S. fuhr am 17. Oktober 2020 am Rande des schleswig-holsteinischen AfD-Parteitags in die protestierende Menge und verfolgte drei Personen über fast hundert Meter. Eine von ihnen war Viola Mabel, er traf sie frontal und verletzte sie schwer.
Mabel: Es war komisch, Melvin S. zu sehen. In meinem Kopf war er ein Monster ohne Gesicht gewesen. Als ich ihn sah, dachte ich: „Krass, der sieht ja aus wie ein Kind.“ Zum Tatzeitpunkt war er 19. Ich hatte im ersten Moment absurderweise Mitleid mit ihm. Der Prozess hat mich sehr gestresst. Ich habe mit der Ladung zum Prozess eine Sehnerventzündung bekommen, das erste Anzeichen einer Multiplen Sklerose, die dann diagnostiziert wurde. Ob und welchen Einfluss dieser massive Stress auf die Erkrankung hatte, kann man so genau nicht feststellen. Aber zeitlich fiel meine erste Sehnerventzündung genau in diese extrem belastende Phase.
taz: Wie lautete das Urteil gegen Melvin S.?
Mabel: Drei Jahre Jugendstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Eingriffs in den Straßenverkehr. Angeklagt war er auch wegen versuchten Totschlags, aber das Gericht sah zwar einen Vorsatz, aber keine Tötungsabsicht bei ihm. Die Richterin hat gesagt, ob die Tat rassistisch motiviert war, wolle sie nicht beurteilen, obwohl sie bei S. eine rechtsextreme Gesinnung festgestellt hatte. Sie gebe die Entscheidung „in die Hände der Zivilgesellschaft“. Meiner Meinung nach: null Rückgrat. Nicht überraschend, trotzdem enttäuschend.
taz: Hat Melvin S. sich bei Ihnen entschuldigt?
Mabel: Er hat gesagt, dass es ihm leid tue, aber bei mir kam diese Entschuldigung überhaupt nicht glaubwürdig an. Er hat mich nicht mal angesehen. Gleichzeitig hat er behauptet, weder rechts noch links und nicht rassistisch, sondern höchstens ein bisschen nationalistisch angehaucht zu sein. Das fand ich schwer, ernst zu nehmen angesichts dessen, was im Verfahren über seine rechtsextreme Gesinnung bekannt wurde. Er hatte rassistische und nationalsozialistische Inhalte auf dem Handy, hatte mit Springerstiefeln und einer Flasche mit dem Etikett „Reichsbrause“ posiert. Nach dem Urteil hat er Revision eingelegt, die aber abgelehnt wurde.
taz: Könnte es überhaupt eine Wiedergutmachung geben? Wie sähe die aus?
Mabel: Demnächst stehen die Zivilprozesse an, da geht es um eine finanzielle Entschädigung. Durch die Folgen der Tat habe ich in den letzten Jahren um die 800 Krankheitstage angesammelt. Aber das Finanzielle ist nur ein Aspekt. Ich glaube nicht, dass das Attentat mich jemals loslassen wird. Dementsprechend ist es auch nicht zu verzeihen. Was die Justiz angeht: Das Strafmaß empfinde ich als sehr niedrig. Aber wichtiger als die konkrete Höhe der Strafe ist mir eigentlich, dass die Dimension dieser Tat anerkannt wird. Und genau das ist nicht passiert.
taz: Konnten Sie Ihre Enttäuschung in Wut umwandeln?
Mabel: Ich bin wütend auf das Gericht, wütend auf Deutschland, wütend auf die Gesellschaft. Aber ich bin auch unfassbar enttäuscht, dass Menschen überhaupt zu so etwas fähig sind. Bei Melvin S. ist bei mir vor allem dieses Unverständnis geblieben. Unverständnis über so eine Unmenschlichkeit.
taz: Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie ihn nochmal treffen würden?
Mabel: Ich glaube, ich würde ihn einfach schütteln und fragen: Warum? Ich möchte, dass er wirklich versteht, welchen Impact diese Tat auf mein Leben hatte, bis heute hat und wahrscheinlich noch sehr, sehr lange haben wird.
taz: Wann haben Sie sich entschieden, offensiv mit Ihrer Geschichte in die Öffentlichkeit zu gehen?
Mabel: In den letzten Jahren ging es mir immer wieder so schlecht, dass ich mich gefragt habe: Wie soll ich so ein Leben weiterleben? Ich konnte wochenlang kaum aus dem Bett aufstehen, hatte Schmerzen und das Gefühl, dass von meinem früheren Leben kaum noch etwas übrig ist. Ich habe mich in dieser Zeit auch mit Sterbehilfe beschäftigt.
taz: Bis zu welchem Punkt?
Mabel: Irgendwann habe ich mich daran erinnert, wer ich vor dieser Tat war. Wie viel Kraft und Vertrauen ich in mich hatte. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann wieder die Viola von früher werde. Aber ich merke, dass ich mir Stück für Stück etwas zurückhole. Auch daraus ist die Entscheidung entstanden, in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich will mir meine Stimme und meine Handlungsfähigkeit wiederholen. Und ich werde für die Anerkennung dessen kämpfen, was mir passiert ist, und für die Gerechtigkeit, die mir bisher gefehlt hat.
taz: Und dann begannen Sie, auf Instagram darüber zu sprechen?
Mabel: Ja, weil die Medien zwar schon über die Tat und den Prozess berichtet haben, aber viel zu wenig. Bei der Polizei hieß es zuerst sogar, es sei ein Verkehrsunfall gewesen. Außerdem weiß ich nicht, was die Leute für Bilder im Kopf haben, wenn sie lesen, dass eine linke Demonstrantin angefahren wurde. Wahrscheinlich gar keine. Ich wollte zeigen, dass jemand mit einem richtigen Leben hinter dieser Geschichte steht. Mit einer Persönlichkeit, mit Gefühlen, Familie, Freund*innen und Zielen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so viral geht.
taz: Bekommen Sie auch Hassreaktionen?
Mabel: Ja, zu jedem Video, das ich mache, kommen auch Hasskommentare. Natürlich beschäftigt mich das, vor allem die Masse davon. Aber es gibt Schlimmeres.
taz: Hilft Ihnen auch Ihr Kriminolologiestudium dabei, die Tat und das Traume zu bewältigen?
Mabel: Auf jeden Fall. Ich möchte verstehen, wie Radikalisierung funktioniert, welche psychologischen Mechanismen dahinterstecken und warum Menschen irgendwann bereit sind, anderen Gewalt anzutun. Dieses Bedürfnis gab es bei mir auch schon vor der Tat. Ich bin ein Mensch, der Dinge verstehen möchte. Und ich glaube, das ist auch die Grundlage dafür, etwas verändern zu können. Und natürlich hilft mir das auch bei meiner eigenen Geschichte. Etwas wissenschaftlich einordnen zu können, gibt mir ein Stück Orientierung zurück. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich aufpassen muss, nicht alles so lange verstehen zu wollen, bis es sich irgendwann kontrollierbar anfühlt. Manche Dinge kann man erklären und trotzdem nicht ungeschehen machen.
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