Deutschland bei Handball-EM: Knorr löst Bremse
Mit einem starken Juri Knorr spielt sich das deutsche Handball-Team ins Halbfinale der EM. Titelverteidiger Frankreich verliert 34:38.
Handball kann so leicht sein. Pass, Wurf, Tor. Das Netz bauscht sich aus. Der Ball zappelt im Geflecht.
Vier Mal in vier Minuten warf Juri Knorr den Ball ins Gehäuse der Franzosen, als wäre es das Leichteste der Welt. Die Tore 20 bis 22 und 24 gingen auf sein Konto. Deutschland führte in der 35. Minute 24:19 gegen den Titelverteidiger, am Ende besiegte es Frankreich im letzten Hauptrundenspiel 38:34 (19:15).
„Eigentlich komme ich mir verarscht vor“, sagte Knorr später, „drei Spiele läuft nichts. Auf einmal ist jeder Ball drin.“ Es waren seine zehn Tore aus 14 Versuchen, die entscheidend mithalfen, die deutsche Handball-Nationalmannschaft ins Halbfinale am Freitagabend (17.45 Uhr) in Herning gegen Kroatien zu befördern.
Juri Knorr
Dass die DHB-Auswahl nun die Chance bekommt, zum ersten Mal seit 2016 bei einer Europameisterschaft zu triumphieren, hätte man nach der Vorrunden-Niederlage gegen Serbien nicht geglaubt. Das historisch frühe Aus klopfte an die Tür. Es folgten teils wilde Spiele gegen Spanien, Portugal, Norwegen und Dänemark, ehe die Deutschen am Mittwochabend alle Scheu ablegten und von der Bremse gingen – es war ein mitreißendes Duell gegen die Franzosen um den großartigen Dika Mem (11 Tore) und den frischen Spielmacher Aymeric Minne.
Kritik am Trainer
Plötzlich gab es Tore nach schnellen Gegenangriffen, Treffer nach schneller Mitte, die viel weniger anstrengend sind als aus den Mühen des Positionsangriffes heraus. Im Zentrum aller Aktionen stand der 25-jährige Knorr. Schon hatte es gewirkt, als würde Bundestrainer Alfred Gislason für ihn in seinem Bemühen um defensive Stabilität keinen Platz mehr finden. Knorr wurde zum Bankdrücker dieser EM – 20 Minuten Spielzeit gegen Portugal, 17 gegen Norwegen, nur 10 gegen Dänemark. Letzteres kam einer Demütigung gleich, spielt Knorr doch seit Sommer 2025 in Aalborg.
Hängen ließ sich der gebürtige Flensburger nicht, sorgte für taktische Ansagen in Auszeiten und für gute Stimmung auf der Bank. Doch die zentrale Rolle schien in weite Ferne gerückt, die er sich für diese EM nicht nur erhofft hatte. Er hatte das erwartet und zu Turnierbeginn in einer kritischen Replik auf Gislasons Personalmanagement auch gefordert: „Wir werden es nicht schaffen, wenn Leute 60 Minuten durchspielen.“ Danach ging er hart mit sich ins Gericht. War genervt und ratlos, warum er die starke Liga-Form aus Aalborg nicht ins Turnier herüberretten konnte. Die Auferstehung gegen Frankreich fand er „fast kitschig“.
Juri Knorr ist ungern der Held. Er hadert mit seiner öffentlichen Rolle: „Ich suche das Rampenlicht und verfluche es.“ Aber er hat eben solche außergewöhnlichen Fähigkeiten, solch ein Gespür für Raum und Zeit, dass er nun einmal kein x-beliebiger Rückraumspieler ist. Da ihm der Ruf eines Handball-Superstars seit Jahren vorauseilt, wird Außergewöhnliches von ihm erwartet. Dabei ist er ein stiller, introvertierter, reflektierter Typ, der sich eher zu viel als zu wenig Gedanken macht, wie sein Zimmerkollege und Freund David Späth berichtet.
Am Mittwoch nun sahen sein Vater Thomas und seine Freundin Friederike ihn auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Da waren keine Zweifel, da waren nur Timing und Momentum. Dass später Fehlwürfe folgten, war unerheblich. Deutschland gewann letztlich überzeugend und machte einen großen Schritt in der Entwicklung – endlich wurde dem Druck des Gewinnenmüssens nicht nur eine Halbzeit standgehalten.
Wenn es am Freitag gegen Kroatien weitergeht, gibt es keine Garantie für die nächste Knorr-Show. Einigermaßen beruhigend ist, dass der Kader andere Kandidaten bereithält, die dann in die Hauptrolle schlüpfen könnten. Diese Vielseitigkeit hat auch Juri Knorr selbst herausgestrichen.
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