Deutscher Verlagspreis: Alles nur ein Missverständnis?
Überwachung, Misstrauen, Selbstzensur: In der Debatte über den Deutschen Verlagspreis geht es um mehr als ein verändertes Auswahlverfahren.
Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Kurz war die Aufregung groß. Wolfram Weimer habe das Auswahlverfahren des Deutschen Verlagspreises geändert und entscheide nun selbst, welche Verlage Preisgelder in Höhe von insgesamt 2 Millionen Euro erhielten, meldete die dpa vor wenigen Tagen. Nach der Debatte über den Deutschen Buchhandlungspreis im März – der Kulturstaatsminister hatte drei linke Buchläden von der Liste der Auszuzeichnenden gestrichen, nachdem er beim Verfassungsschutz nachgefragt und nicht näher ausgeführte „Erkenntnisse“ über die drei Geschäfte erhalten habe – winkte nun der nächste Skandal, so schien es. Seltsam mutete es da an, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Änderung ausdrücklich unterstützte. Gut, immerhin wurde der Preis überhaupt noch ausgeschrieben, die einzige Form der Verlagsförderung, die es hierzulande gibt. Aber eine Verbesserung – stellte die neue Regelung die wirklich dar?
Ja, erklärt ein Sprecher des Börsenvereins auf Nachfrage, man habe auf die Änderung des Verfahrens sogar gedrängt. Allerdings gerieten in der Kommunikation die Dinge durcheinander. Neu sei nicht, dass die Letztentscheidung durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) erfolge, das sei „schon immer der Fall“ gewesen, sondern dass er „gerade nicht alleine solche Entscheidungen wie beim Buchhandlungspreis trifft, sondern u. a. [die] Kurt-Wolff-Stiftung und wir bei Zweifelsfällen des BKM beratend hinzugezogen werden“, in Form eines Gremiums.
Auch beim Spiegel hat man die Ankündigung missverstanden. Mehrfach wurde der neue Juryvorsitzende des Deutschen Verlagspreises, Jörg Thadeusz, im Interview auf die Änderung im Prozedere, das früher angeblich ohne Einmischung auskam, angesprochen. Thadeusz wusste anscheinend auch nicht Bescheid, zumindest korrigiert er die Interviewerin an keiner Stelle. Stattdessen nimmt er Weimer in Schutz. Was soll denn schon passieren? „Dass Wolfram Weimar irgendeine Gruppe neokonservativer Wagnerianer bevorzugt, die in ihrem kleinen Verlag das Andenken an Richard Wagner reinwaschen?“, fragt Thadeusz. „So lächerlich wird das sicherlich nicht werden.“
Nationalromantische Gefühle
Doch, so lächerlich ist es bereits. Beim BKM lässt man nationalromantische Gefühle ganz offen an die Luft. Ein Beispiel: Vor einem Monat war „Staatsminister Weimer bei den Feierlichkeiten in der Sagrada Família in Barcelona“, wie eine Pressemitteilung überschrieben war. Stunden später kam die Korrektur der Überschrift: „Kulturstaatsminister Weimer würdigt bei den Feierlichkeiten in der Sagrada Família in Barcelona insbesondere das deutsche Turmkreuz“, musste es nun heißen.
Als lächerlich stellt Thadeusz im Interview vielmehr die Aufregung um den Deutschen Buchhandlungspreis dar. „Leute fühlen sich auf den Schlips getreten, weil Wolfram Weimer irgendwelchen Zausel-Buchhandlungen kein Geld zubilligt“, weiß er. Dass es in der Sache immer um mehr ging, um ein Klima des Misstrauens und der Überwachung, das das Bundesinnenministerium schürt, indem es ausdrücklich den Wunsch nach routinierter Abfrage von Fördergeldempfängern beim Verfassungsschutz formuliert – geschenkt.
Auch die Vorgeschichte des Ganzen blendet Thadeusz aus. Wäre Weimer derart offensiv gegen linke Buchhandlungen vorgegangen, spürte er nicht noch den Atem des rechten Portals Nius im Nacken, das im Herbst letzten Jahres eine Hetzkampagne gegen einige ausgezeichnete linke Verlage losgetreten hatte? Ob das neue Gremium nun etwaige Zweifel des Kulturstaatsministers zerstreuen kann und ob der nicht doch lieber beim Verfassungsschutz nachfragt, sollten diese Zweifel aus irgendwelchen Gründen nach Linksradikalismus schmecken, ist ebenso stark zu bezweifeln.
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