Deutsche Autoindustrie: Sprit-Schock verschärft Konflikte in der Autobranche
Die Autoindustrie kriselt. Eine neue Studie zeigt nun, wie Konzerne sogar die Tarifpartnerschaft infrage stellen, um Profite hochzuhalten.
Der Irankrieg droht Folgen für die deutsche Tarifpartnerschaft zu haben. „Der Energiepreisschock durch den Irankrieg wird Auswirkungen auf die Automobilbranche haben. Es drohen Reallohnverluste“, sagt der Arbeitssoziologe Stefan Schmalz von der Universität Jena der taz. Seine Kollegin Karla Zierold ergänzt: „Durch die Inflation sind Streiks und Konflikte zu erwarten. Wahrscheinlich wird die nächste Tarifrunde konfrontativer geführt werden.“
Tatsächlich hat sich das Klima in der Automobilindustrie seit dem Beginn des Irankriegs schon verschlechtert, wie eine Umfrage des Münchner Ifo-Instituts ergab. Demnach sank der Stimmungsindikator im März von minus 15,7 auf minus 18,7 Punkte, wie das Forschungsinstitut am Dienstag mitteilte.
Neben der Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump und anderer geopolitischer Spannungen leiden die deutschen Autobauer vor allem unter eigenen Versäumnissen. Sie haben zu lange auf das Geschäft mit Verbrennermotoren gesetzt und haben deswegen im wachsenden Elektromarkt mit stärkerer Konkurrenz – vor allem aus China – zu kämpfen.
Die steigenden Preise an der Zapfsäule drohen ihre Lage aus zweifacher Sicht zu verschärfen: Zum einen treiben sie die Inflation voraussichtlich nach oben und drücken damit auf die Kaufkraft und Kauflaune der Verbraucher*innen. Zum anderen machen sie den Energieverbrauch eines Verbrennerautos im Vergleich zu Elektroautos teurer. Nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes wurden hierzulande im März mehr E-Autos als Benziner neu zugelassen.
Konfrontatives Krisenmanagement
Um die Profite hochzuhalten, scheinen die Autobauer zunehmend die Prinzipien der Tarifpartnerschaft infrage zu stellen. Dies geht aus einer Studie hervor, die die beiden Forschenden Schmalz und Zierold für das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erstellt haben. Demnach fällt das derzeitige Krisenmanagement in der Branche sehr viel konfrontativer und konfliktiver aus als in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 oder der Coronakrise 2020.
„Auf eine sinkende Profitabilität im Sektor reagiert die Mehrzahl der Hersteller mit Stellenabbau und auch Werkschließungen, um Lohnkosten zu reduzieren und ihre Renditen zu steigern“, schreiben Schmalz und Zierold in ihrer Studie, für die sie das Krisenmanagement der Jahre 2024 und 2025 der 111 größten in Deutschland ansässigen Autobauer und Zulieferbetriebe auswerteten. In verschiedenen Fällen sei dabei auch ein Angriff auf existierende tarifliche Standards erfolgt, bei dem übertarifliche Zulagen reduziert oder vollständig abgeschafft werden.
Die IG Metall antwortete der Studie zufolge oftmals mit Streiks und Protesten, was in der Regel zu Zugeständnissen der Arbeitgeber führte. Schmalz und Zierold warnen, dass bei dieser „Konfliktpartnerschaft“ zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite „in den kommenden Jahren der Konflikt weiter in den Vordergrund und die Partnerschaft in den Hintergrund rücken könnte“. Dies bedeute für die IG Metall, dass weitere Abwehrkämpfe jenseits der großen Tarifrunden drohten.
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