Deutsch-ukranisches Theater in Köln: Hier bitte keine Leichen bestatten

Geschichte, Propaganda, Schweigen zwischen Russland, der Ukraine und Deutschland: Darum geht es in zwei deutsch-ukrainischen Theaterstücken in Köln.

Sechs Menschen liegen aufeinander

Szene aus „Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern“ am Schauspiel Köln Foto: Anna Lukenda

Wie sich Geschichte wiederholt: Im Video, projiziert auf ein erdfarbenes Tuch, steht ein ukrainischer Weizenbauer auf seinem Hof und erzählt nicht nur von seiner Familie, sondern auch von Kannibalismus und Kollektivsui­ziden. Im Jahr 1933 herrschte in der Ukraine eine von Stalin bewusst herbeigeführte Hungersnot, der schätzungsweise 3,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen: der Holodomor, ein historischer Massenmord. Wie kann das sein im Land mit der fruchtbaren schwarzen Erde?

Mit Soldatentrupps wurde das Getreide abtransportiert, um die Industrialisierung der UdSSR voranzutreiben – eine gruselige Parallele zu heutigen Hungerspielen von Putin. Am Schauspiel Köln wird sie in der Inszenierung „Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern“ besonders augenfällig: Am Schluss ertönt Luftalarm in dem Video, der Weizenbauer rast in den Schutzbunker, man hört Bomben fallen. Wer soll da die Ernte einholen?

Schauspielhaus Köln, “Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern“, wieder am 26. November 2022

Theater der Keller, Köln, “Putinprozess“, wieder am 3. + 4., 16. + 18. Dezember 2022

Das deutsch-ukrainische Stück des Theaterkollektivs Futur.3 am Schauspiel Köln verlässt sich in stark auf dokumentarische Fakten. Erst erzählen die drei deutschen und zwei ukrainischen Künstler jeweils von dem, was sie selber wissen: Während die Ukraine seit Jahren um die Anerkennung des Holodomors als Genozid ringt – Schauspieler Oleksii Dorychevskyi erzählt von stets präsenten Familienerinnerungen – ist der Holodomor in Deutschland kaum bekannt.

Dann werden Archivfotos projiziert: verhungerte Bauern am Wegesrand. Ein Park, auf dessen Eingang steht: Hier bitte keine Leichen bestatten. Weizensäcke, die aus Häusern getragen werden.

Auf den Bühnentüchern werden die Schauspieler immer wieder zu historischen Figuren: Eine Live-Kamera projiziert sie mit Namen und Hintergrundinfos auf die Tücher. Anja Jazeschann als Bäuerin Magda Hohmann erzählt in verzweifelten Briefen an den Bruder, wie sie Runkeln und Hunde isst. Stefko Hanushewsky als nach Köln emigrierter Sowjetschriftsteller und Propagandaoffizier Lew ­Kopelew verkündet glühend überzeugt, dass der neue sowjetische Mensch eben ein paar Opfer in Kauf nehmen muss. Es ist beeindruckend, wie hier mit historischen Dokumenten eine Bildungslücke geschlossen wird.

Bedrückend und pathetisch

Zudem machen die drei Mu­si­ke­r:in­nen Mariana Sadovska, Jörg Ritzenhoff und Yasia Sayenko, in leicht traditionell-ukrainische Gewänder gekleidet, den Abend zu einem grandiosen Klangerlebnis: Sie stimmen alte ukrainische Hymnen an, lassen in elektronischen Beats die gefühlte Not eskalieren. Das ist manchmal fast unerträglich pathetisch – und doch extrem bedrückend.

Und dann weitet sich die Perspektive zur Frage, wie willig sich westliche Länder sowjetischer Propaganda unterwarfen. Erzählt wird etwa, wie der irische Journalist Gareth Jones 1933 versuchte, die Welt zu informieren – und ausgerechnet vom Russland-Korrespondenten der New York Times niedergeschrieben wurde. Wenig später wurde Jones, wohl vom KGB, ermordet. Die russischen Propaganda-Truppen waren einst offenbar ähnlich effizient wie heute. Ein wichtiger Abend, der historische und poetische Tiefe in mediale Fakten bringt.

Die russischen Propaganda-Truppen waren einst offenbar ähnlich effizient wie heute

Eine Woche später im viel kleineren Theater der Keller, in einem Bühnenraum, der schon für sich wie ein Bunker wirkt, schreit schon der Stück-Titel nach Aufmerksamkeit: „Putin-Prozess“. Doch in der Inszenierung des ukrainischen Regisseurs Andriy May ist kein Tribunal zu erleben. Er beschäftigt sich vielmehr mit den totalitären Zügen in uns selbst und den biografisch so unterschiedlich geprägten Perspektiven auf den Krieg.

Surfen auf dem Meer der Meinungen

Zunächst ziehen sich die drei Schauspieler Neopren-Surfanzüge an, eine durchpeitschte Ozean-Landschaft erscheint auf der Videoleinwand: Auf diesem schwankendem Untergrund müssen sie jetzt surfen. Der Schauspieler Timo Ballenberger hat nur Bundesdeutsches zu berichten. Die Performerin und Sängerin Tetiana Zigura beginnt, Ballett zu tanzen (Choreografie: Viktor Ruban), auf dem Bildschirm wird dazu ein diszipliniertes Corps de Ballett mit einem marschierenden Soldatenbataillon parallelgeschaltet: Für die Präzision und Disziplin seiner alterslosen Zucht-Kunst ist Russland berühmt.

Ist hier schon eine Erklärung für die faschistische Unterwerfungsbereitschaft der russischen Gesellschaft zu finden? Gleichzeitig erzählt Zigura, wie sie bei Auftritten in China nie als Ukrainerin wahrgenommen wurde. Regisseur Andriy May selbst spricht davon, wie er vor wenigen Monaten nach Köln floh, mit kleinem Sohn und kranker Mutter, und der Taxifahrer, der ihn aus dem Land brachte, auf der Rückfahrt erschossen wurde.

Doch dieser Abend handelt nicht nur von Kriegserlebnissen, sondern vor allem davon, wie sich Prägungen in uns einschreiben. Wie ferngesteuert und lautlos schreiten die Performer durch die Stuhlreihen, gefangen in einer anderen Wirklichkeit.

Mal stellen sie ein Publikumsgespräch nach und simulieren ukrainisch-existenzielle und deutsch-kostenbesorgte Perspektiven auf den Krieg. Dann zeigen sie Szenen vom Missbrauch im Theater zwischen Regisseur und Darstellerin – Tetiana Zigura schreit wie eine Möwe – als sei es eine Anspielung auf Tschechow, der nun ebenfalls zur Geisel des russischen Imperialismus geworden ist.

Und irgendwann ist auch Putin selbst im Video zu sehen. Wie eine ferngesteuerte Monsterpuppe spricht er seine Kriegsrede vom 24. Februar, blutrot leuchten die menschenverachtenden Doppelbotschaften nach. Der Patriarch Kyrill faselt von Opferbereitschaft, eine Moderatorin vom Atomkrieg.

Wie dieser Grad der unglaublichen Perspektivverschiebung erreicht werden kann? Nur nicht zu lange drüber nachdenken, in glitzernden Liberty-Kostümen springen die Performer herein, raven weltvergessen im Namen der westlichen Freiheit, spiegeln uns, um gleich darauf hektisch Fakten zu verlesen – und den Nachrichtenoverkill dann wieder zu schlichten Papierfliegern zu verbasteln.

„Putin-Prozess“ erzählt davon, wie manipulierbar der Prozess unserer Menschwerdung ist, unsere Haltungen letztlich Zufälle sind. Am Ende bleibt das Bild der drei entrückten Surfer auf dem Meer der Meinungen zurück: Solange sie geschmeidig an der Oberfläche surfen, läuft alles glatt. Direkt darunter lauert der Untergang.

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