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Der zweite Fall von Jericho

Aus Jericho und Sebastia Felix Wellisch (Text und Fotos)

Als die Israeliten Jericho eroberten, soll laut der Bibel ein Wunder die Stadt zu Fall gebracht haben. Eine Woche umrundeten die Belagerer den schwer befestigten Ort am Jordan. Als die Priester am siebten Tag in ihre Widderhörner bliesen, sollen die Mauern zusammengestürzt sein. Das Volk Israel war nach der Flucht aus Ägypten im ihnen von Gott verheißenen Land Kanaan angekommen.

Viele Jahrhunderte später überfällt am 10. Februar 2026 eine Gruppe israelischer Siedler einen Vorort des heutigen Jericho. Die Dutzenden vermummten Angreifer sind kaum weniger religiös motiviert, kommen aber mit weltlicheren Methoden: mit einem Bulldozer und Schusswaffen. Sie seien wahrscheinlich aus dem israelischen Siedleraußenposten „Armonot Farm“ gekommen, sagt der Bewohner Ali Kaabne. Der 41-jährige Beduine steht vor den Trümmern seines Hauses, ein schwarzes Tuch um den Kopf geschlungen und deutet zu einer Ansammlung von Wohncontainern, die auf den sandgelben Berghängen über Jericho thront. Direkt daneben liegt eine Basis der israelischen Armee.

Kaabne, Vater von sechs Kindern, kann wenig unternehmen. Die 13 Familien im Viertel haben keine Waffen. Die israelische Armee und Polizei lassen die Notrufe der Anwohner unbeantwortet. Die palästinensischen Sicherheitskräfte wagen keine Konfrontation mit Siedlern.

Kaabne zeigt auf seinem Telefon Videos. Ein Bulldozer, der in ein Gebäude fährt. Nachbarn, die sich mit bloßen Händen den Angreifern in den Weg stellen. Acht Stunden lang zerstören die Siedler am hellichten Tag damals die einfachen Gebäude, die die Wege zwischen Dattelplantagen säumen. Die Wände von Kaabnes Haus klaffen bis heute offen wie ein Puppenhaus. Die israelische Armee erklärt auf Nachfrage, eine entsandte Patrouille habe Schäden an den Gebäuden festgestellt, aber „keine Verdächtigen in der Gegend“ gefunden.

Der Angriff ist kein Einzelfall. Fast täglich gibt es im Westjordanland solche Siedlerangriffe, immer wieder werden dabei Palästinenser getötet. Und doch ist in Jericho etwas anders. Worum es den Angreifern ging, ist von Kaabnes Schlafzimmer aus zu sehen. Durch die zerstörte Wand fällt der Blick jetzt nach Süden auf die nahen Ruinen des Winterpalastes von König Herodes, erbaut vor rund 2.000 Jahren. Als die Siedler am 10. Februar den Rückzug antreten, postet Israels Minister für Kulturerbe, Amichai Elijahu, ein vorab gefilmtes Video.

Darin steht der Politiker der nationalistisch-religiösen Partei „Jüdische Stärke“ breitbeinig auf der Palastruine und hisst eine israelische Flagge. Dazu kündigt er an: „Wir werden jeden Ort zerstören, der auf dem Erbe des jüdischen Volkes gebaut wurde. Er lässt wenig Zweifel, welche Rolle der archäologische Reichtum des Westjordanlandes für ihn spielt: „Wir werden diesen Ort jüdischer Geschichte der Öffentlichkeit zugänglich machen, um allen zu sagen: Das ist unser Land.“ Eine Anfrage zu einem Zusammenhang zwischen dem Video und dem Überfall der Siedler ließ das Ministerium unbeantwortet.

Während die Welt auf die Kriege in Iran und Libanon schaut, treibt Israel in nie gekanntem Tempo die Inbesitznahme des Westjordanlands voran. Auf eine offizielle Annexion verzichtet man in Jerusalem nur wegen deutlicher Warnungen der US-Regierung. Der vielfältige archäologische Reichtum droht dabei, zu einem Werkzeug der Verdrängung zu werden.

Damals wie heute war Jericho für seine milden Winter bekannt. Am Ausgang des Qelt-Tals, 200 Meter unter dem Meeresspiegel, bauten gleich mehrere Herrscher ihre Winterresidenzen. Quellen und Bäche aus den Bergen füllten große Schwimmbecken und ließen in der sonst trockenen Wüste Gärten und Dattelpalmen wachsen. Die Pools sind noch heute neben Kaabnes Haus zu sehen.

Für die Stadt Jericho, die sich selbst gerne als „älteste Stadt der Welt“ bezeichnet, stammen die Paläste eher aus der jüngeren Vergangenheit. Seit rund 12.000 Jahren ist das Gebiet mit einzelnen Unterbrechungen besiedelt. Über die Jahrtausende hinterließen Ägypter, Babylonier, Perser, Griechen und viele andere ihre Spuren. „Wenn wir nach der Logik des Ministers gehen würden, könnte Italien Anspruch auf halb Europa anmelden“, sagt Alon Arad. Der Archäologe und Leiter der NGO Emek Shaveh trägt ein Basecap und eine feine Brille und setzt sich gegen die Instrumentalisierung seines Faches für die israelische Siedlungspolitik ein.

Denn Minister Elijahu hat längst nicht nur Jericho im Auge: Archäologische Orte mit jüdischem Erbe würden zunehmend nach einem klaren Muster entwickelt, sagt Arad. Das Ministerium selbst spricht von „Ankerorten“. Dort würde dann nicht nur eine ausschließlich jüdische Geschichte erzählt, sondern auch die lokale Bevölkerung verdrängt.

Arad nennt das „touristische Siedlungen“, in Abgrenzung zu rund 250 völkerrechtlich illegalen israelischen Siedlungen. Umgerechnet rund 5,8 Millionen Euro habe Elijahu für die Entwicklung der Paläste in Jericho angekündigt. „Das wenigste davon fließt in archäologische Ausgrabungen“, sagt Arad. Die Mittel würden für Zufahrtsstraßen, Bushaltestellen, Souvenirshops und Sicherheitszäune ausgegeben.

Hypothesen und Bibelzitate statt Fakten

Ganz neu ist diese Instrumentalisierung von Archäologie nicht. Wie so ein Projekt am Ende aussieht, kann man bereits heute im archäologischen Park „Davidstadt“ in Jerusalem sehen. Südlich der heutigen Altstadt wird dort mitten im palästinensischen Viertel Silwan der historische Kern des antiken Jerusalem ausgegraben. Hunderttausenden Besuchern werden unter der Leitung der Siedlerorganisation Elad teils umstrittene Hypothesen über den jüdischen Kontext der freigelegten Orte als historische Fakten präsentiert, oft direkt mit biblischen Texten verknüpft. Nicht-jüdische Funde kommen hingegen kaum vor.

6.000 archäologisch relevante Orte im Westjordanland bedeuten, dass vielerorts Menschen auf historischen Stätten leben

Alon Arad, Archäologe

In Jericho stehe dieser Prozess am Anfang, sagt Arad, während er seinen Rollstuhl über die Schotterpiste zur Palastruine steuert. Bisher führt nur eine unbefestigte Straße durch palästinensisch kontrolliertes Gebiet hierher. Zwei Monate nach dem Überfall beschlagnahmte die israelische Armee eine Zufahrtstrecke durch israelisch kontrolliertes Gebiet. „Das System hat die Arbeit aufgenommen“, sagt der Archäologe.

Die Siedler setzten die palästinensische Bevölkerung unter Druck. Die Armee beschlagnahme Land mit Verweis auf die Sicherheitslage – und das Ministerium schaffe mit der Erschließung von Infrastruktur langfristig Fakten vor Ort. „Die verschiedenen Ebenen greifen perfekt ineinander“, sagt Arad.

Seit 1967 steht das Westjordanland unter israelischer Besatzung. Die Oslo-Abkommen in den 1990er Jahren sollten einen Weg zu einem palästinensischen Staat ebnen und teilten das Gebiet in Zone A, mit Kontrolle durch die Palästinensische Autononmiebehörde, Zone B mit palästinensischer Verwaltung und geteilter Sicherheitskontrolle und Zone C, die unter israelischer Kontrolle ist.

Letztere Zone macht rund 60 Prozent des Westjordanlands aus. Um das Bild einer Militärverwaltung loszuwerden, schuf Israel bereits zuvor die sogenannte Zivilverwaltung, die de facto aber bis heute dem Verteidigungsministerium untersteht. Die Überführung von immer mehr Aspekten des Lebens im Westjordanland in zivile Strukturen wird von der Siedlerbewegung und mehreren israelischen Ministern vorangetrieben.

Der Schritt zerstört auch eine weitere Regelung der Oslo-Abkommen: Damals wurden die Hasmonäischen Paläste ausdrücklich als einer von zwölf archäologischen Orte mit historischer Bedeutung für Israel benannt, die künftig der Palästinensischen Autonomiebehörde unterstellt werden sollten. Für Israelis war ein Besuchsrecht vorgesehen. Online finden sich zahlreiche aktuelle Fotos jüdischer Besuchergruppen vor Ort.

Minister Elijahu spricht vom „Oslo-Verbrechen“

Minister Elijahu spricht in seinem Video dennoch vom „Oslo-Verbrechen“. In Siedlerkreisen werden seit Jahren Gerüchte gestreut, Palästinenser würden jüdisches Kulturerbe zerstören.

Der Archäologe Arad bedauert zwar, dass die Hasmonäischen Paläste kaum für die Öffentlichkeit erschossen sind, sieht aber keine Hinweise auf Beschädigung. „Sie stehen seit Jahrzehnten unter palästinensischer Kontrolle, ohne dass sich an ihrem Zustand viel verändert hat.“ Die Häuser im Umkreis stünden sehr wahrscheinlich auf weiteren archäologischen Überresten. Die einfachen und ohne tiefe Fundamente errichteten Häuser würden diesen aber kaum Schaden zufügen, schätzt Arad.

Schaden an historischen Stätten richten hingegen zum Teil die Siedler selbst an: Jüngst fluteten israelische Aktivisten ein bis zu 2.000 Jahre altes Wasserreservoir nördlich von Jericho und erklärten es unter dem Namen „Herodes Schwimmbecken“ und mit Dank an Minister Elijahu zu einer Touristenattraktion. Das Wasser dafür entnahmen sie laut einem Bericht der Zeitung Haaretz mutmaßlich der Wasserversorgung eines benachbarten palästinensischen Dorfes. Finanzminister Bezalel Smotrich will das Projekt mit rund 900.000 Euro unterstützen.

„6.000 archäologisch relevante Orte im Westjordanland bedeuten, dass vielerorts Menschen auf historischen Stätten leben“, sagt Arad. Wer deren Schutz über alles stelle, dürfte gar nichts mehr bauen. Stattdessen sei es Aufgabe des israelischen Stabsoffiziers für Archäologie, den Schutz der Altertümer mit den Bedürfnissen der Bewohner zu vereinbaren. Iraelische NGOs wie Peace Now sprechen von einer mehr als 95-prozentigen Ablehnungsrate für Baugenehmigungen von Palästinensern in C-Gebieten durch die israelische Verwaltung. Von einem Interessenausgleich kann also keine Rede sein.

Auch die Kaabnes hatten vor 20 Jahren kaum eine andere Wahl, als ihre Häuser ohne Genehmigung zu errichten. Von israelischen Soldaten waren sie aus ihrem vorherigen Zuhause in Chan Al-Achmar an der Straße nach Jerusalem vertrieben worden.

Die biblischen Narrative der Siedler sind in den Augen von Bürgermeister Mohammad Azam vor allem politische Erzählungen

Trotzdem hätten sie hier in Ruhe gelebt, sagt Kaabne. Bis vor rund eineinhalb Jahren mit dem Außenposten auf dem Hügel die Siedler kamen. „Erst kamen sie mit ihren Schafen zu unseren Häusern und Gärten“, sagt Kaabne. Es folgen Diebstähle: ein Traktor, Schafe und Ziegen. Im Januar hätten sie seinen Bruder gefesselt und ihm eine Rippe gebrochen. Die Beschwerden bei der israelischen Polizei seien im Sande verlaufen. Der Außenposten auf dem Hügel hingegen wurde Anfang April als Siedlung Daya nach israelischem Recht legalisiert.

Israelische Flaggen säumen den Weg ab Jericho

Fährt man aus Jericho nach Nordwesten, ist der Weg gesäumt mit israelischen Flaggen. Die arabischen Beschilderungen wurden vielerorts übermalt. Auf zahlreichen Hügelkuppen thronen neue Wohncontainer von Siedlern. Rund 50 Kilometer von Jericho entfernt liegt das palästinensische Dorf Sebastia, das einen ähnlichen Prozess der archäologischen Enteignung bereits seit etwa drei Jahren durchmacht.

Neben Sebastia liegen die Ruinen einer antiken Stadt, ebenfalls einer der zwölf archäologischen Orte aus den Oslo-Abkommen. Als Hauptstadt des nördlichen Königreichs Israel um 800 v. Chr. hat sie symbolischen Wert. Sie hat der Region unter anderem den biblischen Namen gegeben, den die Siedler nutzen: Samaria.

Auf dem Hügel neben dem Dorf findet sich ein historischer Schatz neben dem anderen: Reste von Palästen des israelischen Nordreiches. Spuren von Assyrern, Babyloniern. Alexander der Große zerstörte den Ort nach einem Aufstand und baute ihn als hellenistische Militärsiedlung wieder auf. König Herodes machte ihn später zu einer römischen Stadt. Bis heute zeugen davon ein Amphitheater und ein Tempel zu Ehren des römischen Kaisers Augustus.

Bürgermeister Mohammad Azem wartet am Römischen Forum. Er trägt ein weißes Hemd und Schnurrbart. Eine gigantische Palästinenserflagge weht über den Säulenreihen. Die Restaurants ringsum sind geschlossen, die Straßen ausgestorben.

Enteignet im Namen der Archäologie

Im Mai 2023 kündigte die israelische Regierung an, umgerechnet 9,3 Millionen Euro für die „Restaurierung und Entwicklung“ der Stätte bereitzustellen. Im Juli 2024 besetzte die Armee den Gipfel des Tel Sebastia, wo die meisten Funde liegen. Die Begründung: Sicherheitsbedenken. Am 19. November 2025 beschlagnahmte die israelische „Zivilverwaltung“ rund 180 Hektar Land. Es war die größte Enteignung im Namen der Archäologie im Westjordanland bis dato.

„Der Hügel jenseits des Forums ist für uns jetzt gesperrt“, sagt Azem. Sechs Familien hätten ihre Häuser verlassen. Einer der Mitarbeiter des Bürgermeisters, Dschihad Ghasal, sagt, er könne nicht mehr zu den 300 Olivenbäumen seiner Familie gehen. Der Bauer Nihad Abu Abadi fürchtet, sein Haus abreißen zu müssen.

„Das trifft den Tourismus und die Landwirtschaft, aber auch die historische Zusammengehörigkeit“, sagt Azem. Man könne die archäologischen Stätten innerhalb des Dorfes nicht von jenen im beschlagnahmten Gebiet trennen. Im Dorf Sebastia stehen Überreste aus byzantinischer Zeit sowie eine ehemalige Kreuzfahrerkirche, die heute eine Moschee ist. Der geplante archäologische Park wäre vom Dorf durch Zäune getrennt.

Ginge es nach den Siedlern, würde an Orten wie Jericho und Sebastia die israelische Altertumsbehörde (IAA) als zivile Behörde die Kontrolle vor Ort übernehmen. Nicht zuletzt zeigt die Verwaltung durch Militärs nämlich auch, dass das Westjordanland zumindest offiziell kein Teil von Israel ist. Doch IAA-Chef Eli Escusido soll eine stärkere Rolle seiner Behörde im Westjordanland gegenüber Minister Elijahu abgelehnt haben.

Allerdings endet Escusidos Amtszeit im August. Und der Minister wollte mit Esther Schreiber bereits eine religiöse Siedlerin als Nachfolgerin ernennen. Ein Prüfungsausschuss erklärte ihre Nominierung vergangene Woche aber für ungültig. Ihr fehlten die gesetzlichen Mindestvoraussetzungen. Schreiber soll zudem laut Medienberichten ihren Lebenslauf massiv geschönt haben. Doch dass ein Siedler bald die IAA-Leitung übernehmen wird, gilt als wahrscheinlich.

Vom römischen Forum führt der Weg ein paar Hundert Meter zur Nabi Yahia Moschee, benannt nach Johannes dem Täufer, der hier beerdigt sein soll. Der jüdische Prediger ist Christen wie Muslimen heilig.

Er sei nicht religiös, sagt Azem, während er im Innenhof der Moschee den Zugang zum Grab aufschließt. „Meiner Meinung nach teilen alle Religionen dieselbe Grundlage.“ Die biblische Geschichte von Noah etwa tauche schon im Gilgamesch-Epos aus Mesopotamien auf, einschließlich der Erzählung von der Arche.

Über eine schmale Treppe geht es in eine tiefe Gruft. Vor den Grabnischen im Fels sagt Azem, der Großteil der palästinensischen Bevölkerung habe seit der Antike hier gelebt und im Laufe der Zeit viele Religionen übernommen: vom Baal-Kult über das Judentum, Christentum und den Islam. Forschungen haben ergeben, dass die engsten genetischen Verwandten der Misrachim – also der jüdischen Israelis mit Wurzeln in Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas – Drusen, Beduinen und Palästinenser sind.

Die biblischen Narrative der Siedler seien in seinen Augen vor allem politische Erzählungen, die den eigenen Anspruch auf das Land rechtfertigen sollen. Versöhnlich klingt aber auch Azem nicht: Er respektiere die Abkommen, die Palästinenserführer mit Israel geschlossen haben. Eigentlich aber stehe das Land zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer den Palästinensern zu. Und doch möchte man vor allem gerne seine Worte in der kühlen Grabesluft nachhallen lassen: Dass Israelis und Palästinenser wahrscheinlich mehr gemeinsame Wurzeln haben, als vielen auf beiden Seiten lieb ist.

Mitarbeit: Abed Qusini

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