„Der Nachwendekindertalk“ : Abgegrenzt und ausgeliefert
Chipi kritisiert das Verhalten der Bundesregierung im Fall Maja T. Marie fragt sich: Prägt ihre Westidentität ihre Beziehungen?
In der neuen Folge Mauerecho – Der Nachwendekindertalk sprechen Marie und Chipi über die zunehmende Unverbindlichkeit in Freundschaften, die mehr und mehr in sozialen und klassischen Medien diskutiert wird. Gibt es Ost-West-Unterschiede bei diesem Thema? Und was hat eigentlich der Kapitalismus mit unseren Beziehungen zu tun? Außerdem geht es um Maja T. Maja T., ein*e nicht-binär*e Aktivist*in, soll 2023 beim Szeneaufmarsch „Tag der Ehre“ in Budapest Angriffe auf Rechtsextreme verübt haben. Seit einem Jahr sitzt Maja T. in Isolationshaft. Seit vier Wochen ist Maja T. außerdem im Hungerstreik. Wie ist das Verhalten der Bundesregierung in diesem Fall zu bewerten?
Im ersten Teil des Podcasts geht es um Freundschaft und den Diskurs um Me-Time und soziale Verpflichtungen auf Social Media. Zunehmend sei in Freundschaften eine Tendenz zum „erwartungslosen Egoismus“ zu beobachten, schreibt Yasmine M’Barek in der Zeit. Es gehe darum, Grenzen zu setzen, Me-Time zu nehmen und Verantwortung auch mal abzugeben – im Namen der eigenen Selbstfürsorge. Doch wann kippt die Selbstfürsorge in Egoismus? Immerhin kommen Beziehungen nicht ohne eine gewisse Abhängigkeit voneinander aus, eine komplette Abgrenzung ist also ohnehin nicht möglich.
Chipi meint: Wir wollen zwar Verbindungen mit anderen Menschen, in unserem neoliberalen, kapitalistischen Egoismus wollen wir für diese aber nicht sorgen und keine Arbeit in sie reinstecken. „Das ist auch eine sehr ökonomische Betrachtungsweise von Beziehungen“, ergänzt Marie. „Es gibt eine Kosten-Nutzen-Rechnung.“ Das habe aber vielleicht nicht nur etwas mit Eigennutz zu tun, sondern sei auch eine strukturelle Folge einer immer prekärer werdenden Arbeitswelt.
Gibt es in Beziehungen unterschiedliche Prägungen, je nachdem, ob man aus dem Osten oder aus dem Westen kommt? Chipi sagt: „Im Sozialismus gab es ein anderes Gemeinschaftsgefühl, weil du automatisch in einem Dorf sozialisiert wurdest und aufgewachsen bist.“ Doch Marie fügt an, dass es auch im Westen – gerade durch Religionsgemeinschaften wie dem Katholizismus – eine solche Prägung gab, die jedoch zunehmend an Bedeutung verlor. Wissenschaftliche Studien hätten schon in den 90ern ergeben, dass die Individualisierung im Westen weiter fortgeschritten sei.
Ein Generationsunterschied?
Ist das sich verändernde Gemeinschaftsgefühl also eher ein Generationenunterschied? Heute scheint es kaum Unterschiede zwischen „Ossis“ und „Wessis“ zu geben, stellen Marie und Chipi mit Blick auf ihre Freundschaften fest. Marie fragt sich, ob es nicht auch eine Verklärung ist, dass Menschen früher bessere Beziehungen geführt haben. In anderen Kulturkreisen sei auch heute noch festzustellen, dass der Sinn für Gemeinschaft eine größere Rolle spielt, sagt Chipi. Beide plädieren dafür: Steckt wieder mehr Arbeit in eure Freundschaften!
Im zweiten Teil des Nachwendekindertalks sprechen Marie und Chipi über Maja T. Nachdem Maja T. in Deutschland infolge eines europäischen Haftbefehls gefasst worden war, wurde der*die Aktivist*in nach Ungarn ausgeliefert, was im Nachhinein vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig eingestuft wurde. Die Haftbedingungen, gerade für eine queere Person, seien nicht ausreichend geprüft worden. Ohnehin hätte man schon im Vorhinein infrage stellen können, ob in Ungarn unter der rechtsautoritären Regierung von Viktor Orbán die Rechtsstaatlichkeit in einem solchen Fall wirklich gegeben ist, findet Marie. „Es ist ein Versagen der Institutionen, die daran beteiligt waren, dass die Auslieferung stattfindet.“ Gerade weil in einer Demokratie die Rechtsstaatlichkeit verteidigt werden sollte.
Dennis Chiponda
In dem Budapest-Komplex sind außerdem sechs weitere Personen angeklagt. Fünf Personen haben eine deutsche Staatsbürgerschaft, der sechste Angeklagte, Zaid A., nur einen deutschen Aufenthaltstitel. Obwohl Auslieferungen nach Ungarn als rechtswidrig eingestuft werden, könnte sie ihm dennoch drohen, weil er die syrische Staatsbürgerschaft hat. Das zeigt Chipi zufolge: „Wir sind nicht gleich vor dem Gesetz.“ Gerade als POC fühle er sich dadurch bedroht.
In Deutschland sollte es jedoch auch zu denken geben, dass sich selbst Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni von der postfaschistischen Fratelli d’Italia gegen Auslieferungen an Ungarn einsetzt. Auf EU-Ebene wünscht sich Chipi endlich härtere Sanktionen gegen Ungarn. Die EU halte Werte wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gegenüber anderen Teilen der Erde hoch, versage aber letztendlich darin, sie in Europa wirklich umzusetzen.
Was können Menschen tun, um Maja T. zu unterstützen? Marie meint, dass der Fall gerade auch von der Öffentlichkeit lebe, die ihm zuteilwird. Chipi fordert die Zuhörer*innen auf, Briefe an ihre Abgeordneten zu schreiben und den öffentlichen Druck aufrechtzuerhalten.
Damit verabschieden sich Marie und Chipi in die Sommerpause. Die nächste Folge Mauerecho erscheint am dritten August.
„Mauerecho – Ost trifft West“ ist ein Podcast der taz Panter Stiftung. Er erscheint jede Woche Sonntag auf taz.de/mauerecho sowie überall, wo es Podcasts gibt. Besonderen Dank gilt unserem Tonmeister Daniel Fromm.
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