Der Hausbesuch: Sie beschreibt sich als Chamäleon

Alina Gromova wuchs in der Ukraine auf. Als Jugendliche wollte sie nach Israel auswandern, dann nahm ihr Vater sie mit nach Deutschland.

Alina Gramova in ihrer Küche

Alina Gromovas Wohnung war mal eine Druckerei. In der Kiste auf dem Regal liegen Briefe von früher Foto: Wolfgang Borrs

Alina Gromova spricht von Räumen, die sich auftun, wenn Menschen sich begegnen. Zu Besuch bei einer Ethnologin, die bei ihrer Forschung immer wieder auf sich selber stößt.

Draußen: Verkehrslärm, Spätis, Imbisse. Eine wuselige Ecke in Berlin-Kreuzberg unweit des Görlitzer Parks. Den nennt Gromova ihren „erweiterten Hinterhof“. Ihre Tochter Elisha fährt dort gern mit ihren Inline-Skates. Es sei ein Ort, an dem viele Menschen aufeinandertreffen und sich doch nicht begegnen.

Drinnen: Sie wohnt in einem Hinterhaus, einer ehemaligen Druckerei. Wohnzimmer und Wohnküche bilden ein großes Zimmer mit Bücherregalen. Darin hebräische und jiddische Bücher, die ihr ein Kollege aus Melbourne vermachte. Neben einem Globus steht eine silberne Kiste mit „Jugendbriefen“. Die hat Gromova sich mit ihren Freundinnen und Freunden zwischen der Ukraine und Israel hin- und hergeschickt.

Fernweh: In der Ukraine ist sie 1980 geboren, aufgewachsen in der Stadt Dnipropetrowsk. „Es war eine sehr schöne Kindheit. Unser Haus stand am Rande vom Park.“ Sie spricht von viel Platz, Bewegung, Wasser und breiten Straßen. „Trotzdem habe ich mir immer gewünscht, über die Grenze zu schauen.“ Sie hegte früh den Wunsch, die Welt zu erkunden, „weiter zu fahren als bis nach Moskau“.

Vorbilder: „Im Sommer bin ich immer ans Asowsche Meer gefahren“, erzählt Gromova. Dort sei sie „in einem Haus voller Frauen aufgewachsen“, bei der Familie der Mutter. Es waren Händlerinnen, die in der Sowjetunion viel auf Reisen waren, um Waren zu kaufen. Manchmal fuhr Gromova mit. Um Geld zu verdienen, hätten sich die Frauen immer etwas Neues einfallen lassen müssen.

Verlust: Ihre Mutter starb, als sie fünf Jahre alt war. In Dnipropetrowsk lebte Gromova fortan zusammen mit der neuen Familie des Vaters. Sie spricht von einer „Großfamilie“ aus Angehörigen, Nachbarinnen und Nachbarn. Das Verständnis von Familie sei in der Ukraine ein anderes. „Zu Cousinen sagen wir auch Schwestern“, sagt Gromova, um zu verdeutlichen, wie nah man sich stand.

Religion: In der Familie sei das Judentum sehr präsent gewesen. „Ich sage manchmal soziales Judentum dazu.“ Gromovas Vater ist Jude, aber „überhaupt nicht gläubig“. Als Religion durfte das Judentum in der Sowjetunion nicht existieren. „Man konnte die Religion nur im Geheimen leben.“ Die Familie habe dennoch jüdische Feste gefeiert. Sie erinnert sich an Matzen an Pessach und Granatäpfel zu Rosch Haschana. „Wir haben nie ausdrücklich darüber gesprochen, dass wir Juden sind, aber wir haben das selbstverständlich gelebt.“

Eine Entscheidung: Das Judentum war nicht die einzige Religion in ihrem Umfeld. Ihre Großmutter mütterlicherseits war russisch-orthodox und nahm sie manchmal mit in die Kirche. Aber Gromova entschied sich für das Judentum. Mit dem Christentum habe sie wenig anfangen können. „Die Dreieinigkeit und die Geschichte von Jesus hat mich immer irritiert.“

Begeisterung: Als Jugendliche wurde für Gromova das Judentum sichtbarer – auch außerhalb der schützenden Wände der Familie. Mit dem Zerfall der Sowjetunion kamen jüdische Organisationen aus dem Ausland in die Stadt. „Wir haben jiddische Musik gehört und dazu getanzt.“ Es sei „ungewohnt“ gewesen und „schön“. Sie lernte in einem jüdischen Zentrum Hebräisch, wollte Neues erfahren.Sie wollte „alles aufsaugen“, wie ein „Schwamm“.

Ein Traum: Eine Freundin fragte die damals zwölfjährige Gromova: „Weißt du, dass Juden jetzt nach Israel gehen können?“ Möglich wurde das durch ein Programm der Jewish Agency for Israel. Für Gromova wurde das zu einem Traum. Sie sah es als „Möglichkeit, rauszukommen“. Sie war noch zu jung, um am Programm teilzunehmen. Aber ihr war klar: Das wird nicht ewig so bleiben.

Israel: „Mit 16 war ich dann in Israel“, erzählt Gromova. Sie lebte in einem Internat. „Ein tolles Jahr.“ Sie habe das Gefühl gehabt, „gewünscht“ zu sein und das Judentum nicht mehr bloß in Nischen suchen zu müssen.

Abhängigkeit: Doch dann ein Schock: Ihr Vater und seine Frau beschlossen, aus der Ukraine auszuwandern. Als sogenannte Kontingentflüchtlinge wollten sie nach Deutschland. Bedingung für die Auswanderung war, „dass sie alle ihre minderjährigen Kinder mitnehmen“. Die damals 17-Jährige musste mit. „Ich habe mich sehr gesträubt dagegen.“

Tränen: Gromova dachte daran, sich von jemandem adoptieren zu lassen oder zu heiraten. Ein Freund habe sich das mit der Heirat tatsächlich überlegt. Aber er wollte nicht „den Stempel ‚geschieden‘“ haben. „Mit Tränen“ brachten ihre jüdischen Freundinnen und Freunde sie zum Zug. Sie planten, sich alle wiederzutreffen – in Israel.

Die Farbe wechseln: Doch in Deutschland kam dann die Neugierde, „der Wunsch, mich hineinzuvertiefen“. Gromova wollte verstehen, wie die Gesellschaft funktioniert. Sie beschreibt sich selbst als Chamäleon. „Ich tauche in die Umgebung um mich herum ganz schnell ein und lasse mich darauf ein.“ Wieder wollte sie alles aufsaugen und unbedingt Deutsch lernen. „Wenn ich die Chance habe, ergreife ich sie.“

Ein mit Davidstern verzierter Kerzenständer

„Wir haben in der Familie nie ausdrücklich darüber gesprochen, dass wir Juden sind“ Foto: Wolfgang Borrs

Ankunft: Die Familie kam zuerst nach Köln, lebte dort anfangs in einer ehemaligen Kaserne, Hausnummer: null. Zu fünft in einem Zimmer, „nachdem ich mit meiner Familie schon lange nicht mehr zusammengelebt habe.“ Die Schwester des Vaters wollte, „dass ich aufs Gymnasium komme“. Mit ihrem schlechten Deutsch war das schwierig. Doch zusammen mit der Tante setzte sie sich durch. Nach dem Abitur studierte sie Englisch und Rechtswissenschaft. „Jura war dann aber doch nichts für mich.“

Gemeinschaft: Kontakt zur jüdischen Gemeinschaft hatte sie zunächst kaum. In Köln gab es zwar eine Synagoge. Da aber nur ihr Vater Jude war, ihre Mutter nicht, durfte sie dort kein Mitglied werden. Das Judentum vererbt sich über die mütterliche Linie, in orthodoxen Gruppierungen wird das streng gehandhabt. Deshalb suchte Gromova außerhalb der Gemeinde nach Möglichkeiten, mit anderen Jüdinnen und Juden in Verbindung zu kommen. „Dann fiel die Entscheidung, Jüdische Studien zu studieren“, in Berlin.

Orte: In Berlin wurde Gromova schnell Teil jüdischer Netzwerke. „Weil sich Berlin durch die Heterogenität des jüdischen Lebens auszeichnet“, sagt sie. Die jüdischen Räume entstanden oft jenseits von Synagogen. Gromova erzählt: „Man traf sich zu Hause, man traf sich in Cafés.“

Kinder: Während sie sich als junge Erwachsene eher intellektuell mit dem Judentum auseinandersetzte, kam die religiöse Annäherung mit der Geburt ihrer beiden Kinder. Gromova begann, eine Synagoge zu besuchen, feierte mit ihren Kindern jüdische Feste. Sie habe das Bedürfnis verspürt, mit ihren Kindern „das zu leben, was ich als Kind miterlebt habe“.

Blick ins Bücherregal, in dem eine Menorah steht

Seit sie Kinder hat, ist ihre Beziehung zum Judentum emotionaler Foto: Wolfgang Borrs

Museum: Studiert hat Gromova in Potsdam und Berlin. Und auch ein paar Monate in Melbourne, weil dort eine große jiddischsprachige Community lebt. Dort lernte sie intensiv Jiddisch und arbeitete in einem Museum, das die jüdische Community gegründet hatte.

Gegenwart: Nach dem Studium entschied sich Gromova, zu promovieren. „Ich hatte zwei tolle Vorbilder“, zwei Frauen, „die sich beide mit jüdischer Geschichte auseinandergesetzt haben“. Sie ermutigten sie. Doch Gromovas Projekt ging um das jüdische Leben der Gegenwart. „In Deutschland gab es eigentlich niemanden an der Uni, der sich mit gegen­wärtigem jüdischen Leben beschäftigte.“ Einen Betreuer fand sie schließlich in der Europäischen Ethnologie.

Identität: Gromova hat für ihre Arbeit „Generation ‚koscher light‘“ jüdische Räume in Berlin erschlossen und dazu mit russischsprachigen Jüdinnen und Juden Interviews geführt. „Ich wollte die ganze Stadt unter die Lupe nehmen.“ Ein jüdischer Raum könne prinzipiell an jedem Ort entstehen. Entscheidend sei, dass dort jüdische Identität verhandelt werde. Trotzdem arbeitet sie heute in einer Institution: dem Jüdischen Museum. Während sie früher von außen die jüdischen Innenräume gesucht hat, erschließt sie sich jetzt von innen die Außenräume.

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