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Der Goldene Bär der FilmfestspieleDer Glanz der Bären

Schon 1932 schuf die Bildhauerin Renée Sintenis eine kleine Bärenskulptur. Nach dem Krieg wurde sie zum Symbol von West-Berlin – und der Berlinale.

Die Berlinale-Bären, hier stehen sie noch in der Berliner Bildgießerei Noack Foto: Britta Pedersen/dpa

Jetzt ist sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. 1931 als erste Bildhauerin (und als zweite Frau nach Käthe Kollwitz) in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen, liegt nicht nur die Berliner Kunstwelt Renée Sintenis zu Füßen. Sammler aus aller Welt haben ihre Plastiken erworben. Ihre Werke werden in der Berliner Nationalgalerie ausgestellt, in der Wiener Staatsgalerie, in New York, Paris und Rotterdam.

Und dann, ein Jahr später, schafft sie dieses kleine Kunstwerk, auf das sie heute so gerne – und natürlich zu Unrecht – reduziert wird.

Nur 13,5 Zentimeter hoch ist ihr „Junger Bär“ von 1932, gegossen aus Bronze von der Eisengießerei Noack. Etwas tapsig wirkt er, wie er da in der Hocke balanciert, mit den Pfoten rudernd, als müsse er das Gleichgewicht bewahren. Nichts Heldenhaftes geht von diesem kleinen Bären aus, auch nichts Bedrohliches.

Nichts Heldenhaftes geht von diesem kleinen Bären aus, auch nichts Bedrohliches

Vielleicht ist er gerade deshalb zum Symbol geworden. Für die Freiheit des nach dem Krieg vom Rest der Bundesrepublik abgeschnittenen West-Berlin. Und für das wichtigste Filmfestival der Stadt. 1960 wurde aus dem „Jungen Bär“ der „Goldene Bär“, der Hauptpreis der Berlinale, die in diesem Februar zum 76. Mal stattfindet.

Ikone der wilden Zwanziger

Schon in den Zwanziger Jahren umgab Renée Sintenis eine Aura. Als 1927 das erste Buch über sie erscheint, schwärmt der Kritiker Hans Siemsen: „Alle Achtung! So eine Frau gibt es wohl nicht alle Tage. So einen Menschen und Künstler auch nicht. In Deutschland nicht – und in der ganzen Welt nicht.“

Renée Sintenis, die großgewachsene Künstlerin mit den markanten Zügen und dem Bubikopf, hat Eindruck hinterlassen. Bei Joachim Ringelnatz, dem sie eng verbunden war, bei ihrem Galeristen Alfred Flechtheim, der ihren Ruhm mehrte (und ihr Einkommen), bei misogynen Kritikern wie Karl Scheffler, der über Sintenis schrieb: „Es ist hübsch, wenn Frauen so viel können und so wenig Wesen davon machen.“

Auch die Journalistin und Autorin Silke Kettelhage ist von der 1888 in Schlesien geborenen Sintenis fasziniert, deren Familie 1905 nach Berlin zieht, wo der Saum der Röcke „etwas höher ist als in der Provinz“ und die Frauen „endlich das Maß ihrer Schritte ein wenig verlängern“ können. So schreibt es Kettelhage in ihrer lesenswerten Biografie „Renée Sintenis. Berlin, Bohème und Ringelnatz“.

Renée Sintenis 1927. Es ist das Jahr, in dem sie sich einen Sportwagen kauft Foto: E. O. Hoppe/hulton archiv/getty images

In den Archiven der Akademie der Künste und des Kolbe-Museums hat Kettelhage Sintenis’ Korrespondenz gesichtet, was es ihr erlaubt, die Künstlerin an vielen Stellen für sich selbst sprechen zu lassen. Auch über ihren künstlerischen Werdegang: „Bilder fand ich scheußlich. Da ich die Malerei so ablehnte, ja beinahe hasste, so blieb mir, wie es schien, nur die Bildhauerei übrig.“

Berlin, das war für die damals 17-Jährige nicht nur ein Ort, an dem sie mit ihrer Größe von 1,80 Metern etwas schneller ausschreiten konnte. In Berlin konnte sie sich auch neu erfinden. Bereits bei der Aufnahme in die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums änderte sie ihren Namen. Aus Renate Alice wurde die androgyne Renée.

Erfolg mit kleinen Tieren

Ihre ersten Erfolge als Bildhauerin feierte Renée Sintenis bereits im Ersten Weltkrieg. Es waren vor allem die kleinen, handschmeichlerischen Tierplastiken, die das Publikum begeisterte. „Junges Reh“ nannte sie sie, „Kniehendes Reh“, „Fohlen“, „Liegende Gazellen“.

„Tiere, in mehreren Auflagen gegossen, sind ein ideales Geschenk“, schreibt Biografin Kettelhage. „Auf manch einem großbürgerlichen Kaminsims, auf den Schreibtischen der Mächtigen, aber auch in den Kinderzimmern der Luxusvillen steht der Streichelzoo der Sintenis.“

Aber auch mythischen Themen aus den „Metamorphosen“ von Ovid widmet sich Sintenis. „Ihre Daphne entzieht sich der männlichen Verfolgung wie mit einem lauten Schrei, der den gesamten Körper durchdringt“, schreibt Kettelhage. Der Lorbeerbaum, in den sie sich verwandelt, sei „ein Sinnbild der Angst vor der geschlechtlichen, vor der drängenden männlichen Liebe“.

Renée Sintenis ist bald nicht nur die erste Frau an der Akademie der Künste. Schon zuvor war sie – das war 1927 – Besitzerin eines Sportwagens. Kettelhage: „Sie ist gefesselt vom Geruch nach Öl und Benzin, das Autoinnere erforscht sie wie die Medizinstudenten den menschlichen Körper in der Pathologie.“

Überleben als Halbjüdin

1934 muss Renée Sintenis die Akademie der Künste wieder verlassen. Als Halbjüdin ist sie aber vorerst durch ihre Ehe mit dem 13 Jahre älteren Maler und Illustrator Emil Rudolf Weiß geschützt. Als Weiß 1942 stirbt, stürzt sie in eine tiefe Krise. Nicht nur die Bombenangriffe fürchtet sie, sondern auch ihre Nachbarn: „Ich wage mich morgens nicht aus dem Bett heraus aus Panik vor dem Tage – aber die Schnüffelei jetzt, das ins Hauskommen der fremden Leute zur Nachfrage und Kontrolle, das ist furchtbar.“

Ausgebombt überlebt Renée Sintenis in Schöneberg, ihre meisten Gussformen gehen verloren. Als sie 1955 wieder an die Akademie der Künste berufen wird, haben sie ihre Kräfte bereits verlassen. Ein halbes Jahr nach ihrer Berufung wird sie emeritiert.

Die Schnüffelei jetzt, das ins Hauskommen der fremden Leute zur Nachfrage und Kontrolle, das ist furchtbar

Renée Sintenis 1943

Renée Sintenis hält sich mit einigen Aufträgen über Wasser. Zu denen gehört auch 1956 die Bitte der Berliner Filmfestspiele, ihren „Jungen Bären“ von 1932 zu überarbeiten, der längst zum „Sintenis-Bär“ geworden ist. Vier Jahre später wird die veränderte Figur, die nun aus der Hocke kommt, aber immer noch tapsig mit den Pfoten rudert, zum ersten Mal als Goldener und Silberner Bär bei der Berlinale vergeben.

Bereits zuvor wird am damaligen Grenzpunkt Dreilinden anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahr 1958 der erste „Autobahnbär“ eingeweiht. 1,60 groß ist dieser, steht auf einem Sockel und soll mahnen, dass die Teilung Deutschlands nicht das letzte Wort der Geschichte ist. Deshalb stehen die „Autobahnbären“ auch in Westdeutschland, in München zum Beispiel an der Auffahrt zur A9 Richtung Berlin. Aber auch auf dem Ernst-Reuter-Platz wird 1960 ein Bär aufgestellt, im Beisein von Willy Brandt.

Einweihung der Bärenskulptur 1960 auf dem Ernst-Reuter-Platz mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt Foto: Horstmüller/imago

Renée Sintenis stirbt am 22. April 1965 in Berlin. Ihre Bären haben sie überlebt. Für die Berlinale werden der Goldene und Silberne Bär jedes Jahr neu gegossen. Wie seit eh und je von der Kunstgießerei Noack.

Silke Kettelhage: Renée Sintenis. Berlin, Bohème und Ringelnatz. Verlag Ebersbach & Simon, 144 Seiten, 20 Euro

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