Der Bullshit-Wort-Check Folge 15 : „Ehrlicherweise“
Was taugt dieser Begriff für das Verständnis der Gegenwart? taz FUTURZWEI testet Standards des politischen Sprechens. Heute: Ehrlicherweise.
taz FUTURZWEI | In unseren einfachen Kreisen sagt man „also, ehrlich“ oder „ganz ehrlich“, aber in den Grünensprech-Milieus hat sich neben „Zur Wahrheit gehört auch...“ der prätentiöse Begriff „ehrlicherweise“ etabliert. „Der Grund war ehrlicherweise vor allem meine Gesundheit“, sagte, nur mal zum Beispiel, die Grünen-Politikerin Ricarda Lang zur Erklärung einer körperlichen Veränderung, die sie vornahm. „Ehrlicherweise war es zuletzt oft anstrengend, von München aus der Ampelregierung zuzusehen“, schrieb eine andere Grünen-Politikerin zu Ampel-Zeiten. So geht das die ganze Zeit. Die Frage ist: Was soll in solchen Sätzen das „ehrlicherweise“ bringen?
Ehrlicherweise ist in der Theorie eine besondere Betonung von Aufrichtigkeit, im Sinne von: Du rechnest da nicht damit, aber ich sage jetzt mal was überraschend Ehrliches, weil ich die Courage dazu habe.
Peter Unfried ist Chefreporter der taz und Chefredakteur von taz FUTURZWEI, Magazin für Zukunft und Politik. Außerdem Kolumnist und Autor. Spezialinteresse: Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen ernsthafte Klimapolitik möglich wird. Unfried lebt in Berlin-Kreuzberg und wuchs in Stimpfach, Baden-Württemberg, auf.
Überall wird gelogen
Aber gerade als Journalist ist man damit vertraut: Wenn ein Politiker sagt, man solle bitte mal sein Aufnahmegerät ausschalten, weil er jetzt im Off und nur unter uns mal unverblümten Klartext spreche, dann kommt in der Regel so richtig was zum Gähnen. Und so ist es auch mit dem Adverb „ehrlicherweise“. Es ist zu einer Floskel der Qualität von „sozusagen“ verkommen oder „äh äh äh“.
Nun wird selbstverständlich in allen Bereichen gelogen, dass sich die Balken biegen.
Und es sind auch Floskeln Teil des Sprechens und können eine positive Funktion haben, egal, wie aufrichtig sie gemeint sind („Schön, dass Du da bist“ – „Mein Beileid“ – „Großartiger Text von Dir“).
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°35: Wohnzimmer der Gesellschaft
Demokratie braucht Orte des Gemeinsamen, Wohnzimmer der Gesellschaft. Die damit verbundenen positiven Gefühle konstituieren Heimat. Mit jeder geschlossenen Kneipe, leerstehenden Schule, verödenden Ortsmitte geht das Gefühl des Gemeinsamen, geht Heimat verloren. Das ist ein zentraler Zusammenhang mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus.
Mit: Aladin El-Mafaalani, Melika Foroutan, Arno Frank, Ruth Fuentes, Maja Göpel, Stephan Grünewald, Wolf Lotter, Luisa Neubauer, Jana Sophia Nolle, Paulina Unfried, Nora Zabel und Harald Welzer.
Nur halb ehrlich
Aber wenn Ehrlichkeit offensiv zu einer Floskel gemacht wird, und das speziell im politischen Betrieb, dann verstärkt das Vorbehalte, die ohnehin schon da sind. Wer extra betont, dass er „ehrlicherweise“ jetzt die Wahrheit sagt, der präsentiert sich nicht als aufrichtiger Charakter, sondern impliziert, dass er oder sie ansonsten eben nicht „ganz ehrlich“ ist, sondern nur halb ehrlich oder gar nicht ehrlich.
To wrap it up: Wenn „ehrlicherweise“ verwendet wird, ohne dass die jeweilige Behauptung in Frage oder im Widerspruch zu anderen Aussagen steht („Ich hab immer gesagt, meine Politik ist super, aber ehrlicherweise ist sie scheiße“), dann steht sie genau damit in Frage. Das gehört „ehrlicherweise auch zur Wahrheit“ (Annalena Baerbock).
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe N°35 unseres Magazins taz FUTURZWEI mit dem Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“ – erhältlich im taz Shop.