Debütalbum von Postpunk-Band: „Ich finde Dich nicht in der Disco“

Kratzige Gitarre, bellen oder nicht bellen. Die Hamburg-Berliner Postpunk-Band Erregung Öffentlicher Erregung veröffentlicht ihr Debütalbum.

Die Fünf von Erregung Öffentlicher Erregung

Gruß von der Datenautobahn: Die Band Erregung Öffentlicher Erregung Foto: Rosanna Graf

Manchmal kommen die besten Gelegenheiten gerade dann, wenn es einem schlecht geht. So geschehen ist es Anja Kasten. An der Kunsthochschule war kreativer Stillstand und auch um die Beziehung stand es mies. Ein Kommilitone fragte sie, ob sie Lust habe, in seiner Band zu singen, etwas, das sie zuvor noch nie gemacht hatte. Anja Kasten sagte spontan zu und entlud ihren künstlerischen Output in die Songtexte der Band Erregung Öffentlicher Erregung. Kastens Stimme klingt besonders, denn sie singt nicht nur mit ihr – sie schreit, sie bellt, ihre Stimme überschlägt sich.

Knapp acht Jahre ist das her, jetzt endlich erscheint das offizielle Debütalbum von Erregung Öffentlicher Erregung, kurz EÖE. Neben Anja Kasten gehören Michael Schmid am Schlagzeug, Gitarrist Michael Hager, der Bassist Laurens Bauer und Keyboarder Philipp Tögel zur Band. Geschmiedet wurde an der Musik ihres Werks zwischen Hamburg und Berlin.

Tatsächlich entstehen die Songs von Erregung Öffentlicher Erregung irgendwo im Dazwischen: Die Bandmitglieder schicken sich Songs und Ideen übers Internet hin und her, Proben finden auch mal als Onlinekonferenz statt. Was in der Pandemie für viele Alltag geworden ist, praktizieren EÖE schon seit Langem. Die Datenautobahn ist quasi ihr Übungsraum. Das passt zu den Videos und der Ästhetik der Band.

Nullen und Einsen als Wegweiser

Sie versetzen einen dahin zurück, als es die digitale Welt noch zu erkunden galt: Die Ästhetik von EÖE entspricht einer Science-Fiction-Reise aus Videospielen und Comics, in der Nullen und Einsen die einzigen Wegweiser sind. Einen Probenraum im analogen Leben haben EÖE trotzdem. Er befindet sich in Hamburg, wo mittlerweile nur noch Gitarrist und Keyboarder leben. Dort kommen sie dann zusammen, wenn Konzerte anstehen. Und das, obwohl sie in Hamburg ihre ersten Songs aufgenommen haben – mit relativ einfachem Equipment und selbst gefeilter Produktion. Die Musik musste raus, sobald sie komponiert war.

Erregung Öffentlicher Erregung: „EÖE“ (Schlappvogel Records/TheOrchard)

Live: 19. September „Knust“ Hamburg (im Rahmen des Reeperbahnfestivals)

weitere Termine in Planung

Und diese unmittelbare Energie hört man ihren frühen Songs an: Die ersten beiden Veröffentlichungen, die EP „Farbfernseher“ (2015) und das Mini-Album „Sonnenuntergang über den Ruinen von Klatsch“ (2017), waren kleine energetische Post-Punk-Bomben, mal melancholisch, mal laut, von Gitarre und Rhythmus genauso getrieben wie von Anja Kastens Gesang.

Damit gewannen Erregung Öffentlicher Erregung nicht nur den Hamburger Nachwuchsmusikpreis „Krach + Getöse“, sondern auch Scooter-Mikrofon-Reptil H.P. Baxxter als Fürsprecher. Vom Preisgeld mietete das Quintett das erste Mal ein richtiges Studio, bei den Sessions entstand die EP „TNG“ (2018), benannt nach der Nachfolgesendung der berühmten TV-Serie „Raumschiff Enterprise“ aus den 1960ern.

Erringung öffentlicher Fördergelder

Auch für das offizielle Debütalbum, schlicht „EÖE“ betitelt, gab es wieder Fördermittel. Erregung Öffentlicher Erregung gehören damit zu einer Reihe von Bands, deren Produktionen ohne Erringung öffentlicher Fördermittel nicht möglich wären – oder zumindest ganz anders klängen. Denn wenn mit Albenverkäufen nur noch geringe Erlöse erzielt werden, können Labels auch wenig Mittel für Produktionen vorschießen. Aufregende Musik entsteht als Lo-Fi im Schlafzimmer – oder eben mit Unterstützung staatlicher Gelder. EÖEs Musik gäbe es auch ohne diese.

Aber dank ihnen ging es mit dem Berliner Produzentenduo Balayage nun in ein Studio in Schleswig-Holstein, dessen Instrumentarium Eingang in die Musik fand. Wer will, kann eine Flöte entdecken und eine Orgel veredelt das melancholische, fast zärtliche Stück „Langeweile“. In „Blaue Zähne“ führt zuerst ein glockenheller Synthesizer durch den Song, übergibt dann aber an ein Cembalo – kein digitaler Effekt, sondern eingespielt vom Berliner Musiker und Autor Christian „Reverend“ Dabeler, der als Gast auf dem Album mitwirkt.

In „Vermessen“ treiben sich Bass und Schlagzeug gegenseitig an, die Gitarre kratzt zunächst bloß leicht im Ohr, übernimmt aber später die Melodie. Und Anja Kasten philosophiert darüber, was eine Person eigentlich ausmacht – ist es der Körper, das Selbst oder das, was man tut? „Mach mal ’ne Pause“, singt sie und zieht so schön ihre Silben in die Länge, wie es nur sie kann. Mit ihrer gnatschigen, leicht angefressenen Attitüde erinnert ihr Gesang genauso an britische Punkpioniere wie an Annette Humpe von Ideal oder die Band Kleenex aus der Schweiz.

Mehr als nur Gesang

„Disko“ läuft seinem Titel entsprechend auf einem geraden Beat, unterstützt vom trockenen Basslauf, verweist der Song mit seiner Synthesizer-Melodie zunächst eher an Elektronik-Pioniere als auf zeitgenössische Clubsounds, steigert sich aber zu einem verzweifelten Gitarrenmonster. Auch der Text kreist um die immer gleiche Frage: „Ich find’ Dich nicht in der Disko. Wieso?“ Wenn Anja Kasten singt, scheint das immer etwas mehr zu bedeuten. Ob es ums Trinken geht, um den Kater danach oder darum, Colakracher auf einer Parkbank zu teilen, der Stoff ihrer Texte ist dabei nur auf den ersten Blick banal.

Ihre Sprache verzichtet auf Ausschmückungen. Sie nutzt Alltagsworte, beschreibt damit aber mehr als nur den Alltag. So entmystifiziert sie Märchenstoffe und lässt jegliche Romantik auf dem Boden der Tatsachen ablaufen: „Lass Dein Haar herab, ich will herauf zu Dir / Du bist oben, ich hier unten / Du hältst Dich für was Besseres / dabei bist Du nur betrunken.“

Dazu wird der Flow der Musik immer wieder durch Zwischenspiele unterbrochen, die die Songs seltsamerweise ineinandermorphen: Es sind Skizzen, mit oder ohne Gesang, Fragmente, hängen geblieben irgendwo auf dem Weg zum Album. Ein Gruß von der Datenautobahn zwischen Berlin und Hamburg, so beschreibt es Gitarrist Michael Hager. Und ein Einblick in den nie abgeschlossenen Arbeitsprozess der Band. Eine Band, die hier gleichsam ein Best-of ihrer Ideen und Einflüsse ausbreitet, sich selbst vorzustellen versucht.

Damit klingen EÖE überlegter und ausgefeilter als je zuvor – was zu Kosten der rohen Unmittelbarkeit ihrer ersten EPs geht. Zudem bellt Anja Kasten auch nicht mehr. Aber ihre Komposition ist so vielseitig und überraschend wie nie zuvor und schafft es trotzdem, Ecken und Kanten mit aufs Album zu bringen. Und natürlich sind da auch noch Kastens Texte. Ihre dringlichen Fragen, beantwortet sie zwar nicht selbst, aber dafür werden diese sich die Hörer:innen immer wieder stellen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben